Geschrieben am 16. Januar 2013 von für Bücher, Musikmag

Mohr Music: Geniale Dilletanten*: Subkultur Westberlin 1979 – 1989

mueller_subkultur_westberlinChronist und Aktivist

– Dschungel, Risiko, SO 36, Shizzo, Penny Lane, Anderes Ufer, Frontkino, Ex’n’Pop, Kumpelnest 3000: wem diese Namen etwas sagen, war entweder Anfang bis Mitte der 1980er Jahre im Nachtleben Westberlins selbst unterwegs oder hat sich später entsprechendes Wissen über Zeiten und Orte angeeignet. Selbst dabei gewesen und mit einem schier unerschöpflichen Gedächtnis gesegnet ist der Künstler, Musiker und Autor Wolfgang Müller, der Ende der siebziger Jahre seine Geburtsstadt Wolfsburg verließ, um in Westberlin unter anderem das Band- und Kunstprojekt „Die Tödliche Doris“ zu gründen.

Die Inselstadt Westberlin war Sehnsuchtsort und Auffangbecken für Wehrdienstverweigerer und Dropouts aller Art und trotz oder gerade wegen ihrer Trostlosig- und Schäbigkeit eine vergleichslose Keimzelle der Kreativität – die sich vorwiegend in neu gegründeten oder alteingesessenen Bars, Clubs, Kinos und Discos Bahn brach oder auch mal Pause machte.

Wolfgang Müller, der seinen Namen in Punkzeiten temporär zu „Wolf Müll“ verkürzte, nahm die neuen Bewegungen begierig auf und war dabei, beobachtend und gestaltend. Sein Buch „Subkultur Westberlin“ ist eine sehr persönliche, vor allem aber unfassbar informative Sicht auf die in künstlerischer Hinsicht wilden zehn Jahre von 1979 bis 1989, als in Westberlin wenig möglich war, aber alles machbar schien. Bars und Galerien öffneten und schlossen quasi täglich, Stars wie David Bowie, Iggy Pop und Nick Cave ließen sich hier nieder, zogen durch die Bars und ließen sich vom divenhaften Blixa Bargeld im Risiko das Bier ausschenken.

Rainer Werner Fassbinder stürzt auf dem Tanzboden des Dschungel und bleibt betrunken liegen – die anderen Gäste tanzen ungerührt um ihn herum, schließlich könnte Fassbinders Sturz auch eine besonders krasse Performance sein. Der Maler Martin Kippenberger wird im SO 36 von der „Ratten-Jenny“ mit einem Bierkrug verprügelt, Matthias Roeingh (der spätere Dr. Motte) schenkt seiner Freundin Danielle de Picciotto die erste Loveparade zum Geburtstag – Geschichten wie diese gibt es unzählige in Müllers Buch, der Autor schöpft aus seinem eigenen Erfahrungsschatz, traf aber auch viele Leute, um sie heute zu ihren künstlerischen Anfängen in W-Berlin zu befragen.

Ganz nebenbei schreibt Wolfgang Müller aber auch die Geschichte seiner eigenen Band – oder besser des Projekts von ihm, Käthe Kruse und Nikolaus Utermöhlen – Die Tödliche Doris, die sich auf der Dokumenta 8 wiederfand, erzählt von seiner Bekanntschaft mit der amerikanischen Fotografin Nan Goldin, und wie Karl Lagerfeld und Claudia Schiffer einmal ein Fotoshooting in der Szenebar Kumpelnest 3000 machten und Lagerfeld von der Ratten-Jenny ein Glas Rotwein schnorrte. Hach, „Subkultur Westberlin 1979 – 1989“ ist einfach ein herrliches Buch: das fanden offenbar schon viele Leute, denn die erste Auflage war binnen dreier Wochen vergriffen!

Die tödliche Doris 1987. Foto: Denis Barthel

Die tödliche Doris 1987. Foto: Denis Barthel

Christina Mohr hat Wolfgang Müller ein paar Fragen gestellt, zum Beispiel, wie es Ben Becker wohl findet, dass er in Müllers Buch – ganz im Gegensatz zu seiner punkigen Selbstglorifizierung in Jürgen Teipels Doku-Roman „Verschwende deine Jugend“ – nicht ganz so cool rüberkommt:

Wolfgang Müller: Ja, einige Leute flippen bereits schon aus, z.B. einer, der im Buch gar nicht vorkommt und davon überzeugt ist, er müsse unbedingt dabei sein. Und einer, der vorkommt, sich aber völlig anders sieht. Dann kritteln einige herum an unbedeutenden Unpräzisitäten, z.B welche Gruppe war einen Monat früher da, oder vermissen Bars, von denen sie überzeugt sind, dass die viel wichtiger gewesen wären (weil sie dort die ganze Zeit abhingen). Das war aber zu erwarten. Jemand von der taz meinte auch zuerst, es sei doch Ben Becker-Bashing im Buch, aber ich sagte: Unsinn. Was da steht sind offene Geheimnisse. Jeder weiß, dass Ben B. nie ins Chaos, Shizzo oder Risiko ging, der suchte schon mit fünfzehn Jahren nach Prominenten in der zweiten Etage vom Dschungel. Und heute singt er beim ZDF-Gala-Benefiz mit Vicky Leandros für kranke Kinder. Das ist genau das, was er schon mit fünzehn wollte: er ist der prominentenjagende Punk.

War es deine eigene Idee/Bedürfnis, dieses Buch zu schreiben oder ist man auf dich zugekommen?

Hans Hütt empfahl mich mal dem LETTRE-Chefredakteur Herrn Berberich für die Berlin-Nummer. So konnte ich zum ersten Mal ausführlicher über die subkulturelle Szene im Westberlin der 1980er Jahre schreiben. Das hatte ich zwar davor in Büchern vom Martin Schmitz- und im Verbrecher-Verlag bereits getan, aber in kürzeren Texten. Dem Lektor Jan-Frederik Bandel gefiel ganz besonders dieser LETTRE-Text. So konnte ich meinen langgehegten Plan, ein ausführliches Buch über diesen Zeitabschnitt in Westberlin zu schreiben, im philo fine arts-Verlag realisieren. Bedauerlicherweise kündigte der Lektor beim Verlag gerade, als ich mein Buch bei ihm abgab. Zum Glück übernahm Katha Schulte das Lektorat und es entwickelte sich eine sehr produktive Atmosphäre, so dass wir trotz der knappen Zeit das Buch noch Ende des Jahres fertigstellen konnten.

Das Buch ist ja weit mehr als „nur“ die Beschreibung verschiedener Szenen, so schreibst du ja quasi nebenbei auch die Geschichte der Tödlichen Doris. Wolltest du von Anfang an ein „Komplettwerk“ schreiben oder kam das so beim Verfassen?

Der Körper der Tödlichen Doris bildete sich ja aus den Elementen der 80er Jahre in einem bestimmten, begrenzten Raum: Westberlin. Ich habe mich darauf beschränkt, vor allem Bands, Künstler und Musiker zu beschreiben, die auf ihre Umgebung direkt Bezug nahmen und in ihrem Werk verarbeiteten. Die Bands, die fröhlich beschwingte Hitparadenmusik oder etwas Ähnliches wie andere Bands irgendwo in der Welt machen wollten, waren, auch wenn sie musikalisch gut waren, nicht so interessant für mich. Was ich hören wollte, war der Klang dieser grotesken Halbstadt. Das kann sehr unangenehm sein und gar nicht schön, aber es klingt mit dem Verlauf der Zeit vielleicht immer schöner, interessanter, spannender. Westberlin klang nicht wie Abba oder Donna Summer – deshalb lief das wohl auch ständig in den Diskotheken dort – , Westberlin klang vielleicht mehr wie Liebesgier, Gudrun Gut, die Dominas, Frieder Butzmann, Einstürzende Neubauten, Sven Ake Johannson und Die Tödliche Doris.

Wieso schreibst du über dich in der dritten Person?

Als ich am Buch schrieb, stellte ich fest, dass ich mich gar nicht exkludieren kann und möchte. Die Beschreibungen und meine Wahrnehmungen habe ich damals ja in den Körper integriert, der dann Die Tödliche Doris wurde. Da die Person, die da als Wolfgang Müller im Westberlin dieser Zeit spaziert, ist sie eh verdoppelt, haben deren Handlungen mit meinen in der Gegenwart nur bedingt zu tun. Das wäre mir da viel zu nötigend und zu intim.

Hast du Tagebücher geführt oder wie kommt es, dass du dich so lückenlos an ALLES erinnern kannst? Bin jedenfalls schwer beeindruckt…

Meine 82-jährige Mutter sagte kürzlich, als sie zu Weihnachten meinen Bruder Max und mich besuchte stolz: Jaja, der Wolfgang konnte im Alter von sechs Jahren schon über hundert Volkslieder auswendig, mit sämtlichen Strophen! Mir war das selbst lange Zeit nicht bewusst, bis mir Leute sagten: Wie, das weißt du noch? Ich glaube, ich kann wirklich viel speichern und mir viel merken. Wenn ich ein Lied zweimal höre, kann es sein, dass ich den Text auswendig weiß. Trotzdem haben mir auch viele weitergeholfen beim Schreiben, wenn sie mir etwas erzählten, was ich noch gar nicht wusste oder tatsächlich vergessen hatte.

Hast du gezielt Interviews geführt oder sind die O-Töne Ergebnisse deiner ganz alltäglichen Treffen/Gespräche?

Es ist eine Mischung. Ich habe aus Vorhandenem zitiert, wenn mir das Zitat besonders gefiel, wenn es etwas auf den Punkt brachte, wie bei Alexander von Borsig, als er schildert, wie er den Tag damals in Westberlin verbrachte. Mit einigen habe ich mich auch getroffen, wenn ich annahm, ich könnte noch etwas Zusätzliches erfahren, was nicht so bekannt und neu für mich ist. Menschen, die es mögen, ganz offen zu reden wie Gudrun Gut, Mark Ernestus, Marianne Enzensberger und Zazie de Paris. Sicher hätte ich noch viel mehr Leute treffen können, aber mir ging es nicht um Vollständigkeit oder mit dem Gestus „Ich mache jetzt ein Buch über dich!“ den Leuten gegenüber zu treten. Dann haben sie zwar die Möglichkeit, ihr Image darzustellen, beziehungsweise ihr Schauspieltalent zu beweisen, wie es damals Ben Becker sehr erfolgreich bei Jürgen Teipel („Verschwende deine Jugend“) gelang, aber das Image hinter dem Image ist doch viel interessanter für alle oder?

Fühlst du dich selbst als Chronist, Protagonist, Aktivist…?

All dies verschränkt sich miteinander in immer unterschiedlicher Gewichtung. Hier war ich sowohl Chronist, als auch Aktivist. Ich habe irgendwann festgestellt, dass sich z. B. niemand dafür interessiert, dass ich 1984 sowohl der staatlichen DDR-Plattenfirma AMIGA als auch der BRD-Plattenfirma ATATAK jeweils eine LPs der Tödlichen Doris anbot, die – was beide Firmen aber nicht wussten – zusammengespielt eine dritte, unsichtbare Schallplatte im Kopf der Hörer ergeben. Als diese Geschichte vor wenigen Jahren in LETTRE stand, wurde sie sofort ins Französische für die Zeitschrift Courier International übersetzt, in einer Sondernummer „Wie Musik die Welt revolutionierte“. Dort wurde sie neben Hip-Hop aus dem Magreb, Underground aus Prag der 1970er, unter „Wie die Tödliche Doris die Wiedervereinigung vorformte“ publiziert. Obwohl all die Informationen über solche künstlerischen Projekte öffentlich zugänglich waren, wurden sie von den Medien bis dato fast gänzlich ignoriert. Offenbar muss man alles selber machen.

Kommt irgendwann der zweite Teil, also Berliner Subkultur ab 1990, oder bist du daran weniger interessiert?

Dieses Buch ab 1990 habe ich ja bereits geschrieben: „Neues von der Elfenfront. Die Wahrheit über Island“(edition Suhrkamp). Das beginnt 1990: als die Insel Westberlin verschwand, verschwand ich auf die Insel Island. Das Buch spielt genau im nächsten Jahrzehnt. Ich habe auch ein Buch von 1970 bis 2500 geschrieben, KOSMAS (Verbrecher Verlag).

Letzte Frage: Wie schaffst du es, SO produktiv zu sein?

Mit meiner Arbeit versuche ich ständig, meine FREIZEIT zu vergrößern. Da bin ich in der privilegierten Situation, von meiner Kunstproduktion leben zu können. Eigentlich müsste ich Millionär sein, wenn die FDP wirklich Recht hätte und sich Leistung lohnen würde – in Form von Geld. Wichtig ist auch, dass ich gern mit Menschen zusammenarbeite, denen ich vertraue und die ich schätze. Allein kann niemand etwas hervorbringen.

Wolfgang Müller: Subkultur Westberlin 1979 – 1989. Freizeit (Philo Fine Arts / Fundus 203 / Gebunden, 580 Seiten). Verlagsinformationen zum Buch. Zur Homepage von Wolfgang Müller.

* 1981 fand im Berliner Tempodrom mit KünstlerInnen wie Frieder Butzmann, Die Tödliche Doris, DIN A Testbild, Gudrun Gut und Christiane F. das Festival „Geniale Dilletanten. Die große Untergangsshow“ statt, 1982 erschien im Merve Verlag Wolfgang Müllers gleichnamiges Buch über Festival und künstlerische Bewegungen. Der Rechtschreibfehler in „Dilletanten“ (= Dilettanten) wurde zum Programm.

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