Geschrieben am 21. November 2012 von für Bücher, Litmag

Mira Magén: Wodka und Brot

Gesellschaft ohne festen Boden

– Gute Bilder erzählen Geschichten. Würde man das Geschehen des Romans „Wodka und Brot“ von Mira Magén in einem Bild konzentrieren, sähe man ein kleines Haus am Dorfrand, eine Mittdreißigerin mit Kind, die nur schemenhaft erkennbare Figur einer 17jährigen, zwei Männer auf dem Sprung, bei denen unklar ist, ob sie kommen oder gehen. Von Ulrich Noller.

Amia heißt die Frau mit dem Kind, sie war Managerin einer Bank, ist ausgestiegen, hat ein Haus auf dem Land bezogen, irgendwo nahe Tel Aviv. Gideon, ihr Mann, einst Staranwalt, nimmt sich eine Auszeit, der Grund ist ein Geheimnis, das zu hüten er beschlossen hat. Amos, der immer wieder mal vorbeischaut und vielleicht irgendwann bleiben wird, ist der Sohn des mürrischen Alten nebenan, Vater und Sohn haben zehn Jahre lang kein Wort gewechselt, der Grund ist hoch tragisch. Und „Madonna“, die Schemenhafte, sie war einfach irgendwann da, mitten in der Nacht klopfte sie an Amias Tür, verlangte um Wasser, blieb, lange ohne je richtig da zu sein, und auch sie verbirgt ein am Ende überraschendes Geheimnis …

Mit Madonnas Klopfen beginnt der Roman „Wodka und Brot“, findet die Bewegung im Bild ihren Kern. Madonna ist schwer gestört, irgendwie traumatisiert, unberechenbar. Aber das ist Gideon auch, der sich von Frau und Kind und irgendwie auch vom Leben verabschieden möchte, ohne dabei jedoch wirklich ganz zu gehen, mal ganz abgesehen von Amos, und die Frage ist: warum?

Wie überhaupt bei all den Figuren des Beziehungsgeflechts um Amina herum existenzielle Diskurse mitschwingen: Wie kann man bei sich bleiben, wenn einen das Denken verlässt? Wie kann man den Verlust eines Wunschkindes ertragen? Und wie kann man es eigentlich überhaupt aushalten, einen Gott zu denken, bei alldem, was den Menschen geschieht?

Grundhaltung: Nächstenliebe

Im Grunde erzählt „Wodka und Brot“ bloß ein paar Wochen im Leben Amias, daraus zaubert die isrealische Bestsellerautorin Mira Magén nicht nur einfach eine bildhafte Geschichte, sondern das in innerer Spannung zitternde Portrait einer zerrissenen Gesellschaft ohne festen Boden. Was nicht nur wegen der hervorragend konturierten Charaktere toll gelingt, sondern weil diese Autorin jedes Wort genau wägt und inszeniert und dabei, klar, nicht zuletzt auch immer wieder beeindruckende Bilder findet.

Mira Magén rechnet sich der israelischen Linken zu, aber sie entstammt einem orthodoxen jüdischen Milieu, dem sie zeitlebens wohl auch irgendwie treu blieb, bei aller kritischen Reflexion. Das Ringen um die Gottesfrage merkt man ihrem von Mirjam Pressler kongenial übersetzten Roman auf jeder Seite an – wie auch eine Grundhaltung der Nächstenliebe, die diese Geschichte regelrecht beseelt.

Kurz vor Schluss wächst dann aus dem Bild dieses Buches gut versteckt, aber ganz klar eine schöne, schräge Vision, das eines befriedeten, pluralistischen, humanen, keineswegs aber gottlosen israelischen Miteinanders. Für diese Gesellschaft gibt wiederum die fast endlos stoische Amina ein beispielhaftes Bild. Man fragt sich zwar: Wie um alles in der Welt kann jemand das aushalten, was ihr widerfährt? Möglicherweise steckt da aber schon in dieser Fragestellung die Antwort: Man muss es eben aushalten können, in der Hoffnung auf ein Stück vom Paradies, und ein Mittel, das dabei Hilft, ist die Kunst, um nicht zu sagen: ein Bild von einer Geschichte.

Ulrich Noller

Mira Magén: Wodka und Brot (Wodka ve Lechem). Aus dem Hebräischen übersetzt von Mirjam Pressler. DTV premium 2012. 400 Seiten. 16,90 Euro.

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