Geschrieben am 13. März 2004 von für Bücher, Litmag

Mark Haddon: Supergute Tage oder Die sonderbare Welt des Christopher Boone

Good Will hunted

Mit leichter Hand erzählt Mark Haddon eine tragische Geschichte und fühlt sich auf ganz erstaunliche Weise in das Innenleben eines Autisten ein.

Wenn Erwachsene sich in die Erzählperspektive von Kindern und Jugendlichen hineinversetzen, geht das nicht selten schief. Entsprechen diese Kinder dann auch noch nicht den gängigen Klischees, sondern sind verhaltensauffällig oder behindert, so sind die zu umschiffenden Peinlichkeiten und Fettnäpfchen Legion. Da kann es helfen, wenn der Autor nicht aus der Ferne vom Schreibtisch aus die Kinderwelt betritt, sondern wirkliche Lebenserfahrung mit solchen Kindern hat. Howard Butens Burt ist das wohl eindrucksvollste Beispiel, wie überzeugend und mitreißend diese Perspektive in den Händen eines Insiders gestaltet werden kann – auch Stephan Valentins Der Ameisenfeind sei hier lobend zu erwähnen.

Aus der Perspektive eines Autisten


Der Engländer Mark Haddon wagt es in Supergute Tage, die Perspektive eines autistischen Fünfzehnjährigen einzunehmen. Laut Klappentext handelt es sich um das Asperger-Syndrom, an dem Christopher Boone leidet – und weil Christopher selbst als Erzähler hierüber (natürlich) keine Auskunft gibt, müssen wir hier dem Klappentexter glauben (auch wenn der schon wieder den unsäglichen und überstrapazierten Holden-Caulfield-Vergleich zieht).
Christophers größtes Defizit besteht darin, Gefühle und Stimmungen seiner Mitmenschen zu verstehen. Vor Berührungen – selbst durch seine Eltern – hat er panische Angst, alles Unbekannte verunsichert ihn. Seine Welt ist die der Mathematik. Hier funktioniert alles nach festen Regeln und Formeln, diese Welt ist im wahrsten Sinne des Wortes berechenbar. Für ihn wird in der Sonderschule eine Regelung getroffen, so dass er das „Mathe-Abitur“ ablegen kann.
Als Christopher fünfzehn Jahre, drei Monate und zwei Tage alt ist, findet er den mit einer Mistgabel getöteten Hund der Nachbarin. Als Freund logischer Überlegungen begibt er sich auf die Spuren von Sherlock Holmes (der englische Originaltitel lautet The Curious Incident of the Dog in the Night-Time, was wiederum ein Zitat aus einer Sherlock-Holmes-Story ist) und beginnt, über seine eigenen Grenzen hinauszuwachsen.

Auf der Suche nach dem Hundemörder
Auf Anraten seiner Lehrerin schreibt er diese Erlebnisse auf – und genau diese Niederschrift ist es, die der Leser nun in den Händen hält. Auf der Suche nach dem Mörder des Hundes gerät Christopher auf die Spur seiner Mutter, von der er geglaubt hatte, sie sei vor Jahren gestorben. Er nimmt den Kampf mit seinen Ängsten auf und begibt sich nach London, um seine Mutter wiederzusehen und vor dem Hundemörder, den er enttarnt hat, sicher zu sein.

Mark Haddon versteht es großartig, eine tragische Geschichte mit leichter Hand zu erzählen. Er hat einige Jahre mit geistig und körperlich behinderten Menschen zusammengearbeitet und scheint ein unglaubliches Gespür für das Innenleben Christophers zu haben – zumindest gibt er eine sehr glaubwürdige und bis ins Detail durchdachte Interpretation dieses Innenlebens ab. Ohne die Perspektive zu verlassen, gelingt es ihm auch, die Probleme der Eltern eindringlich zu schildern, die in einer unberechenbaren Mischung aus Liebe, Unverständnis und hilfloser Wut Fehler mit ungeahnten Konsequenzen machen. Durch Christophers Augen betrachtet gerät der Roman nie in Gefahr, kitschig zu werden. Die Tragik bezieht die Geschichte gerade daraus, dass ausgerechnet der Erzähler sie nicht als solche empfindet.

Frank Schorneck

Mark Haddon: Supergute Tage oder Die sonderbare Welt des Christopher Boone. Deutsch von Sabine Hübner. Blessing 2003. Gebunden. 283 Seiten. 18 Euro. ISBN 3-89667-228-2