Matthias Penzel über Zelda Fitzgerald „Ein Walzer für mich”


Das Rascheln zwischen Nächten

– Man kann eine beliebige Literaturbeilage der New York Times aufschlagen oder im Believer blättern: Selbst wenn der Name hierzulande weniger Menschen geläufig ist, so ist er für Woody Allen, die Coen-Brothers, Bret Easton Ellis und andere Amerikaner so unverrückbar, so felsenfest ein Titan wie Hemingway. Der Name, der auf Klappentexten als Messlatte auftaucht, als Superlativ, wenn es um modernes Erzählen geht, lautet: Fitzgerald. Von Matthias Penzel

Zärtlich ist die Nacht

Da wo der mit F. Scott Fitzgerald eng befreundete – und wie Dos Passos geschätzte – Hemingway ein bärbeißiger Stier war, der hemdsärmelig die Sprache auf das Mindeste runterstrippte, wo Papa Hemingway kämpfte – für das Mannsbild des letzten Cowboys an der New Frontier –, da lauschte der Dandy Fitzgerald den Zwischentönen der Roaring Twenties, da schrieb er sich mit Kadenzen wie im Bebop in das Jazz-Age, kämpfte nicht in Spanien, sondern soff in Südfrankreich, lebte über seine Verhältnisse – versank in Suff und Depression. Irgendwann, die Szene ist ein Highlight in dem Film „Barton Fink“ der Coen-Brothers, schuftete er in Hollywood, lieferte Mittelmäßiges vom Fließband, vermeintlich um die Rechnungen für seine in der Irrenanstalt weggesperrte Frau zu begleichen, und in dem Film klopft dann jemand an die Tür seines Schreibbüros und sagt: „Wer sind Sie denn? … Ich dachte, Sie wären schon tot.“ Nach dem Swing der Zwanzigerjahre das angeknackste Jazz-Age und zum Abschluss die große Depression – „The Crack-up“. Ganz groß, nach wie vor so nah dran, dass man die Poren sieht.

Fitzgerald legte die Finger früh an den Puls der Zeit, das Aufblühen und Welken der klassischen Moderne, er nahm auch in seinem Leben vieles vorweg, was heute Standard ist. Mit seiner Frau Zelda repräsentierte er das erste Glamourpärchen der Dienstleister aus dem Showbusiness, die für uns über alle Stränge schlagen, wild leben, sich lieben und sich hauen. So wie der Kenner nicht von John Lennon sprechen und dabei keinen Satz zu Yoko Ono verlieren kann, der Nirvana-Freak auch auf Courtney Love eingehen muss, so weiß jeder Fitzgerald-Connaisseur: Zelda. Zelda Fitzgerald muss auch beachtet werden.

Schön und verdammt … und ein bisschen verrückt

Mehr als eine Muse, mehr als Dostojewskis Frau, die das Leben und die Einkünfte organisierte, war Zelda im Leben des ersten modernen Amerikaners die neue Frau. Mit Stiefeln und Unmengen Talent. Sie hat nur einen Roman veröffentlicht – unfassbar gut, wie einem jede amerikanische Dichterin sofort sagen wird –, und ihre Tagebuchaufzeichnungen wurden von Scott – wie Literaturwissenschaftler irgendwann entdeckten – sehr sorgfältig gelesen. Mehr noch als bei Scott gibt es über Zelda eine größere Menge Bücher und Biogramme als von ihr. Wie das so bei Frauen in Zuchthäusern – siehe Camille Claudel – der Fall sein kann, ist nicht eindeutig klar, ob es bei jeder Einweisung mit rechten Dingen zuging. Als gesichert darf gelten, dass sie beide hypersensibel waren, was den Schreibweisen beider diesen Swing gibt, eine lockere Leichtigkeit, die gelegentlich ins Torkeln übergeht, stolpert. Anders als seine Essays und Storys und Romane ist der „Walzer“ von Zelda – sprachlich – wirklich heavy.

Das war also die erste gute Nachricht, als bekannt wurde, dass „Ein Walzer für mich“ neu übersetzt werden sollte. Von pociao, geschätzt für ihre Arbeiten zu Paul und Jane Bowles, das Lit-Mag Soft Need, Burroughs, das Label Sans Soleil und den früh dem Cut-up verpflichteten Göttinger Verlag Expanded Media Editions sowie vielen anderen im Feuilleton kaum wahrgenommenen Pflänzchen.

Die Übersetzung von pociao – alias Silvia de Hollanda – ist meisterhaft. Schon nach wenigen Seiten stockt einem der Atem bei der Wortgewalt, den Kaskaden an Assoziationen und Gefühlen, die Zelda ihren im Korsett der Südstaaten pubertierenden und nach New York flüchtenden Schwestern angedeihen lässt – alles sehr autobiografisch. Ebenso vom eigenen Leben durchtränkt ist die Geschichte des als Maler erfolgreichen Gatten und die Traumverwirklichung der Heldin namens Alabama. Set-up und Story, das spritzende Blut, die blauen Augen und der Tanz auf Messers Schneide: geschenkt. Dass das Buch pocht und atmet, verdankt es nicht dem was, sondern wie es geschieht. Auch wie es entstanden ist.

Jenseits vom Paradies

Zelda befand sich bei der Niederschrift des Romans in einer Institution – wegen Verdachts auf Schizophrenie – in Baltimore. Die Institution der Ehe bröckelte bereits, über Zeldas geistige Verfassung können wir höchstens spekulieren. Doch manche Wucht der Worte und Gedanken ist so, dass man ein Idiot sein muss, ein mit dem Erstbesten sich abfindender Scharlatan, käme man nun mit dem Genie-/Wahnsinn-Klischee. Und doch, so hautnah, so schmerzend präzise viele der Bilder sind, so rätselhaft bleiben andere Metaphern, andere Gefühle von dieser muffigen, vom grantigen Vater – Beruf: Richter – beherrschten Armseligkeit. „Bebrütet wurde die Familie von der mythischen Wärme schwarzer Ammen“, und dann ist irgendwo weit entfernt Krieg. Der Erste Weltkrieg. Dass der aufhört, erfahren wir erst in einem Nebensatz: „Eines Tages erschien eine Meldung auf dem Vorhang des Theaters. Der Krieg war also zu Ende – doch die Vorstellung ging weiter. Man wartete auf die beiden letzten Akte.“

Kurz und knapp, dann höre ich auch auf, weil das Buch auf jeder Seite so viel mehr bewegt, als ich hier einzufangen riskieren möchte: Sprachlich und inhaltlich mit einer Intensität und Dichte, dass einem die Tränen kommen, dass sich die Haare aufstellen. Parallel beginnt man dann irgendwann, in Biografien zu der Autorin zu lesen, auch neugierig in Katrin Boeses Roman „Zelda Fitzgerald“. Und weil die Wahrheit eh mit keinem Lasso einzufangen ist, muss man sich ja auch keinen klaren Reim darauf machen, was nun ihre und was Scotts Qualitäten waren. Beide zu lesen ist eine Wonne. Auf Deutsch nicht immer, da eben doch sehr lyrisch. Zelda Fitzgeralds Kadenzen – oder eher Pirouetten und gelegentliche Sprünge mit Bruchlandung – wurden von pociao wunderbar übertragen. Dank dieser Leistung muss man nicht länger mit dem Original kämpfen – oder suchen nach dem 1972 von Elisabeth Schnack möglicherweise etwas devot interpretierten „Darf ich um den Walzer bitten?“.

„There are no second acts in American lives“

Kaum habe ich das gedacht, schon kam mir ein Artikel unter, in dem von der ersten Seite des Romans dieser Satz zitiert wird: „Die meisten Leute zimmern ihr Bollwerk gegen das Leben aus Kompromissen zusammen, errichten einen uneinnehmbaren Bergfried aus kalkulierter Gefügigkeit, konstruieren ihre philosophischen Zugbrücken aus sentimentalen Anwandlungen und überschütten Eindringlinge mit einem kochenden Sud aus sauren Trauben.“ Der Rezensentin missfiel das, es war ihr nicht zu viel des Guten, sondern ein „Musterbeispiel dafür, wie eine Übersetzung ein Buch erwürgen kann“. Nanu? Wer findet das? Elke Heidenreich, die vermutlich einzige Frau, die Dorothy Parkers düstere Sicht auf das Leben in den Städten, Frauen ohne Männer, mit Frust und Narben an den Handgelenken, die das zwitschernd vorliest und dabei Parkers Giftpfeile ganz eigen interpretiert. Auf Seite 73 – des wie gesagt nicht leichtfüßigen Romans von Zelda Fitzgerald – hat Elke Heidenreich „endgültig aufgegeben, als die Falten in Millies Gesicht ‚schlaff wie die Seile einer Fahne auf Halbmast‘ waren“. Können die Gesichtszüge einer Mutter – der eine Sohn früh begraben, nun alle drei Töchter flügge und sie allein mit dem in Gewohnheiten verfassten Vater  – auf Halbmast sein?

Ist das überhaupt eine Frage? Die man stellen muss? Deutlicher als vieles von Scott scheint Zeldas Schreibe, besonders ihr Tempo aus einem anderen Jahrhundert. Das spricht weder für noch gegen „Save Me the Waltz“. Vorausgesetzt, man interessiert sich für Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs, flirtet oder tänzelt vielleicht mit ihnen, ringt oder tanzt also im Dreivierteltakt der Nacht: Dann muss man … dann soll man sich immer noch selbst entscheiden.

Matthias Penzel

Zelda Fitzgerald: Ein Walzer für mich (Save Me the Waltz, 1932). Aus dem Amerikanischen von pociao. Zürich: Diogenes Verlag 2011. 360 Seiten. 22,90 Euro.
Katrin Boese: Zelda Fitzgerald – »So leben, dass ich frei atmen kann«. Berlin: Aviva Verlag 2010. 259 Seiten. 19,50 Euro.
Pietro Citati: Schön und verdammt: Ein biographischer Essay über Zelda und F. Scott Fitzgerald.  Aus dem Italienischen von Maja Pflug. Zürich: Diogenes Verlag 2009. 131 Seiten. 19,50 Euro.
Gilles Leroy: Alabama Song. Zürich: Verlag Kein & Aber 2008. 240 Seiten. 19,90 Euro.
F. Scott und Zelda Fitzgerald: Lover! Briefe. Deutsch von Dora Winkler. München: DVA 2004. 264 Seiten.
Kyra Stromberg: Zelda und F. Scott Fitzgerald. Ein amerikanischer Traum. Berlin: Rowohlt Verlag 1997. 189 Seiten.