Maeve Brennan: New York, New York


Und plötzlich hält die Stadt den Atem an

– Judith Momo Henke über Maeve Brennans in dem Band „New York, New York“ versammelte Kolumne, die mit einem Schnappschuss beginnen und sich dann zu allen Seiten hin weite Assoziationsräume öffnen.

Bis vor kurzem konnte ich mit Amerikanern nicht viel anfangen. Und das meine ich jetzt nicht politisch, ich meine: Bis vor kurzem waren US-amerikanische Autoren not my cup of tea. Updike, Eugenides, Roth – jeder Schritt über den Teich misslang, ich platschte mit einem Fuß ins Wasser, ohne die fremde Küste auch nur betreten zu haben. Nach bestenfalls 20 oder 30 Seiten verkümmerten die Bücher auf dem Nachttisch, wurden von anderen bedeckt und schließlich räumte ich sie schicksalsergeben ins Regal oder trug sie zurück in die Bibliothek. Ich fand keinen Zugang zu den großen amerikanischen Romanen, die beschriebenen Lebenswelten berührten mich nicht: Von Baseball verstehe ich nichts, mittelamerikanische Wüsten lösen Beklemmungen in mir aus und versmogte Großstädte höchstens Klaustrophobie.

Aber dann, ich war schon kurz davor aufzugeben, erschien ein unerwarteter Einreiseweg wie eine gewonnene Greencard: Im Windschatten europäischer Autoren durch die Passkontrolle und mit ihren Augen in die angeblich großartigste aller Städte: New York! Mit Uwe Johnsons Gesine Cresspahl in die U-Bahn, die New York Times sorgfältig gefaltet vor der Nase, in den Riverside Drive und auf die South Ferry. Mit Mirjam Kristensen ins Metropolitan Museum. Håkan Nesser hinterher in kleine Cafés und Bibliotheken. An der Seite von Max Frisch aus der Stadt hinaus, nach Montauk. Anker warfen sich aus, Verknüpfungen bildeten sich und plötzlich stand ich auf der Feuertreppe zu Holly Golightlys Apartment, tanzte auf Jay Gatsbys Partys und klapperte mit Oskar Schell die New Yorker Stadtteile ab. Von dort war es nur noch ein Katzensprung über den Kontinent.

Und dazu ist Literatur schließlich da: Sie erschließt uns neue Welten und erweitert den Radius unserer Wirklichkeit. Sie bringt uns an unbekannte Orte und lässt uns Erfahrungen machen, die uns ansonsten verschlossen blieben. Sie trägt an uns heran, was fremd und fern erschien.

Die literarisch vermittelte Erschließung eines Raumes

Um die literarisch vermittelte Erschließung eines Raumes geht es auch in Maeve Brennans Kolumnen-Band „New York, New York“ (erschienen im Steidl Verlag, übersetzt von Hans-Christian Oeser). Die Schriftstellerin und Journalistin Brennan (1917–1993), geborene Irin und mit 17 in die USA übergesiedelt, erschrieb sich New York als Beobachtung und sinnliche Erfahrung. Ihre nie ganz vollzogene Annäherung an diesen gleichzeitig so vertrauten und doch fremden Raum – Brennan lebte den Großteil ihres Erwachsenenlebens in New York, ihre Jugend hatte sie jedoch in Irland verbracht und zog dann zunächst nach Washington D.C. – lässt sich wunderbar in den 47 Texten nachlesen, die Brennan von 1954 bis 1981 als „the Long-Winded Lady“ für den „Talk of the Town“ im New Yorker schrieb und selbst für diese Sammlung auswählte: Kurze Beobachtungen aus dem Alltag, Skizzen, die zunächst wie zufällig erscheinen. Erst ein genauerer Blick zeigt, dass es sich um sorgfältig ausgearbeitete Collagen handelt, die Brennan durch geschickte Montage zum Leuchten bringt. Sie leisten nicht weniger als eine emotionale Kartographierung der Stadt, die Maeve Brennan stets ein Rätsel zu bleiben scheint und die sie dennoch liebt. Denn „tatsächlich ist dies eine wunderbare Stadt. Immerzu gibt sie mir Denkanstöße.“

Brennans Texte beginnen mit einem beiläufigen „neulich“, einer schlichten Beobachtung. Immer wieder ist die Perspektive durch Fensterrahmen eingeschränkt, die den Blick fokussieren und lenken. So macht der Einstieg bereits deutlich, dass es sich um eine subjektive Beobachtung handelt, die auf Brennans Standpunkt und Sichtweise beschränkt bleibt. Sie ist keine Reporterin, die in fremde Lebenswelten vordringt, sie will „es nicht unbedingt mit einem so weiten Ausblick aufnehmen“. Stattdessen hält sie zwischen Wohnung und Stammrestaurant die Augen auf, pickt etwas Individuelles aus der Masse und hält es unter ein Vergrößerungsglas. Unter dem Blick von Maeve Brennan scheint New York als Standbild einzufrieren, alle Handlungen gehen durch ihre sorgfältige Beschreibung in Slow Motion über und lassen die Stadt, die niemals schläft, für einen Moment den Atem anhalten.

Es sind Schnappschüsse, mit denen ihre Texte beginnen, und die sie dann zu allen Seiten hin in einen weiten Assoziationsraum öffnet. Vom ersten Impuls geht sie zu einer Erinnerung über, die scheinbar in keinem Zusammenhang dazu steht. Und das ist das Besondere an diesen Kolumnen: Wie eine Billardspielerin führt Brennan ihre Erzählungen geschickt über Bande, um am Schluss mit einer feinen Pointe wieder am Ausgangspunkt anzukommen. Und erst hier zeigt sich, dass es sich nicht um alltägliche Beobachtungen handelt, schnell heruntergeschrieben und zufällig aneinandergereiht, sondern um sorgfältige Kompositionen. Die Texte strahlen, obwohl sie beileibe nicht immer optimistisch sind, eine eigentümliche Ruhe und Gelassenheit aus.

Dabei arbeitet Brennan mit Bildern, die in ihrer Schlichtheit umso eindrücklicher sind und New York zu einem lebendigen Organismus machen. Die Lexington Avenue etwa sei „eine nützliche Straße“, aber „lärmig und verstopft“, die „mehr Beachtung fordert, als sie verdient“. Kleine alte Häuser, die vermutlich bald Wolkenkratzern weichen müssen, werden zu zusammengekauerten Persönchen, gebeugt und fremd in der rasant wachsenden Stadt. „Das alte Haus ist eines von dreien, die dort noch ausharren, aber den beiden anderen ist das Gesicht gestrafft worden. Das Haus, in dem sich die Blue Line befindet, ist so natürlich und erkennbar gealtert wie ein Mensch.“ Hochhäuser hingegen erscheinen als unmenschliche, lebensfeindliche Kreaturen aus kaltem Beton, die die Stadt erobern und verändern. Während für Brennans berühmtere Kollegin Dorothy Parker New York die Folie war, auf der sich ihre Geschichten abspielen – so selbstverständlich, dass sie keiner weiteren Beschreibung bedarf – wird die Stadt bei Maeve Brennan zum heimlichen Antagonisten des beobachtenden Subjekts, zum unermüdlich zu erforschenden Gegenstand.

„Sie sind unsichtbar. Das sieht doch jeder.“

Brennan ist eine hervorragende Beobachterin. Sie liest Situationen, Momente und Personen auf, seziert sie und lässt sie dann weiterziehen. Oft verlässt sie den Schauplatz, bevor eine Episode ihr Ende erreicht hat. Nicht die lebenswirkliche Darstellung realer Geschehnisse ist  das Ziel, sondern das Herstellen eines inneren Zusammenhangs, der ein größeres Ganzes herstellt. „Es geht doch nichts über einen kurzen Spaziergang durch die Stadt, um uns die zufällige Natur unseres Lebens in Erinnerung zu rufen.“ Indem Brennan aber das Gemeinsame zufälliger Ereignisse herausstellt, verleiht sie ihnen tiefere Bedeutung. Indem sie Verschwindendes beschreibt, bewahrt sie es. Und vielleicht hat die Frau, die die letzten Jahre ihres Lebens geisteskrank in einem Abstellraum der Redaktionstoilette des New Yorker hauste, auch gegen das eigene Verschwinden angeschrieben, für den inneren Zusammenhalt der eigenen Existenz.

In dem Text „Filmstars in freier Wildbahn“ beschreibt sie einen Traum, in dem jemand zu ihr sagt: „Sie sind unsichtbar. Das sieht doch jeder.“ Und tatsächlich spielen die Kolumnen zwar mit einer unbeteiligten Perspektive aus einiger Distanz. Zusammengehalten werden sie jedoch von Brennans Empfindungen, sie sind gefärbt durch ihre Wahrnehmung. Die Beschreibende scheint abgeschlossen vom pulsierenden Leben der Stadt, gleichzeitig ist sie immer auch Agierende. „Ein Polizist kommt und stellt ein Absperrgitter vor mir auf. Ich blicke mich um. Ich bin allein. Es gibt keine Menschenmenge. Ich bin die Menschenmenge. Ich beobachte Greta Garbo und tobe wie eine Menschenmenge.“

Maeve Brennans „New York, New York“ sollte man häppchenweise genießen – schnell hintereinander konsumiert werden die Kolumnen leicht zu einem Einerlei aus Straßenszenen. Nach und nach gelesen aber entfalten sie ihre berückende Wirkung und überzeugen mit einem ganz eigenen Blickwinkel.

Um übrigens noch einmal auf Holly Golightly zurückzukommen: Brennans Biografin Angela Bourke spekulierte in Maeve Brennan: Homesick at the New Yorker (2004), Brennan könne die Vorlage für die flirrende und nie wirklich ankommende Holly Golightly in Truman Capotes „Breakfast at Tiffany‘s“ gewesen sein. Und die ist nun wirklich alles andere als unsichtbar.

Judith Momo Henke

Maeve Brennan: New York, New York (The Long-Winded Lady. Notes from The New Yorker). Aus dem amerikanischen Englisch von Hans-Christian Oeser. Steidl Verlag, Göttingen 2012. 280 Seiten. 18,00 Euro.

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