Peter Münder über Jake Adelstein


Der Yakuza-Jäger

– Der amerikanische Journalist Jake Adelstein arbeitete als erster westlicher Polizei-Reporter bei der größten  japanischen Zeitung Yomiuri Shimbun. Als er die  Machenschaften eines bekannten Yakuza-Bosses entlarvte und daraufhin massiv bedroht wurde, tauchte er in den USA unter. Inzwischen recherchiert er wieder in Tokio und betreibt eine Website zur japanischen Subkultur und organisierten Kriminalität. CrimeMag-Leser kennen ihn natürlich, deswegen sind wir auch über die neuen Entwicklungen besorgt und behalten sie im Auge. Das hat diesmal Peter Münder übernommen:

Für seinen Hausbesuch am späten Abend hatte sich der junge Polizeireporter Jake Adelstein, der einen Scoop in einer brutalen Mordgeschichte witterte, besonders gut vorbereitet: Die Namen der beiden kleinen Töchter des Tokioter Polizeikommissars hatte er herausgefunden, die größten erhältlichen Häagen-Dasz-Eisbecher besorgt, um sich bei den Mädchen einzuschmeichelnaber nun stand die Ehefrau des Kommissars mit ihren beiden Mädchen vor der Tür und sorgte für die totale Verunsicherung des Yomiuri-Shimbun-Reporters: „Wir haben schon ein Abo“, meinte die Mutter kurz und bündig undwas bist Du denn überhaupt?“ wollten die beiden Mädchen Chi-chan und Yuki-chan von ihm wissen. Als Adelstein sie mit dem Hinweis korrigieren wollte, sie meinten doch sicher, wer er sei, insistierten sie: Nein, so ein Wesen mit einer irre langen Nase, spitzen Ohren und kreisrunden Augen, das könne kein Mensch sein, sondern nur eine Art Alien oder ein komischer Kobold. Sie hatten vorher noch keinen Gaijin (Ausländer) gesehen und durften dann  an Adelsteins Langnase herumzerren und seine Ohren abtasten. So kam er mit dem Kommissar Sekiguchi, einem sympathischen, mitteilsamen Beamten, doch noch ins Gespräch und erfuhr wichtige Details über mehrere mysteriöse Mordfälle, in die ein verdächtiger brutaler Hundezüchter verwickelt war. Für dessen Verhaftung reichten die Beweise noch nicht aus, doch die Spürnase Adelstein sorgte mit frettchenhafter Verbissenheit und einfallsreichen Recherche- Manövern dafür, dass sich das änderte und der Serienkiller schließlich verhaftet wurde.

Keine Frage: Der aus Missouri stammende Adelstein, 44, Sohn eines Gerichtsmediziners, ist eine  absolute Ausnahme-Erscheinung. Seine Jagd nach heißen Stories gerät ihm, ähnlich wie dem ehemaligen Watergate-Enthüller Carl Bernstein, zur alles dominierenden Obsession. Er war Killern, Erpressern und Menschenhändlern im Rotlichtbezirk von Tokio auf der Spur, er gab  Mädchen aus Massage-Salons Englisch-Unterricht, er schlief mit einer  tätowierten  Gangsterbraut, um an Informationen über ihren Yakuza-Geliebten zu kommen – und er hat all das spannend und präzise in seinem  2009 erschienen Buch  „Tokyo Vice“ (dt. Ausgabe 2010) als faszinierenden autobiografischen Krimi- und Kulturgeschichts-Mix beschrieben.

Trouble mit dem Boss

Als Adelstein mit seinem größten Scoop enthüllen wollte, dass sich der Tokioter Yakuza-Boss Tadama Goto in Kalifornien trotz Einreiseverbots eine Leber am UCLA-Hospital in Los Angeles implantieren lassen konnte (von Tätowierungen, Drogen-und Alkoholexzessen verursachte Leberschäden sind die Berufskrankheit der Yakuza), stellten ihn die Yakuza vor die simple Alternative „Entweder Sie vernichten diese Story oder wir vernichten Sie, Adelstein-san“. Sein Buch „Tokyo Vice“, in dem er den  aufsehenerregenden Fall des Yakuza-Chefs beschrieb, der einen Deal mit dem FBI aushandelte, um für den Verrat von Yakuza-Interna ein Visum für die USA zu erhalten, wurde  jedoch nach massiven Drohungen vom japanischen Verleger abgelehnt, es erschien dann in den USA und wurde sofort ein Bestseller. Jake Adelstein war nach den Morddrohungen gegen ihn, seine Frau und die beiden Kinder zuerst  in den USA untergetaucht, er erhielt Polizeischutz und heuerte zwei Bodyguards an. Inzwischen lebt er wieder in Tokio, wo sein Haus von der Polizei bewacht wird. Die Bodyguards beschäftigt er immer noch. Einer ist der besonders treue und anhängliche Teruo Mochizuki, ein ehemaliger Yakuza, der sich mit seinem Clan überworfen hat und den vertrauenswürdigen  Amerikaner bewundert. Adelstein hatte ihn während seiner Reporter-Recherchen kennengelernt und sich mit ihm angefreundet.

Das „Giri“-Prinzip in der Grauzone: Als der 19-jährige amerikanische Student Jake Adelstein  1988 nach Tokio kam, um an der Sophia Universität Japanisch zu lernen, lebte er in einem buddhistischen Tempel und hatte keine Ahnung, was sich hinter der mafiösen  Gangstergruppierung Yakuza verbarg. Nach seinem Studium bestand er bei der größten japanischen Tageszeitung „Yomiuri Shimbun“ (zwei Ausgaben täglich/13,5 Millionen Auflage – die höchste weltweit) die extrem schwierige Aufnahmeprüfung und wurde 1992 der erste ausländische, auf Japanisch schreibende Polizeireporter der Zeitung. Als Rookie hatte er schnell kapiert, dass am allgegenwärtigen „Giri“-Prinzip kein Weg vorbei führte: Dieses auf absolutem gegenseitigem Vertrauen basierende Verhalten geht über ein pragmatisches „Eine Hand wäscht die andere“ hinaus und zielt auf einen wasserdichten Informantenschutz ebenso ab wie auf einen sorgsamen Umgang mit vertraulichen Informationen. Er passte sich den üblichen Reporter-Gepflogenheiten an: Den Übernachtungen mit den anderen Nachtschicht-Reportern im Schlafsaal des Polizei-Kommissariats, den Vereinbarungen mit der Polizei über Exklusiv-Informationen und geplante Veröffentlichungen in der Zeitung, dem höflichen Umgang zwischen Polizei und Yakuza, den familären Privatbesuchen bei Kommissaren.

Dumpfbacken-Image und Realität

Da die Yakuza meistens wie seriöse Geschäftsleute behandelt werden und sie auf ihren Visitenkarten offen als Yakuza ausgewiesen und ihre Schein-Firmen und Büros ebenfalls bekannt sind, wird der Anschein einer harmlosen, allseits akzeptierten Tätigkeit erweckt. Beim Eintauchen in das kriminelle Milieu bewegte sich Adelstein zwar sehr geschickt zwischen allen Fronten, er registrierte aber auch, dass die Verharmlosung der angeblich so tumben, tätowierten  Yakuza-Dumpfbacken den Gangstern und ihren gefährlichen Aktivitäten im Bereich der organisierten Kriminalität nur entgegen kam. Hat man in Japan nicht eine der niedrigsten Kriminalitätsraten der Welt – auf dem Niveau von Island oder der Schweiz? Sind die Chancen, in den USA ermordet zu werden, nicht zehnmal höher als in Japan? Und das, obwohl es in Japan 80.000 Yakuza-Mitglieder (in drei Clans gruppiert) gibt und in die amerikanische Mafia nur rund 5000 hat? Wozu also die dubiosen Machenschaften der Yakuza allzu sehr aufbauschen oder beachten? Das war lange die Einstellung vieler Politiker und der Mehrheit der Bevölkerung im harmonieseligen  Nippon. Als Adelstein mit den düsteren, brutalen Unterwelt-Aspekten wie Schutzgelderpressung, Menschenhandel, Prostitituton, Erpressung und in den letzten Jahren zunehmend mit Wirtschaftskriminalität in Kontakt kam, war er zwar schockiert, aber auch fasziniert. Diese Faszination hält trotz der immer noch massiven Yakuza-Drohungen an. Goto ist zwar inzwischen als Verräter aus seinem Clan verstoßen worden und vorübergehend in einem Kloster abgetaucht. Doch Adelstein, der inzwischen allein in Tokio lebt, während die Familie in den USA geblieben ist, bleibt auf der Hut: „Goto hat jetzt eine neue kriminelle Gang aufgebaut, seine Drohungen nehme ich immer noch sehr ernst.  Die Polizei-Patrouillen rund um mein Haus in Tokio hat die Polizei daher auch verstärkt.“

Inzwischen gibt es sogar einen an die Polizei ergangenen Erlass des Innenministers, jeden Monat 20 Yakuza-Mitglieder zu verhaften. Aber das kann nur eine kosmetische Imagepflege sein, vermutet Adelstein: „Damit könnte man vielleicht einen Abschreckungseffekt erzielen, aber viel wirkungsvoller wäre natürlich die Beschlagnahme von Yakuza-Vermögen, ihrer Scheinfirmen und der Nachweis ihrer Beziehungen zu Olympus.“ Diese lukrative Yakuza- Finanzschiene sollte man nicht unterschätzen: Mit Kreditbetrügereien, dem Verkauf von fast bankrotten Firmen und anderen dubiosen Transaktionen erwirtschaftet die Yakuza Milliarden: Allein 2008 fielen die Lehman-Brothers auf einen plumpen Kreditbetrug der Yakuza herein und verloren 350 Millionen Dollar.

Fukushima – und was nicht in der Zeitung steht

Inzwischen hat sich Adelstein als gesellschaftskritischer Watchdog auf das Analysieren und Kommentieren brisanter Ereignisse sowie Skandale kapriziert und hat zwei Buchmanuskripte in der Schublade. Als Japan erst vom Fukushima-GAU und  im Herbst noch vom Olympus-Skandal heimgesucht wurde, der offenbar durch dubiose Connections der Olympus-Konzernchefs zu  Finanzjongleuren und Buchhaltern der Yakuza ausgelöst wurde, kommentierte er dies auf seiner Website  und stellte auch Verbindungen zwischen dem Fukushima-Betreiber TEPCO und der Yakuza her: Yakuza-Mitglieder waren offenbar jahrelang in Fukushima im Reaktor beschäftigt gewesen und nach dem GAU waren Dutzende von tätowierten Männern bei Aufräumarbeiten im verseuchten Kernreaktor beobachtet worden. „Das liegt natürlich daran“, meint Adelstein, „dass diese Männer von der Yakauza erpresst werden; sie sind meistens hoch verschuldet und verzweifelt und riskieren nun für  die TEPCO ihr Leben.“

Kritisch begleitet er auch die japanische Berichterstattung über Fukushima:

„Die Katastrophe hat gezeigt, dass die japanischen Medien lange Zeit alles verschlafen haben, während die mitunter hysterisch reagierenden ausländischen Medien immer noch zuverlässiger waren als die japanische Regierung und TEPCO. Die hatten nur Lügen fabriziert, selbst dann noch, als es schon eine Kernschmelze gab.“ Sein Rundumschlag gegen korrupte staatliche Organe, die herrschende Politiker-Kaste und die unerträgliche Schlamperei bei TEPCO endet mit der Feststellung, Korruption sei wie Krebs und fresse Japan auf: „Wenn das Land wieder wachsen soll, dann müssen die Krebszellen beseitigt werden“. Aber  der kritische Adelstein, der inzwischen mehr als die Hälfte seines Lebens in Japan verbracht hat, beschreibt auch voller Bewunderung japanische Tugenden wie Hilfsbereitschaft, Vertrauen und Höflichkeit. Vor allem aber ist er nach seinem im letzten Jahr diagnostizierten Leberkrebs voller Lob für die von den staatlichen Krankenkassen gewährleistete medizinische Versorgung, die er sich in den USA nie hätte leisten können: „Ich könnte woanders gar nicht mehr leben“, betont er, „Japan ist meine Heimat.“

Dieser Beitrag erschien in veränderter Form in der Berliner Zeitung.

Peter Münder

Jake Adelstein: Tokio Vice: Eine gefährliche Reise durch die japanische Unterwelt. Riva Verlag 2010. Verlagsinformationen zum Buch. Japan Subculture Research Center.