Geschrieben am 23. März 2011 von für Bücher, Litmag

Markus Berges: Ein langer Brief an September Nowak

Alles Lüge!

Mit Markus Berges wagt sich ein weiterer Sänger und Songwriter der deutschen Musikszene in die Welt der Literatur: Als Texter von Erdmöbel wird er auch von den Feuilletons geliebt, sein Umgang mit der deutschen Sprache, sein souveränes Einbinden auch sperriger Wörter in Songtexte werden allseits bewundert. Nun also ein Roman. Frank Schorneck ist mit em Ergebnis nicht vollkommen zufrieden.

Dieser begleitet die 19-jährige Betti, die aus ihrem Heimatkaff in Westfalen aufbricht und zum ersten Mal allein verreist, um ihre langjährige Brieffreundin (der Roman spielt Anfang der 1990er-Jahre, als sich junge Leute noch Briefe schrieben) September Nowak in Nizza zu besuchen. Auch wenn nie Fotos ausgetauscht wurden, hat Betti ein klares Bild von September im Kopf, gespeist aus schwärmerischen Briefen über Ballettschulbesuche, Schwimmwettkämpfe, Urlaube auf der eigenen Yacht und dem Klang der jahrelang benutzten Adresse „Palais Armida“ in Monaco. Doch die junge Frau, die sie am Bahnhof abholt, entspricht mit ihren geschätzten 150 Kilo nicht der imaginierten Schönheit. September Nowak entpuppt sich als falscher Name und die Wohnverhältnisse sind alles andere als mondän. Betti fühlt sich belogen und betrogen und macht sich auf eigene Faust auf die Reise nach Monaco, wo sie die Spur jener imaginierten Brieffreundin aufnimmt.

In Monaco trifft Betti auf Ingrid, eine Hypnotiseurin, die mit ihrem Sohn in einem VW-Bus Südfrankreich durchstreift. Sie schließt sich den beiden an. Unwirklich und zauberhaft ist der Tanz auf den Dächern von Marseille, der Auftritt Ingrids, bei dem das Publikum ein nahezu erotisches Erweckungserlebnis hat. Später stellt sie sich einer Frau mit zwei kleinen Kindern als September Nowak vor und erzählt die Geschichte ihrer Brieffreundschaft mit vertauschter Perspektive, legt sich die funkelnde Biografie Septembers zu und schimpft über die langweilige Betti aus Deutschland, die sich bei einem Treffen als fett und träge erwiesen hat. Mit der erdachten Biografie wächst sie über sich hinaus, doch wird dieses Lügengebilde zerbrechen.

Typischer Coming-of-Age-Roman

„Ein langer Brief an September Nowak“ ist ein typischer Coming-of-Age-Roman, eine Parabel über die menschliche Selbstwahrnehmung und über (Lebens-)Lügen. Dem Songschreiber gelingen in dem Roman beeindruckende Sprachbilder und magische Momente. Allerdings gibt es einige logische Brüche in der Geschichte, die den Reiz der Lektüre schmälern: Als Betti aus der heruntergekommenen Wohnung in Nizza abhaut, nimmt sie die Briefe mit, die sie in Septembers Schrank gefunden hat. Es muss sich um die Briefe handeln, die sie aus Deutschland geschrieben hat. Berges zitiert dann jedoch aus den Briefen, die September geschrieben hat und die Betti zu dem Zeitpunkt eigentlich gar nicht vorliegen können.

Auch der oder die von Zeit zu Zeit sich zu Wort meldende Ich-Erzähler/in stört den Lesefluss. Eine erkennbare dramaturgische Funktion übernimmt diese in dem Roman nicht. Die versteckten Hinweise auf verschiedene Zeitebenen könnten bedeuten, dass es sich bei diesem „Ich“ um die spätere, ältere Betti handelt, die auf jene Erlebnisse zurückblickt. Berges kann ohne Zweifel mit Sprache virtuos umgehen, für die lange Prosaform reicht sein erzählerischer Atem allerdings nicht aus.

Frank Schorneck

Markus Berges: Ein langer Brief an September Nowak. Reinbek: Rowohlt Verlag 2010. 478 Seiten. 24,80 Euro. Zur Homepage von Markus Berges geht es hier, eine Leseprobe des Buches finden Sie hier.

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