Paul Verhaeghen: Omega Minor


Wüste barocke Collage

Auf radikal-rasante Weise ringt der Flame Paul Verhaeghen in seiner wüsten und barock ausufernden Collage „Omega Minor“ mit den „Nachwehen des 20. Jahrhunderts“. Monolithisch ragt er damit aus der Flut der wenig wagemutigen und stromlinienförmigen Romane der internationalen Literaturszene.

Enzyklopädisch ausgreifend erzählt der in New York kognitive Psychologie lehrende 41jährige von den Zäsuren und Wendepunkten in der jüngeren (deutschen) Geschichte. Aus verschiedenen Perspektiven rollt er den Nationalsozialismus, den 2. Weltkrieg und den Holocaust dabei ebenso auf wie Mauerbau und Mauerfall oder den erstarkenden Neofaschismus im Berlin der 90er Jahre. Doch damit nicht genug: Ganz nebenbei weiht er den Leser auch noch in die revolutionären Entdeckungen der Quantenphysik, in den darauf folgenden Wettstreit der Amerikaner und Deutschen um den Bau der ersten Atombombe und last but not least auch noch in das titelgebende „Omega“ ein, den „Parameter, der die Zukunft des Weltalls beschreibt“.

Das Epi-Zentrum des Romans bildet jedoch die Geschichte des Juden Josef de Heer. Dieser diktiert seiner zufälligen Krankenhaus-Bekanntschaft Paul Andermann, der als flämischer Postdoc in Potsdam am menschlichen Gedächtnis forscht, seine schier unglaubliche (Über-) Lebensgeschichte in den Laptop. Er, der anfangs noch der Überzeugung ist, dass wir im „Jahrhundert der Illusion des Verstehens“ leben und Schweigen daher den „finalen Mut“ darstelle, begehrt schließlich gegen eine Geschichtsschreibung auf, die als Reflex und Ritual, als „kollektive Selbstreinigung“ und „Taufe durch den Holocaust“ daherkommt. Die Überlebenden seien „Menschen wie du und ich“, die mit der Schuld des Überlebens leben müssten. Und dieses Überleben, das oftmals ein Überleben auf Kosten anderer und des Verrats gewesen ist, zeichnet Verhaeghen mit wuchtiger und provokativer Intensität, die immer wieder den Atem raubt und tief schlucken lässt.
Doch in einer postmodernen Volte, mit der sich die alles erfassenden Intertextualität und damit auch die Fiktionalität von Biographien und Geschichte erweist, macht Verhaeghen die Vergangenheitsbewältigung zum Spiegellabyrinth, in dem es keine Wahrheit mehr gibt.

Verhaeghen erzählt seine Geschichte in parallelen und nicht chronologisch aufgebauten Erzählsträngen, die immer wieder auseinander driften, um dann in einem apokalyptischen Finale kunstvoll zusammen zu schießen. Seine Prosa flutet dabei rauschhaft-rhythmisch und mit höchster Fabulierkraft und Sinnlichkeit dahin. Auch wenn er streckenweise mit seinem Hang zum Mönströsen, Obszönen und auch Pornographischen über die Stränge schlägt, verdient Verhaeghen für seinen Mut, seine explosive literarische Kraft und seine Perspektivenvielfalt höchste Bewunderung und sucht seinesgleichen in der gegenwärtigen Literatur. Auf irritierend-faszinierende Weise oszilliert Omega Minor“, wie es an einer Stelle des Romans selber heißt, „an der Grenze zwischen den inhärenten Greueln der Realität und der alles verzehrenden Ruchlosigkeit der Kunst“.

Karsten Herrmann

Paul Verhaeghen: Omega Minor. Eichborn Berlin 2006. 955 Seiten. 24,90 Euro. ISBN 3821857587

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