Geschrieben am 8. Oktober 2014 von für Bücher, Musikmag

Mohr Music: Girl Trouble – Trouble Girls

girltroubleIn your fucking face!

Mädchen und junge Frauen machen nichts als Ärger: Sie begehren auf, interessieren sich nur für Klamotten und Sex, wollen weder kochen noch nähen lernen und sind eine Schande für die ganze Familie – und das nicht erst seit den letzten paar Jahren, sondern im Grunde schon immer. Wahrscheinlich kennt jede weibliche Leserin den sorgenvollen Stoßseufzer ihrer Erziehungsberechtigten: „Kind, mach‘ mir bloß keinen Kummer!“

Worin der Kummer mit Mädchen besteht, ist klar: Ungewollte frühe Schwangerschaften (unerreicht in der Hitliste der Elternsorgen), ungebührendes Betragen, schlechter Umgang, nuttiges Aussehen, Aufsässigkeit. Jungs werden pubertäre Kapriolen schon eher mal verziehen, schließlich ist es doch das gute alte Steinzeiterbe (Mann Jäger, Frau Hüterin der Höhle), für das Knaben nichts können und deshalb ungehindert Mädchen schwängern und Autos kaputtfahren dürfen.

Die britische Sozialhistorikerin Carol Dyhouse beschreibt in ihrer inzwischen in zweiter, aktualisierter Auflage erschienenen Studie „Girl Trouble“ die Wahrnehmung junger Frauen seit den Anfängen des vergangenen Jahrhunderts. Pointiert, witzig, scharfzüngig und vor allem eloquent und sachkundig lässt Dyhouse „Flapper Girls“, „Baby Dolls“ und „Beat Girls“ wieder auferstehen und verliert nie die Historie aus dem Blick: Feministische Ur-Bewegungen wie die Suffragetten arbeitet sie ebenso ein wie die Riot Grrrls der 1990er-Jahre. Dyhouse rekurriert ausschließlich auf wahre Geschichten, öffentliche Skandale und popkulturelle Ereignisse aus Großbritannien, aber die kruden und überkommenen Moralvorstellungen, denen sich ungezogene (= freiheitsliebende) Mädchen ausgesetzt sahen und sehen, dürften links und rechts des Ärmelkanals dieselben sein. Absolut lesenswert und ein Must-Have für jede feministische Hausbibliothek.

Viv Albertine, Jahrgang 1954, ist ein Trouble Girl par excellence: Die in Australien geborene Viviane Katrina Louise zog als Kind mit ihrer Familie nach London, wo sie schon als junges Mädchen spürte, dass sie anders war als viele ihrer Freundinnen – das Rebellentum fiel ihr aber nicht unbedingt leicht, schließlich wollte sie ihre Mutter und Schwester nicht brüskieren. Aber der Ruf der Kunst und der erblühenden Londoner Punkszene war stärker: Viv wurde Stammgast in Vivienne Westwoods und Malcolm McLarens Laden auf der Kings Road, „Sex“, freundete sich mit (dem extrem schüchternen) Sid Vicious an, brachte sich selbst – zum Leidwesen ihrer WG-GenossInnen – das Gitarrespielen bei und wurde nicht zuletzt wegen ihres einzigartigen Stils Mitglied der einflussreichen Frauenpunkband The Slits.

Albertines Autobiographie „Clothes Clothes Clothes Music Music Music Boys Boys Boys“ (der Titel bezieht sich auf die stetige Klage ihrer Mutter, dass diese drei Dinge das Einzige seien, was Viv im Kopf hätte) besteht – das Buch, aber ganz buchstäblich auch ihr Leben – aus zwei Teilen: Im ersten Teil erzählt Viv ihre Punk-Geschichte mit den Slits, im zweiten Teil geht es in erster Linie ums Private. Mit dem Ende der Slits war nämlich auch Viv Albertines musikalische Laufbahn vorerst vorbei: sie fiel in eine tiefe Sinnkrise, arbeitete als Aerobic-Lehrerin und nach Jahren der Depression als erfolgreiche Filmregisseurin. Als sie heiratete und späte Mutter wurde, war sie jahrelang ausschließlich das: A Hastings Housewife. Albertines Geschichte ist dramatisch (kurz nach der Geburt der ersehnten Tochter erkrankt sie schwer an Krebs) und liest sich teilweise so erschütternd, dass man das Buch zur Seite legen muss. Glücklicherweise entwickeln sich die Dinge für die ältere Viv erfreulich – sie macht wieder Musik und beginnt, ihre Memoiren zu schreiben… mehr Details zu verraten, wäre unfair, denn „Clothes…“ ist ein Leseerlebnis der ganz besonderen Güte. Muss man selber lesen, unbedingt.

Lauper-Erinnerungen-grossAuch Popikone Cyndi Lauper hat eine Menge zu erzählen – will sagen, wer mit Lauper nur Hits wie „Girls Just Wanna Have Fun“ und „True Colours“ verbindet, kennt den interessanteren Teil ihres Lebens nicht. Zusammen mit der New York Times-Journalistin Jancee Dunn hat Lauper ihre ergreifende Story aufgeschrieben – man hört Cyndi förmlich durch die Zeilen plappern und langweilt sich keine Sekunde. Ähnlich wie bei Viv Albertine halten sich Privates und Pophistorisches die Waage, wobei Cyndi Lauper ja aus der Perspektive eines Beinah-Megastars (jaja, die ewige, von außen konstruierte Konkurrenz zwischen Madonna und ihr) berichtet, es in ihrem Buch also glamouröser zugeht als bei Albertine, aber nicht weniger intim, herzlich und selbstironisch.

Cyndi Lauper und Viv Albertine sind natürlich bestens im popkulturellen Gedächtnis verankert, dennoch ist es in diesem Zusammenhang angebracht, auf das bereits 2007 erstmalig erschienene Buch „The Lost Women of Rock Music“ der britischen Kunstprofessorin Helen Reddington hinzuweisen. Das Buch erschien 2012 in aktualisierter Neuausgabe und beschäftigt sich vornehmlich mit der veränderten Rolle von Musikerinnen während der Punk-Ära, also den späten 1970er- und frühen 1980er-Jahren. Bis dahin waren Frauen entweder Background- oder Hauptsängerinnen, sehr viel seltener Musikerinnen in einer Band. Punk änderte vieles (siehe auch The Slits), aber nicht alles, und keineswegs nur zum Besten. Vordergründig war im Punk zwar alles möglich – also SOGAR Frauen an Gitarre, Bass und Schlagzeug – aber viele männliche Punkmusiker wollten in ihren Kumpelseilschaften keine Frauen dabei haben. Reddington hat für ihr Buch viele Punkmusikerinnen interviewt (unter anderen auch Viv Albertine, Tessa Pollitt, Poly Styrene und Lora Logic). Ein umfangreicher Anmerkungsteil rundet das Buch ab, das zwar durchaus universitär daherkommt, für feministische Punkfans aber bereits zum Standardwerk geworden ist.

Als Soundtrack zu den oben vorgestellten Büchern empfiehlt sich die streng limitierte Deluxe Box „Start Together“, die alle sieben Studioplatten der BEST PUNKBAND EVER (Zitat Rob Sheffield), nämlich Sleater-Kinney beinhaltet, dazu gibt es ein schickes Buch mit bisher unveröffentlichten Fotos und Flyer-Drucken.

Sleater-Kinney kamen aus Olympia, Washington, existierten von 1994 bis 2006, bestanden aus Corin Tucker, Janet Weiss und Carrie Brownstein, der die zweifelhafte Ehre zuteil wurde, vom Rolling Stone zur # 12 der „25 most underrated guitarists“ ernannt zu werden. Sleater-Kinney waren Riot Grrrls – aber vor allem unfassbar tolle, kluge, versierte Musikerinnen mit explizit politischer Haltung. Ihre Songs waren so emotional wie rauh, elegant, musikalisch differenziert UND in-your-fucking-face.

Da es von der Deluxe Box weltweit nur 3000 Exemplare geben wird (und Du und ich keins davon ergattern werden), veröffentlicht Sub Pop zeitgleich alle Alben von Sleater-Kinney remastered auf CD und Vinyl neu. Immerhin. Aber auch: unnötig, denn besagte Platten („Sleater-Kinney“, „Call The Doctor“, „Dig Me Out“, „The Hot Rock“, „All Hands On The Bad One“, „One Beat“, „The Woods“) hat man ja eh schon zuhause.

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Sleater-Kinney: Start Together (7 LPs + 44-seitiges Buch/SubPop). Zur Webseite.

Viv Albertine: Clothes Clothes Clothes Music Music Music Boys Boys Boys (Faber & Faber, Broschur, 422 Seiten).
Carol Dyhouse: Girl Trouble. Panic and Progress in the History of Young Women (Fernwood Publishing/Zed Books, Broschur, 312 Seiten, aktualisierte Neuausgabe 2014).
Cyndi Lauper: Erinnerungen (mit Jancee Dunn / Lübbe Ehrenwirt / Hardcover mit Schutzumschlag, 382 Seiten / Übersetzt von Bernhard Schmid).
Helen Reddington: The Lost Women of Rock Music. Female Musicians of the Punk Era (Equinox Publishing, Broschur, 264 Seiten).

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