Miranda July: Es findet dich


Sensible Antennen fürs Schräge und Abseitige

– Die vielen Fans von Miranda July lieben die 38-jährige amerikanische Schriftstellerin, Regisseurin, Schauspielerin, Drehbuchautorin, Musikerin-und-überhaupt-Künstlerin genau dafür: dass sie alles ausprobiert und alles kann, ihrer Generation Stimme und Gesicht gibt, obwohl (oder weil) sich ihre Geschichten hauptsächlich um sich selbst drehen.

Die nicht so zahlreichen July-KritikerInnen monieren ihre idiosynkratische, egozentrische, durchaus berechnende Art, die die als Miranda Jennifer Grossinger geborene July nur vordergründig als verhuscht und versponnen erscheinen lässt. Hinter dem kulleräugig-verträumten ewigen Girlie verberge sich eine kalte Strategin, die ihre wie zufällig ausgewählt wirkende Vintage-Garderobe sorgsam von teuren Designern fertigen lässt.

Wie dem auch sei: ihre Kurzgeschichtensammlung „No One Belongs Here More Than You“ von 2007 (auf Deutsch erschienen bei Diogenes als „Zehn Wahrheiten“ (zur CM-Rezension) wurde zu Recht über den grünen Klee gelobt und präsentierte July als sensible Autorin, die in scheinbar nebensächlichen Details das große Ganze entdeckt.

Ihr aktuelles Buch „Es findet dich“ (Originaltitel „It Chooses You“) ist Miranda Julys erstes nicht-fiktionales Werk, dessen Grundidee – natürlich, möchte man hinzufügen – auf ein ganz persönliches Problem Mirandas zurückgeht. Vor ca. zwei Jahren litt July unter einer massiven Arbeitsblockade: ihr Filmprojekt „The Future“ steckte fest. Die Story um das Paar Sophie und Jason, das einen alten Kater namens Paw Paw adoptieren will, kam nicht recht voran, Miranda war von ihren ProtagonistInnen eher angeödet als inspiriert. Was tut jede/r Kreative/r in dieser Situation? Prokrastinieren, logisch.

Miranda Julys Prokrastination äußerte sich vor allem in der Lektüre des Anzeigenblättchens „Penny Saver“, das an beinah jeden Haushalt in Los Angeles ausgeliefert wird. July war fasziniert von den angebotenen Artikeln wie Lederjacken, Kaulquappen oder Glücksbärchis und beschloss, die VerkäuferInnen zuhause aufzusuchen und zu interviewen. Gemeinsam mit der Fotografin Brigitte Sire und einem Assistenten besuchte sie die Menschen, die diese Anzeigen aufgegeben hatten – erstaunlich viele waren zu Interviews bereit, zehn davon sind  in „Es findet dich“ nachzulesen.

Domingo sammelt Zeitschriftenbilder, Foto: Diogenes Verlag

Miranda July wäre nicht Miranda July, wenn in den abgedruckten Interviews nicht mindestens genauso viel über sie selbst wie über ihre GesprächspartnerInnen zu lesen wäre. Aber der Autorin gelingt es, gefühlvolle Porträts äußerst unterschiedlicher Personen zu zeichnen und dabei trotzdem ihre eigene momentane Lebenssituation darzustellen, ohne sich allzu sehr in den Vordergrund zu drängen. Im Gegenteil: Julys journalistisch-schriftstellerisches Interesse an Michael (Lederjacke!), der sich mit Ende Sechzig zu einer geschlechtsanpassenden Hormonbehandlung plus Operation entschließt oder dem arbeitslosen Domingo, der Fotos von Babys, Models und Autos sammelt, verleiht diesen Leuten Würde, die sie in ihrem Alltag möglicherweise vermissen müssen.

Mirandas Antennen für das Schräge, Abseitige, bei aller Schrulligkeit Liebens- und vor allem Akzeptierenswerte sind offen für den 17-jährigen Außenseiter Andrew, der im Garten seiner Eltern Teiche anlegt und die bereits erwähnten Kaulquappen (für Ochsenfrösche) verkauft, und auch für die abenteuerlich gestylte allein erziehende Mutter Dina, die einen uralten Fön feilbietet. Dieselben Antennen schlagen aber auch Alarm beim offensichtlich sehr einsamen Ron, der Videos und Malsets unbekannter Herkunft verticken will und eine Fußfessel trägt: in Rons Wohnung möchte man „unter keinen Umständen  landen“. July und ihre beiden Kollegen sind aber viel zu höflich, um Ron umgehend mit seinen Videos allein zu lassen und hören sich seine abstrusen Storys über Gewinnmöglichkeiten beim Black Jack und anderen Glücksspielen geduldig an.

„Es findet dich“ ist kein sensationsheischendes Buch. July stellt sich und ihre InterviewpartnerInnen aus, aber nicht bloß. Und ganz nebenbei geht es auch mit „The Future“, Sophie, Jason und Paw Paw voran, aber das ist wieder eine ganz andere Geschichte, die uns Miranda July schon bald erzählen wird.

Christina Mohr

Miranda July: Es findet dich (It chooses you, 2011). Mit Fotos von Brigitte Sire. Übersetzt von Clara Drechsler und Harald Hellmann. Diogenes 2012. Klappenbroschur. 220 Seiten. 22,90 Euro. Zur Homepage von Miranda July geht es hier.