Geschrieben am 21. November 2012 von für Bücher, Film/Fernsehen, Litmag

Michael Haneke: Liebe. Das Buch

Text, Bild, Form

– Am 1. Dezember werden auf Malta die Europäischen Filmpreise verliehen. Hanekes „Liebe“ ist sechsmal nominiert (Film, Regie, Drehbuch, Kamera, Darsteller). Gleichgültig, wie oft er gewinnt, ob er zum Jahresende noch einmal ein paar Statuetten einsammelt oder nicht – Kritiker und Jurys haben sich längst darauf verständigt, dass er in der Höhenluft jenseits solcher Ehrungen angekommen ist. Von Gisela Trahms

Der Film über den langen Weg zum Tod, seit September in den Kinos, läuft immer noch. Erzählt man einem/r Dreißigjährigen die Handlung, antwortet er/sie: Muss ich mir nicht antun, nicht jetzt schon. Die Fünfzigjährigen sagen: Vielen Dank, hab ich gerade mit meiner Mutter/meinem Vater erlebt. So sind es wohl die Angehörigen der Generation Sechzig plus, nah am Thema und nicht ohne Angst und Abwehr, die tief durchatmen und die Eintrittskarte lösen, um sich der Darstellung ihrer Zukunft auszusetzen.

Ich habe den Film in einem kleinen Off-Kino gesehen. Ausverkauft, Silberhaar ringsum. Niemand steht auf, als er zu Ende ist. Die allgemeine Empfindung in diesem Augenblick ist eine Art Betäubung, die nach Worten ringt. Der Entsetzenspegel hat hoch ausgeschlagen, Haneke gewährt keine Erleichterung durch Fernsehspiel-Gefühligkeit. Seine Bilder erzeugen gleichzeitig Empathie und kritische Distanz. Keine Sekunde lang machen sie vergessen, dass man sich im Kino befindet. Der Film ist weder kalt noch ein Trost – höchstens in dem Sinne, wie alles Gelungene tröstet: durch Komplexität und Form.

Seit Oktober gibt es ein bei Hanser Berlin publiziertes Taschenbuch dazu. Es enthält das Drehbuch, auf stabilem, angenehmem Papier gedruckt und geschickt gesetzt, samt Planskizzen und genau zum Text passenden Fotos. Lesend und betrachtend kann man den Film noch einmal nachvollziehen, die knappen, klugen Dialoge würdigen, die Charakterzeichnung bewundern und sich in Erinnerung rufen, was die Schauspieler aus dem Text gemacht haben. Die kleinen storyboard-Bildchen hätte man sich vielleicht sparen können, kaum ein Leser wird die Geduld für die Bewegungsskizzen aufbringen. Immerhin machen sie klar, wie perfekt der Film im Kopf des Regisseurs vorgebildet war, als die Dreharbeiten begannen. Haneke ist kein Anhänger der Improvisation, sondern ein Meister der Genauigkeit und des Kalküls.

Es folgt ein 32-seitiger Essay von Georg Seeßlen über Hanekes Kino, ein Vorabdruck aus einem im nächsten Jahr erscheinenden Sammelband. Darin geht es in großen Begriffen um kategoriale Verortung des Gesamtwerks, so dass für die Deutung von „Liebe“ nur ein paar Brosamen abfallen. Das Faszinosum ist ja, dass der Film ohne jeden Kitsch eine intakte Beziehung darstellt, wie sie sich jeder wünscht, aber angesichts der Grässlichkeit des langsamen Sterbens keinen anderen Ausweg sieht als Mord. Ich hätte lieber einen Aufsatz gelesen, der sich diesem besonderen Film stellt, statt eines Raisonnements über Tragödie und Trauerspiel und inwiefern Hanekes Filme in solche Schubladen passen. Trotzdem gibt es natürlich, wie immer bei Seeßlen, empathische und emphatische Formulierungen, die zumindest das Nachdenken darüber wert sind: „In einem Film von Michael Haneke ist das Leiden auf der Leinwand ein solidarisches Geschenk an den leidenden Menschen im Zuschauerraum.“ Hoffen wir es.

Quintessenz: ein vorzüglich gedrucktes Buch, nützlich zum Nachlesen, aber sozusagen nackt und kahl. Ein paar Fotos zum making of, ein paar statements von Trintignant und Riva, auch eines von Haneke, kurz, ein bisschen Polster rundum hätten nicht geschadet. So ist es wieder das Netz, welches uns mitteilt, dass jene Wohnung, die wir im gesamten Film nicht verlassen, die von Hanekes Eltern imitiert. Dass der Film, sehr unüblich, aber für die Schauspieler sicher hilfreich, chronologisch gedreht wurde. Dass es heikel und schwierig ist, die Illusion zu erwecken, man sähe durchs offene Fenster die gegenüber liegende Häuserfront, obwohl doch der Film, abgesehen vom Vorspann, komplett im Studio entstand. Usw. usw. Ein Film ist immer auch ein Hort von Geschichten und Reflexionen, die zu erfahren nützlich sind. Das Buch ist puristisch, tatsächlich „nur“ das illustrierte Film(Dreh)Buch. Es federt nichts ab. Insofern passt es natürlich zu seinem Autor, zweifellos.

Gisela Trahms

Michael Haneke: Liebe. Das Buch. Mit einem Essay von Georg Seeßlen. München: Hanser Berlin im Carl Hanser Verlag München 2012. 206 Seiten. 19,90 Euro. Verlagsinformationen zum Buch.

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