Posted On 12. November 2014 By In Bücher, Litmag With 337 Views

Ngugi wa Thiongʼo: Der Fluss dazwischen

Ngugi wa Thiong’o_FlussVon der Unvereinbarkeit zweier Kulturen und Religionen

– Das Aufeinanderprallen zweier Kulturen, zweier Weltsichten, zweier Religionen, die beide für sich Anspruch auf Alleingültigkeit, Wahrheit und Reinheit stellen, ist das zentrale Thema von „Der Fluss dazwischen“ des kenianischen Schriftstellers und Literaturwissenschaftlers Ngugi wa Thiongʼo (*1938, Kamiriithu), der im Mai dieses Jahres den Ehrendoktor der Universität Bayreuth erhielt. 1966 erstmals erschienen, drei Jahre nach Kenias Unabhängigkeit vom Vereinigten Königreich, spielt der Roman noch während der Kolonialzeit, als das zentrale Hochland der Gikuyu (auch Kikuyu), im Gebiet zwischen Nyeri und Nairobi, noch nicht völlig von den Weißen eingenommen war. Der schottische Missionar Livingstone bekehrt eine Reihe von Gikuyu-Familien zum christlichen Glauben und schafft damit einen Konflikt, der den Stamm entzweit.

Die beiden Höhenzüge Kameno und Makuyu, getrennt durch das Tal des Lebens und den Fluss Honia, werden zum Leitmotiv der Auseinandersetzung und scheinbaren Unvereinbarkeit zweier Kulturen und Religionen: „Makuyu war die Heimat der Christen geworden, und Kameno blieb die Heimat der Weisheit und der Tradition des Stammes. Wer würde sie jemals wieder vereinen?“ (69). Der Protagonist, Waiyaki, Sohn des angesehenen Sehers Chege, steht zwischen beiden, in einem dritten Raum, der potenziell Hoffnung auf Versöhnung und Zukunft bietet, in dem er aber zwischen den antagonistischen Kräften zermalmt zu werden droht.

Denn sowohl Christen als auch die kiama (der Ältestenrat) pochen auf die Reinheit ihrer Lehre und arbeiten mit Verboten zur Exklusion der „Unreinen“. So werden auf der einen Seite beschnittene Kinder nicht mehr in der Missionsschule zugelassen und auf der anderen Seite dürfen die jungen Gikuyu-Männer keine unbeschnittenen christlichen Mädchen heiraten. Dieser Konflikt erlaubt es, die Romanhandlung auf das Jahr 1929 zu datieren. Bedauerlicherweise leidet die Menschheit aber nicht nur im kolonialen Kenia sondern vielerorts und jederzeit geradezu an einer pathologischen Amnesie bezüglich der Tatsache, dass es keine kulturelle (oder gar rassische) Reinheit in menschlichen Gesellschaften gibt, sondern alles menschliche Zusammenleben immer schon von einer Mischung geprägt war, die wir irrtümlicherweise im Laufe unseres kurzen individuellen Lebens als Einheit und Reinheit wahrnehmen.

Weibliche Genitalverstümmelung

Das Beschneidungsritual der Gikuyu wird zum identitätsstiftenden Faktor per se stilisiert, sein symbolischer Wert für den Zusammenhalt des Stammes immer wieder betont. Dass sowohl Jungen als auch Mädchen beschnitten werden, ist bei Ngugi wa Thiongʼo noch kein „Problem“ an sich. Zwar stirbt die junge Muthoni, die trotz des Verbots ihres christlichen Vaters am Beschneidungsritual teilnimmt, an den Folgen einer Infektion, dies ist im Roman jedoch nicht Anlass dafür, über die medizinischen und psychischen Folgen der Beschneidung bei Frauen (im Gegensatz zu Männern) zu reflektieren. Unser westliches Urteil, dass die Verstümmelung der weiblichen Genitalien eine „schlechte“ Tradition und somit abzuschaffen sei, steht in diesem Roman nicht zur Debatte. So gut unsere Gründe für den Kampf gegen diese Praxis auch sein mögen, es geht bei Ngugi wa Thiong’o um die Bewahrung der Identität der Gikuyu. Der Autor hat übrigens seine späteren Romane in der Gikuyu-Sprache verfasst – auch dies steht im Zeichen der Identitätsbewahrung, genauso wie das wiederholte Abrufen des Gründungsmythos des Stammes und die Verehrung seiner Urväter und Helden.

„Bei der Beschneidung der Frauen war nicht der körperliche Eingriff von entscheidender Bedeutung, sondern ihr innerer Wert für die Seele der Menschen. Dem konnte man nicht über Nacht Einhalt gebieten. Geduld und vor allem Bildung und Aufklärung waren vonnöten. Wenn die Religion der Weißen ihnen vorschrieb, einen Brauch aufzugeben, ohne etwas Gleichwertiges dafür zu geben, dann war man verloren“ (172).

Waiyakis so einfache wie naheliegende Erkenntnis, die wir allzu oft vergessen, sei es in der Entwicklungshilfe, sei es in der Weltpolitik, besteht darin, dass man nicht das vermeintlich „Schlechte“ einfach mit der Wurzel ausreißen kann, wenn man keinen mindestens genauso guten Ersatz dafür hat. Andernfalls kommt es zu einer gefährlichen Entwurzelung, die die Betroffenen auf verschiedenen Ebenen verwundbar macht: politisch, sozial, privat.

Autor Ngugi wa Thiong’o (Bildquelle: Unionsverlag)

Autor Ngugi wa Thiong’o (Bildquelle: Unionsverlag)

Der Mittelweg als Panazee

Ist Waiyaki dazu bestimmt, ein neuer Held zu werden? Er beschreitet, einen mutigen Mittelweg zwischen Kameno und Makuyu, den Christen und den Gikuyu, und situiert sich bildlich im Fluss Honia, dessen Name wörtlich „Heilung“ oder „Wieder-zum-Leben-Erwecken“ bedeutet: Der goldene Mittelweg erscheint als die Panazee für den Kulturkonflikt. Waiyaki wird Lehrer und errichtet Schulen, in denen die Gikuyu-Kinder das Wissen der Weißen erlernen sollen, ohne deswegen gezwungen zu werden, ihren eigenen Traditionen abzuschwören. Er weiß selbst nicht genau, wohin die Reise führen soll, doch er spürt, dass Bildung der Schlüssel zu Frieden und Zukunft darstellt und die Gikuyu nur durch Bildung ihre kulturelle Auslöschung abwenden können. Waiyaki stößt in letzter Konsequenz aber auf beiden Höhenzügen (Kameno und Makuyu) auf vehemente Ablehnung und wird als Verräter gebrandmarkt.

Das Ergreifende und gleichzeitig Spannende an diesem Roman ist die Verbindung der politischen und kulturellen Ebene mit der Geschichte einer Liebe, die nicht sein darf (Waiyaki liebt die unbeschnittene Nyambura), eine Liebe, die es eben nicht schafft, die Grabenkämpfe zu überwinden – ein uraltes, immer wieder tragisches Thema der Menschheit.

„Der Fluss dazwischen“ ist gerade heute von unerhörter Aktualität: Die Unversöhnlichkeit zwischen Religionen, ihr Anspruch auf „Reinheit“, die (häufig) irrationale Angst der einen, in ihrer Identität von den anderen überrollt zu werden, und die religiöse Verschleierung von Machtansprüchen sowie Fanatismus (hier besonders von christlicher Seite!) verweisen auf die primitivsten Gefühle und Triebe der Menschen: Neid, Eifersucht und Hass, häufig als Folge von Ausgrenzung und Demütigung. Es sind Triebe, die ja gerade nicht zu den Tugenden der großen Weltreligionen gehören (Nächstenliebe, Toleranz), die aber immer wieder im Namen der Religion ausgelebt werden. Am offenen Ende des Romans, das nichts Gutes verheißt, behält der noch unsichere Waiyaki Recht, wenn er all seine Hoffnung auf Bildung setzt, eine Bildung, die uns zum Dialog befähigen soll; eine Bildung, die die Menschheit aber noch nie so flächendeckend erlangt hat, dass ein anhaltender Dialog tatsächlich möglich gewesen wäre.

Ein absolut lesenswerter Roman, der mit Feingefühl und Ruhe in eine fremde Kultur einführt, und uns einmal mehr daran erinnert, dass der Mensch im Grunde überall und zu allen Zeiten gleich gut und gleich schlecht ist und sich nur Austragungsort und Waffenarsenal der Konflikte ändern.

Doris Wieser

Ngugi wa Thiongʼo: Der Fluss dazwischen (The River Between, 1966). Aus dem Englischen von Anita Jörges-Djafari. Unionsverlag 2014. 184 Seiten. 10,95 Euro. Verlagsinformationen zu Buch und Autor.

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