Geschrieben am 20. Juni 2012 von für Bücher, Litmag

Paolo Hewitt: Fab Fashion. Die Mode der Beatles / Hewitt and Baxter: The A to Z of Mod

Christina Mohr und Joe Paul Kroll über zwei neue Modebücher von Paolo Hewitt (eins zusammen mit Mark Baxter), die sich mit dem Dresscodes der Mods und dem Kleidungsstil der Beatles beschäftigen.

Fab Fashion, der Beatles-Stil

– Anzug ist nicht gleich Anzug. Auf solche Feststellungen legt Paolo Hewitt großen Wert. Denn nichts dürfte einen Erz-Mod wie ihn mehr ärgern, als von ahnungslosen Rabauken (sprich: Rockern) mit einem Bankkaufmann verwechselt zu werden. So stellt Hewitt klar: Die Beatles ließen sich nicht in eine Uniform pressen, sie erfanden vielmehr den Anzug neu – mit Stilsicherheit, Verwandlungsfähigkeit und Detailkenntnis, wie den Look der Beatles im Jahrzehnt ihres Bestehens prägen sollten.

Nun waren die Beatles natürlich zu keinem Zeitpunkt ihrer Karriere Mods. Ihre frühe Liebe galt dem Rock & Roll, und die Kluft der Teddy Boys wurde bald durch die Lederjacken der Hamburger Zeit abgelöst. Doch mit dem Abstand einiger Jahrzehnte lässt sich über solche Lagerkämpfe hinweg über Stilfragen fachsimpeln. Und so haben Paolo Hewitt und der Prestel-Verlag nun ein großformatiges, üppig bebildertes und schön gestaltetes Buch vorgelegt, das (mit Ausnahme wohl nur der Unterwäsche) keine Fragen zur „Fab Fashion“ offen lässt.

Was diesen Stil ausmachte – und diese Feststellung ist für die Musik der Beatles ebenso zutreffend – war das kaum greifbare Vermögen, vielfältige Einflüsse aufzunehmen und sich anzuverwandeln. Mit den Matrosen kamen nicht nur Rock & Roll- und Rhythm & Blues-Platten aus den USA nach Liverpool, sondern auch Jeans und die neuesten Looks. Auf die stilistischen Prägungen der einzelnen Beatles während ihrer Jugendzeit geht Hewitt detailliert ein, doch wie im Songschreiben sollten hier Kombination und Synthese kennzeichnend werden. Dieser Stil wurde von Anfang an als etwas Charakteristisches wahrgenommen und seine Transformationen, mithin im Rhythmus von sechs bis zwölf Monaten, schon in der zeitgenössischen Fan-Literatur aufmerksam verfolgt und gedeutet.

Es mag, so vermutet Hewitt, auch diese Pflege des Äußeren gewesen sein, welche die Beatles beim weiblichen Publikum so beliebt machte. Und in der Tat ließe sich argumentieren, der zur Androgynität tendierende Look der Frühzeit sei in Wahrheit progressiver gewesen als Bärte und Denim der letzten zwei, drei Schaffensjahre. Konkreter hingegen ist die Frage nach der wechselseitigen Beeinflussung der Beatles und ihrer Zeitgenossen. So hatte John Lennon den frühen Dylan – Arbeitshemd, Schiebermütze – nachgeahmt, woraufhin Dylan sich für seinen postfolkistischen Look von den Beatles anregen ließ. So ist es umso bedauerlicher, dass ein Vergleich mit den Rolling Stones fehlt. Man kann nur mutmaßen, dass Hewitt hier einem alten Mod-Vorurteil erliegt, wonach die Stones als ungewaschene, langhaarige Beatniks einfach nicht satisfaktionsfähig waren.

Das Thema „Frisuren“ darf natürlich nicht fehlen, und bekommt ein eigenes Kapitel – nur schade, dass dort Noel Gallagher als legitimer Erbe auftaucht. Schnell weitergeblättert, und man kommt zu einem sehr schönen Kapitel, das der Apple-Boutique (nicht zu verwechseln mit den Apple Stores von heute, Jungspunde!) gewidmet ist und vor dieser Folie die letzten Jahre der Beatles betrachtet. Der durch bestenfalls „experimentell“ zu nennende Geschäftspraktiken zu Fall gebrachte Laden stellte während seiner kurzen Blüte den Versuch dar, den Beatles-Stil in einem Sortiment von Kleidungsstücken und Accessoires zu vermarkten. Heute würde man wohl sagen, die eklektischen Kollektionen seien weniger kreiert denn „kuratiert“ gewesen. Apple darf man darin wohl als Vorläufer von Ketten wie Urban Outfitters oder Anthropologie begreifen.

Nach dem Sommer der Liebe kam die Ernüchterung. Und schon waren die Anzüge wieder da – in abgewandelter, individualisierter Form. So werden sie auf dem Cover von „Abbey Road“ getragen, einem Album, das zum Abschied eine Rückkehr zu den Ursprüngen markierte. Doch aus der naiven war schon längst eine sentimentalische Kunst geworden, die ihre Bestandteile vermischte und persiflierte, zerriss und neu zusammenfügte. Nicht mehr zusammenzufügen war die Identität einer Gruppe, die sich schon auf dem „Weißen Album“ als lockere Versammlung von Solokünstlern zu erkennen gegeben hatte und folgerichtig statt in einer Gruppenaufnahme durch vier Einzelportraits abgebildet wurde. Die Lust an der Verkleidung war verschwunden, und so bringt Paolo Hewitt denn auch das Ende auf den Punkt: „Die Kleider waren eingemottet und der Schrank fest verschlossen.“ Fans und Modeliebhaber gleichermaßen dürfen ihm dankbar sein, einen Schlüssel gefunden zu haben.

Joe Paul Kroll

Paolo Hewitt: Fab Fashion. Die Mode der Beatles. Übersetzt von Kurt Rehkopf. Prestel Verlag 2011. Über 300 Abbildungen. Gebunden. 240 Seiten. 39,95 Euro.

Die essentiellen Codes des Mod Way of Life

Ebenfalls bei Prestel erscheint „The A to Z of Mod“, ein 300 Seiten starkes, aber in handlichem Format gedrucktes Schlaues Buch, das nur wenige Fragen zur Mod-Kultur offen lässt. Mod-Experte Paolo Hewitt zeichnet auch in diesem Fall verantwortlich, ihm zur Seite standen Hewitts bewährter Co-Autor Mark Baxter und der britische Schauspieler Martin Freeman, den man aus Filmen wie „Love, Actually“, „The Hitchhiker’s Guide to the Galaxy“ und jüngst aus der TV-Serie „Sherlock“ kennt.

Freeman, der durch seine ausgewählte Garderobe als Verkörperung des zeitgenössischen Mod gilt, ist es auch, der im Vorwort schreibt, „The World thinks we´re mad anyway.“ Diese nur ein klein wenig kokettierende Aussage trifft den Nagel auf den Kopf, denn tatsächlich ist der Kreis derjenigen, die wissen, wie ein originales Baracuta´s G-9 Jacket aussieht, welcher Schuster den Desert Boot erfand und ob die Firma Brook´s Hemden oder Schuhcreme herstellt, recht klein. Diejenigen, die diese Kleidungsstücke auch besitzen, daneben rare Northern Soul-Singles sammeln und eine antike Lambretta – natürlich in crème – fahren, dürften sich allesamt persönlich kennen, denn die Mod-Scene ist klein und exklusiv.

Entstanden in den 1960er Jahren als Freizeitkultur der britischen Arbeiterjugend, entwickelte sich Mod (kurz für Modernists) rasch als extrem stilbewusste, eigenständige Gegenkultur – gegen Hippies, Rocker und andere ungepflegte Zeitgenossen. Das Maß des Hosenumschlags entschied, wer dabei war und wer nur ein lächerlicher Mitläufer; die Regeln, was Mod war und was nicht, waren so unübersichtlich wie pedantisch.

Mod war und ist viel mehr als nur Mode: Musik (Soul, Beat, Acid Jazz, Bands wie The Yardbirds, The Small Faces, The Who), Drogen (Drinamyl, Amphetamine), Filme (meist französische oder von Fellini) und motorisierte Zweiräder (die bereits erwähnte Lambretta, Vespa) bestimmten das Selbstverständnis. Mod ist wie viele Jugendbewegungen vornehmlich männlich geprägt, aber es gibt auch berühmte Modettes wie Model und Sängerin Twiggy, TV-Moderatorin Cathy McGowan und Sängerin Julie Driscoll, die ihre besten Zeiten in den Swingin‘ Sixties hatten, aber noch immer als Ikonen gelten.

„The A to Z of Mod“ punktet mit vielen Abbildungen, die auch dem ahnungslosesten Nicht-Mod einen gewissen Überblick über die essentiellen Ingredienzien und Codes des Mod Way of Life geben. Die Begleittexte sind zuweilen etwas knapp geraten und auch bei diesem Buch lässt sich wieder darüber streiten, ob Oasis wirklich respektable Erneuerer des Mod-Style oder nur einfältige Tölpel sind. Aber das müssen die wahren Mod-Experten entscheiden.

Christina Mohr

Paolo Hewitt and Mark Baxter: The A to Z of Mod. Englisch. Prestel 2012. 304 Seiten. 19,95 Euro.

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