Geschrieben am 29. Februar 2012 von für Bücher, Litmag

Marc Augé: Tagebuch eines Obdachlosen

Kein Ort, nirgends

– Das haben nur wenige Wissenschaftler geschafft. Man schlendert durch eine Shopping-Mall oder eine Flughafenhalle oder über einen riesigen Parkplatz neben einem Supermarkt. Und sofort fällt einem der Name eines Autors und eines Buches von ihm ein. „Das ist ja alles wie von Marc Augé in seinem Buch ‚Nicht-Orte‘ beschrieben.“ Es gibt keine unverwechselbaren Häuserfassaden mehr, keine einzigartigen Grünflächen, keine auffallenden Denkmäler, keine historischen Straßenzüge. Alles ist überall rund um den Globus identisch, auswechselbar. Orte existieren nicht mehr, nur noch jene „Nicht-Orte“, die man eben mit dem französischen Ethnologen Marc Augé verbindet.

Wer etwas wissen will über die Veränderung unserer Raumwahrnehmung in der Gegenwart, wird früher oder später immer bei den unkonventionellen und spannenden Thesen von Marc Augé landen. Letztlich geht es Augé mit seinen Studien, zu denen etwa auch eine Forschungsreise mit der Metro durch Paris gehört, um „Vorüberlegungen zu einer Ethnologie der Einsamkeit“ (so der Untertitel von „Orte und Nicht-Orte“).

Auch sein neues, im Umfang sehr bescheidenes Büchlein „Tagebuch eines Obdachlosen“ reiht sich ein in dieses Nachdenken über Erscheinungsformen der Einsamkeit in unserer Gegenwartsgesellschaft. Heimat, Häuslichkeit, Geborgenheit, Familie, Gemeinschaft sind Begriffe und Kategorien geworden, die uns vielleicht noch Wärme geben, aber mit der tatsächlichen Gesellschaft hier und heute nichts mehr zu tun haben. Und von diesem radikalen Auflösungsprozess dessen, was wir einmal Gesellschaft genannt haben, sind nicht nur die immer schon prekären sozialen Schichten innerhalb oder am Rande der Armut betroffen.

Mit dem ‚ „Tagebuch eines Obdachlosen“ will uns Augé ja gerade zeigen, dass es auch Vertreter der sogenannten ‚Mittelschichten’ sind, die heute aus allen sozialen Bindungen buchstäblich ‚auf die Strasse fliegen‘.

Bei dem (fiktiven) Tagebuchschreiber in diesem Buch von Augé handelt es sich um einen pensionierten Finanzbeamten, der von den allgemeinen Lebenshaltungskosten der heutigen französischen Gesellschaft regelrecht stranguliert wird. Er sieht für sich keine andere Möglichkeit, als nach und nach sein gewohntes Lebenskorsett aufzugeben, um sich so – obdachlos geworden – durch die Gesellschaft treiben zu lassen. Er begreift, wie er es in sein Tagebuch notiert, „dass es keinen Ort mehr gab, an dem ich mich festhalten konnte, dass ich die Leinen losgeworfen hatte und mit niemandem mehr darüber reden konnte, dass ich steuerlos auf unbekannten Strömungen dahintrieb …“

Diese Erosion der Mittelschicht ist zweifellos ein brennend aktuelles Thema, nicht nur in der französischen Gegenwartsgesellschaft. Was sind die Gründe für diesen Auflösungsprozess, wie erleben ihn die Menschen, die sich einmal als sozial abgesichert gesehen und sich über ihre Zukunft kaum Gedanken gemacht haben? Diese scheinbaren sozialen und kulturellen Sicherheiten bröseln heute auseinander mit dramatischen Auswirkungen auf den Zusammenhalt der gesamten Gesellschaft. Irgendwie hat man aber bei der Lektüre dieses „Tagebuchs eines Obdachlosen“ den Eindruck, dass der Autor die existenzielle Schärfe dieser gesellschaftlichen Entsolidarisierung nicht in Worte zu übersetzen vermag.

Der Plot des Tagebuchs erscheint sehr konstruiert. So richtig mies geht es dem Tagebuchschreiber auch nicht in diesem schleichenden Prozess des Zerfalls zunehmender Obdachlosigkeit. Wer gezwungen ist, unter den Brücken der Seine zu schlafen, dürfte von den Alltagssorgen dieses Finanzbeamten noch träumen. Stilistisch schwankt das Tagebuch irgendwo zwischen einem literarischen Text und einer sozialwissenschaftlichen Analyse. Augé selbst nennt dieses Buch „Ethnofiktion“. Damit hat er zwar einen neuen literarischen Begriff geprägt, aber dem Leser erschließt es sich nicht so recht, was darunter zu verstehen ist. „Wir leben in einer Welt, die zu erkunden wir noch nicht gelernt haben.“ Diese Erkenntnis aus „Orte und Nicht-Orte“ bleibt auch nach der Lektüre des neuen Buches von Marc Augé als eine Aufgabe intellektuellen Nachdenkens über die Phänomene einer neuen Einsamkeit der sich heute herausbildenden „hypermodernen Weltgesellschaft“.

Carl Wilhelm Macke

Marc Augé: Tagebuch eines Obdachlosen. Ethnofiktion. Aus dem Französischen von Michael Bischoff. München : C.H. Beck Verlag 2012. 143 Seiten. 10,95 Euro.

Tags :