Geschrieben am 24. Oktober 2012 von für Bücher, Litmag

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Kurzrezensionen – diesmal mit einer Haiku-Rezension von Friederike Moldenhauer zu Vladimir Sorokin und Rezensionen zu Jeremias Gotthelf („Wilde, wüste Geschichten“) und Barbara Kirchner („Die verbesserte Frau“), geschrieben von Brigitte Helbling (BH) und Tina Manske (TM).

(FM) Haiku Rezension

Verbissen geht es
übers Feld, doch man scheitert.
Wohin führt der Weg?

Vladimir Sorokin: Der Schneesturm (Metel, 2010). Aus dem Russischen übersetzt von Andreas Tretner. Kiepenheuer & Witsch 2012. 208 Seiten. 17,99 Euro. Eine Leseprobe finden Sie hier.

Krasse Kost

(BH) Der schreibenden Berner Pfarrer (Schweiz) Jeremias Gotthelf ist nicht leicht zu lesen und nicht leicht zu mögen. Da ist einmal das mit Schweizer Wendungen durchsetzte Deutsch seiner Romane und Erzählungen. Da ist mehr noch die unübersehbare, beinah erregte Lust, mit der dieser Autor die moralische Verirrung seiner verkommeneren Figuren anprangert, steigert und bis in die letzte Konsequenz ausreizt.

In Gotthelfs ländlicher Schweiz herrscht Dummheit und Gier, Völlerei und Eitelkeit. Viele der Pächter und Großbauern, Mägde und Herrinnen bereuen keineswegs ihren Lebenswandel – auch die Tatsache, dass ihre nähere und zuweilen weitere Umgebung an ihrer Sündhaftigkeit zugrunde geht, scheint den Genuss allenfalls noch zu erhöhen. Wer hier klug ist, nutzt seine Gabe vorzugsweise, um das eigene Hab und Gut zu mehren. Kleine Kinder bleiben so lange geschundene (und höchst gefährdete) Opfer, bis sie gelernt haben, die Wege ihrer verkommenen Eltern zu beschreiten. Liebt dieser Autor seine Figuren? Nein. Aber er scheint ihnen einen widerwilligen Respekt zu zollen. Soviel entschlossene Sündhaftigkeit, ohne jeden Funken einer Neigung, sich zu bessern, wird gerade in den grausigeren Gotthelf-Erzählungen unübersehbar zum Gegenstand von Faszination. Vierzehn davon sind neu in dem Erzählband „Wilde, wüste Geschichten“ bei Nagel & Kimche erschienen.

Die Provokation, die in ihrem Schweizbild steckt, wurde schon zu Lebzeiten des Autors wahrgenommen. Das war kein Spiegel, der dem Schweizer des 19. Jahrhunderts, Gotthelfs Zeit, gefallen konnte, auch wenn der Autor seine Landsleute mit helleren Heimatbildern wie „Der Knabe des Tell“ durchaus für sich einzunehmen wusste. Dass  der krassere Gotthelf auch heute noch seine Leser herausfordert, bestätigt das Nachwort zu „Wilde, wüste Geschichten“.

„Was soll die rettungslose Misere?“ fragt darin Peter von Matt, Herausgeber der „Kollektion“ Schweizer Autoren, zu der auch dieser Band gehört. Die Antwort gibt er selbst, mit seiner Auswahl: Hier schreibt die Wut, mit hoher Kunst und einem kreischenden Grinsen, nicht um – das behauptete Anliegen Gotthelfs –„das Volk zu bilden“, sondern um sich selbst vor dem Irrsinn seiner Unbelehrbarkeit zu retten.

Jeremias Gotthelf: Wilde, wüste Geschichten. Mit einem Nachwort von Peter von Matt. Kollektion Nagel & Kimche / Carl Hanser 2012. 256 Seiten. Euro 19,90.

Dystopie aus der Sicht einer Linken

(TM) Im Brückenstädtchen Borbruck ist der Teufel los, im wahrsten Sinne des Wortes: reihenweise verschwinden junge Frauen. Die jungen Bettina Richter, die ihr Studium abgebrochen hat und sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser hält, sieht sich plötzlich im Mittelpunkt des Geschehens: eine ihrer Kommilitoninnen wird eines Tages zerstückelt aufgefunden, und einer ihrer WG-Mitbewohner verhält sich reichlich komisch. Zudem ist Bettina in eine Wissenschaftlerin verliebt, die an einem Institut arbeitet, das gar keinen guten Ruf in der Stadt hat, denn dort soll es gruselige Experimente geben…

„Die verbesserte Frau“ ist Thriller und Wirtschafts-/Wissenschafts-Fiction in einem. Der Roman erschien bereits 2002 und war Kirchners Debüt, dies ist eine (nicht weiter ersichtlich in welchem Umfang) überarbeitete Neuauflage. Das Thema einer „Verbesserung des Menschen“ wirkt tatsächlich heute aktueller denn je. Und die Autorin hat eine politische Intention, das Buch ist eine Dystopie aus der Sicht einer Linken, weswegen die Figuren natürlich unsere Sympathie haben.

Eines muss man Barbara Kirchner lassen: nicht oft darf eine Frau in deutschen Romanen Gedanken hegen wie diese: „Am besten, ich geh‘ nach Hause, hol mir in der kaputten Duschkabine im Bad einen runter und sitze dann den ganzen Abend am Klavier und heule.“ Denn Kirchner entwirft Frauen, die Helden sein dürfen, die sich so benehmen und so viel Verzweiflung und Mut haben, wie das sonst nur männlichen Protagonisten zukommt. Und das ist ein politisches Statement, für das man Kirchner  loben möchte. Allerdings, und damit steht bzw. fällt die ganze Angelegenheit namens ‚Roman‘, fehlen ihr ganz und gar die literarischen Mittel. Sätze wie „Es rieselte ihm den Rücken runter, machte die Knie weich, und die Arme fühlten sich an wie aus Gummi“ sind in ihrer Klischeehaftigkeit der Nachweis kompletter Hilflosigkeit. Die Geschichte verkommt zum body count, zum Drehbuch für ein hübsches Splatter-Movie.

Den Figuren wird folgerichtig auch keine Charaktertiefe zugestanden, oder würden Sie es auch nur einem „Tatort“-Kommissar durchgehen lassen, dass er zu einer Frau, deren WG-Mitbewohnerin gerade umgebracht wurde, sagt: „Ich würde vorschlagen, Sie […] suchen sich zumindest für diesen einen Tag eine andere Unterkunft. […] Außerdem ist es ja nicht angenehm, mit einer Leiche in der Wohnung, auch wenn sie gleich weggebracht wird“? Hier darf es der Kommissar sagen, und Bettina  hält ihn auch noch für sympathisch.

Pluspunkte also für die Intention dieses Romans, starke Frauen und eine glaubhafte, düstere Vision der Biopolitik zukünftiger Tage zu liefern; schade, dass man ihn wegen der kruden Sprache nur mit Bauchschmerzen lesen kann.

Tina Manske

Barbara Kirchner: Die verbesserte Frau. Roman. Überarbeitete Neuausgabe. Verbrecher Verlag, Berlin 2012. 253 Seiten. 14,00 Euro.

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