Marco Balzano: Damals, am Meer


Fran Ray

heute … über  … Marco Balzano und die Sehnsucht nach Meer.

Sie haben mich mit einem einfachen Trick gekriegt. CULTurMAG hat sich der uns Deutschen von Generation zu Generation dominant vererbten Sehnsucht nach dem Meer bedient – und mir damit die Reise mit den drei Herren schmackhaft gemacht.

Wie sonst könnte ich mir erklären, eingewilligt zu haben, mit einem Großvater, einem Vater und einem Sohn in einen Fiat Punto gequetscht von Mailand tief in den apulischen Süden zu fahren? Im Sommer noch dazu?
Eben. Die Sehnsucht.

Ich gebe zu, die drei Herren haben mich – ihren Möglichkeiten nach – freundlich begrüßt. Dabei wollte keiner wirklich diese Reise antreten. Und wie ich dann erfahren sollte, hatte es seit Jahren Streitereien in der Familie deshalb gegeben.

Es ging um einen Wohnungsverkauf in einem staubigen Dorf bei Bari, Barletta, um genau zu sein, das einst Großvater Leonardo auf der Suche nach Arbeit irgendwann in den Sechzigern oder Siebzigern des letzten Jahrhunderts mit seiner Familie verlassen musste. Es war nötig, erklärte er mir, und fügte ein wenig bitter hinzu: Aber es ist besser, seine Heimat nie verlassen zu müssen. Nein, er ist nicht recht glücklich geworden, da oben in der norditalienischen Industriestadt, ein Mann, geboren für harte Arbeit auf dem Land, was soll der in einer Fabrik? Noch immer ist er kräftig und überragt seinen ewig rauchenden, schwächlichen Sohn Riccardo – er hat irgendeinen langweiligen Bürojob – und seinen Enkel Nicola, einen – soll ich sagen arbeitsunwilligen Lehrer oder eher ein ewiger Student?

Ich hab ihn gleich gemocht, den knorrigen Alten – den Analphabeten und ehemaligen Kommunist – selbst als er seine Söhne als Bestien bezeichnete und bestimmte, zu einer unmöglich frühen Zeit aus Mailand loszufahren. Solange es kühl ist, wie er erklärte. Und er weiß, wovon der spricht, der Mann aus Apulien.

Also, auf der Rückbank neben Nicola wurde mir dann klar, was es mit dieser Wohnung auf sich hatte. Bis in die Jugendzeit Nicolas wurde sie noch als Feriendomizil genutzt, dann aber kümmerte sich keiner mehr darum. Sie muss verkauft werden, entschied Großvater Leonardo irgendwann, gegen den lautstarken Protest seiner Frau. Sie glaubt, erklärte mir Nicola auf der Fahrt, dass sie damit auch ihre Erinnerungen verliert, einen realen Bezugspunkt zu ihrem Leben. Ich stimmte zu.

Aber, meinte Nicola, die Wohnung ist tatsächlich in einem erbärmlichen Zustand. Er habe vor wenigen Jahren mit einer Mailänder Kommilitonin dort ein paar Tage verbringen wollen. Unzumutbar, entschied er und zog mit ihr in ein Hotel.

Trotzdem, Nicola hätte die Wohnung gern behalten, und als ich näher hinhörte, sofern ich überhaupt noch etwas zwischen Großvater und Sohn verstand, denn sie sprachen immer unverständlicheren Dialekt, wollte sie eigentlich keiner so wirklich verkaufen. Aber Verantwortung und Pflege – geschweige dorthin zurückziehen wollte auch keiner.

Als wir schließlich nach ewigen Stunden in lastender Hitze einem Abstecher in ein Kloster und mehreren Espressopausen in Barletta ankamen, verstand ich sie.

Sie stellen sich Palmen vor, nicht wahr? Eine Strandpromenade zum Flanieren, stimmt’s? Nette Restaurants und Boutiquen, ja? Und gut, ein bisschen Schmutz, pittoresken Schmutz, Patina, natürlich.

Barletta hatte nichts davon.

Marco Balzano

Malerisch war dort nichts. Warum auch, die Menschen müssen schließlich überleben und wollen auch ihre Supermärkte, billige Läden und einigermaßen an den Standard angepasste Wohnungen. Da wird dann eben ein Mietshaus vor das alte Haus mit Meerblick gesetzt.

Und dann die Wohnung selbst. Himmel! Ohne die Tatkraft Großvater Leonardos wären die beiden jüngeren Schwächlinge vollkommen verloren gewesen. Ohne Zögern setzte er die Atemmaske auf – das hätten Sie sehen sollen! – bewaffnete sich mit Stock und Netz, und betrat das Schlachtfeld Balkon, der von unzähligen Tauben vollkommen in Besitz genommen war.

Aber, das muss ich auch Riccardo und Nicola zugutehalten, sie haben schließlich mitgeholfen, jeder auf seine Art. Und alle drei haben sie zusammengehalten, haben diese schwierige Familienangelegenheit mit Anstand gemeinsam erledigt – und ich glaube, auch wenn es die beiden Älteren nicht zugeben werden, sie sind sich ein Stückchen nähergekommen, haben ein bisschen mehr von sich selbst – und vom Anderen begriffen.

Ich könnte Ihnen noch so einiges erzählen, was ich auf dieser Reise mitgemacht habe, Beerdigungen, Begegnungen mit Verflossenen, Streitereien zwischen Söhnen und Vätern, aber Nicola hat es auf 220 spannenden und lebendigen Seiten aufgeschrieben. Nachdenklich manchmal, ja, aber ohne sentimentale und die Vergangenheit verherrlichende Schnörkel. Und die Dialoge erst! Ja, genauso haben die drei im Fiat Punto miteinander gesprochen, genau so!

Letzten Endes bin ich der Redaktion dankbar, die Reise hat mir gutgetan, hat mich aus meinem Alltag herausgerissen und in eine andere Realität mitgenommen. Wirklich, ich hab noch immer den Duft von Espresso, gebratenem Fisch und salzigem Meer in der Nase!

Fran Ray

Marco Balzano: Damals, am Meer (Il figlio del figlio, 2010). Aus dem Italienischen von Maja Pflug. Verlag Antje Kunstmann 2011. 224 Seiten. 17,90 Euro.
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