Geschrieben am 28. März 2012 von für Bücher, Litmag

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Kurzrezensionen – diesmal mit einer Haiku-Rezension über Iwan Gontscharow (Friederike Moldenhauer) und einem spannenden Streifzug durch Literatur (Christopher Roth, textura), Feminismus (Laurie Penny) und Kunst (Jackson Pollock), unternommen von  Joe Paul Kroll (JPK), Carl Wilhelm Macke (CWM), Christina Mohr (MO) und Christiane Geldmacher (CG).

(FM) Haiku-Rezension

Nachdenklich ruhend
riesiger schöner Wälzer
kommt er vom Sofa?

Iwan Gontscharow: Oblomow (Oblomow, 1859). Übersetzt von Vera Bischitzky, herausgegeben von Vera Bischitzky. Hanser Verlag 2012. 840 Seiten. 34,90 Euro.

So was von damals

(JPK) Ein junger Mann kauft sich Samstagmorgen ein Auto, Sonntagmorgen verlässt er damit die Stadt. Dazwischen streift er atemlos durch München, durch Cafés, Galerien und durchs Nachtleben. Vor fünfzehn Jahren nannte man so etwas Popliteratur, heute will es keiner gewesen sein, und vor dreißig Jahren wusste niemand damit etwas rechtes anzufangen. Aufgeschrieben hat es damals Christopher Roth, heute als Filmregisseur und Projektkünstler bekannt.

Die Bezeichnung „Roman“ führt bei „200 D“ nicht weiter, „Erzählung“ oder „Reportage“ täten es wohl auch nicht. Literarische Stilisierungen kommen eher zufällig vor. Durchzogen wird der Text von Ausschnitten aus der Biografie von Rudolf Diesel. Ökonomie und hohe Energieausbeute könnten hier immerhin als poetische Leitlinien dienen. Diesel selbst jedoch arbeitete über ein Jahrzehnt lang an seinem Motor, für den Icherzähler muss es die sofortige Gratifikation sein: Mercedes Diesel, Baureihe 200/8 (Fachleute werden auf die Typenbezeichnung W 114/W 115 Wert legen.) Ein paradoxes Objekt: Die träge, doch unermüdliche Zweckrationalität des „Heizölferrari“ und das Verlangen nach einer Ausstattung, die dem Fetischcharakter gerecht wird: roter Lack, rotes Leder.

Mercedes Benz

Wenn es sich hier tatsächlich um Popliteratur handelt, dann um eine naive Frühform: Da ist kein innerer Kampf, keine Todesahnung, kein Lebensüberdruss, nur mildester Zynismus, der eher auf Selbstironie hinausläuft – man ist nicht in Los Angeles unterwegs, sondern im verschlafenen Nest „Bad München“. So führt auch Moritz von Uslar nicht weiter, wenn er in seinem Vorwort zur Neuauflage auf Bret Easton Ellis’ „Unter Null“ verweist. Recht hat Uslar natürlich mit der radikalen Gegenwart, die er in „200 D“ ausmacht, dem totalen Da-Sein. Das Problem mit der Gegenwart ist nur, dass der Reiz ihrer Unmittelbarkeit oft überbewertet wird.

Für Popbegeisterte ist „200 D“ gewiss von historischem Interesse. Musik kommt zwar nur am Rande vor, dafür gibt es zahlreiche Andeutungen zu entstehenden und beharrlichen Subkulturen (Popper und Hippies), viele Beschreibungen von Bekleidung, die später obligatorischen Markennamen, die Serie „Dallas“ sowie die angeblich erste Erwähnung von Breakdance in der deutschsprachigen Literatur. Alles das liest sich schnell weg, ohne dass man das Gefühl bekäme, etwas zu verpassen. Damit könnte dem damals jugendlichen Autor Unrecht geschehen, der Punkt ist aber: Man befürchtet es auch nicht.

Christopher Roth: 200 D. Roman. Berlin: Bloomsbury Verlag 2012. 109 Seiten. 8,95 Euro. Zur Verlagsseite des Buches.

Exzellente literarische Reihe

(CWM) Es wird Zeit, einmal ohne „wenn“ und „aber“ eine literarische Reihe zu loben. Seit Mitte 2010 erscheint nun schon beim C.H. Beck-Verlag in München die Edition mit dem Titel „textura“. Um eine neue Reihe handelt es sich dabei nicht. Wurde diese so exzellent gestaltete und in der Auswahl der Texte auch vorbildliche Buchedition doch bereits seit 1980 von dem Verlag Langewiesche-Brandt ediert. Kristof und Helga Wachinger, die „Eltern“ dieser Reihe, haben mit ihrer Titelauswahl ein kleines, aber wichtiges Stück jüngerer deutscher Verlagsgeschichte geprägt. Ohne das Engagement des großen Beck-Verlages wäre auch diese literarische Reihe eines kleinen, feinen Verlags – wie so viele andere – längst Teil einer untergegangenen Buchkultur. Jetzt aber gibt es sie noch – oder wieder – und als Bibliophiler kann man sich nur darüber freuen.

Hier stimmt einfach alles, von der Gestaltung der Cover über das Format bis hin natürlich zum Wichtigsten, dem Inhalt. „Bartleby der Schreiber“ von Herman Melville wurde bereits 2011 neu aufgelegt – mit einem Nachwort von Wilhelm Genazino. Jetzt im Frühjahr 2012 kommen Charles Dickens „Reisender ohne Gewerbe“ und Giacomos Casanovas Erinnerungen an seine „Flucht aus den Bleikammern von Venedig“ hinzu. Dann sind noch Titel aus dem lyrischen Programm wie die „erotic poems“ von E. E. Cummings und (endlich !) wieder eine Auswahl aus den Gedichten von Robert Frost zu erwähnen: „Promises to keep“:

Zwei Wege trennten sich im Wald, und ich -/ ich nahm den Weg, der kaum begangen war“ (Frost).

Literaturfreunde, schlagt den kaum begangenen Weg der Reihe „Textura“ ein und ihr werdet reichlich mit ganz erlesenen Editionen am Ende des Wegs belohnt.

Die „textura-Reihe“ erscheint im C.H. Beck-Verlag, mehr Informationen hier.

Wunden aufreißen

(MO) Manche Bücher sind so verdammt wichtig – trotz eventueller Mängel. Laurie Pennys „Fleischmarkt“, erschienen als Flugschrift in der Edition Nautilus ist ein solches wichtiges Buch: Die 25-jährige radikalfeministische Bloggerin aus England reißt mit ihren messerscharfen Sätzen alle Wunden wieder auf, die man/frau voreilig für verheilt hielt. Denn: Nichts ist verheilt und nichts ist gut, jedenfalls nicht für die Frauen im Kapitalismus. In einer wahren Tour de Force deckt Penny alle Ungerechtigkeiten auf, die die moderne westliche Welt für ihre weibliche Hälfte bereit hält – und wie Frauen alles begeistert und/oder entmutigt mitmachen: Sexy sein, aber nicht verfügbar wirken, gleiche Arbeit für ungleichen Lohn verrichten, die Kinder zur Welt und in die Kita bringen, Poledancekurse zur Steigerung der Fitness belegen und über diesen ganzen Irrsinn schon als junges Mädchen Essstörungen entwickeln – Laurie Penny weiß, wovon sie spricht, denn sie wäre mit 17 selbst beinah an ihrer Magersucht gestorben.

Der Weg aus der Krankheit gelang mit Sensibilisierung und Radikalisierung: Penny ist enorm belesen, sie kennt die Werke von Betty Friedan, Shulamith Firestone, Nina Power, Angela McRobbie, Naomi Wolf, Susan Faludi, deren Einfluss man in „Fleischmarkt“ leicht entdecken kann. Penny verdichtet die Thesen ihrer Vorbilder zu einem einseitigen, tendenziösen, unerbittlichen und ungerechten Pamphlet, das genau deswegen so aufrüttelnd und notwendig ist und deren Autorin mit den kompromissbereiten, weichgespülten und letztendlich kraftlosen Alphamädchen allerhöchstens das Geschlecht gemein hat.

Laurie Penny: Fleischmarkt. Weibliche Körper im Kapitalismus (Nautilus Flugschrift). Hamburg: Edition Nautilus 2012. 128 Seiten. 9,90 Euro. Zum Blog von Penny.

Einzigartige Energie

(CG) In diesem Jahr wäre Jackson Pollock (1912-1956) 100 Jahre alt geworden. Der Piet Meyer Verlag feiert mit einem Sammelband mit Beiträgen zu diesem aufregenden Künstler. Kernstück der Hommage „Jackson Pollock – Freund, Kollege, Vorbild“ sind Zitate und Stellungnahmen zeitgenössischer Künstler zu Pollocks Werk und seiner Person. Anlass war damals eine Jackson-Pollock-Retrospektive 1967, die das Museum of Modern Art in New York ausrichtete, zehn Jahre nach dem tragischen Unfalltod des Künstlers.

Diese Stellungnahmen und Zitate sind überaus erhellend, oftmals anekdotisch. Meistens voller Bewunderung, manchmal aber auch nicht. Denn Jackson Pollock polarisierte. Er war ein schwieriger Mensch, Alkoholiker, kompromisslos, radikal. Mit ihm auszukommen war nicht einfach. Und er machte nie einen Hehl aus seinen Ansichten. Damit musste man fertig werden.

Diese Ambivalenz spiegeln auch die Beiträge anderer Künstler über ihn wider.

Al Held: „Pollock bekehrte mich zur modernen Kunst. Sah seine Gemälde erstmals in den späten 40ern, als Schüler des Sozialen Realismus, und hasste sie. Sie verkörperten alles, worum es in der Kunst nicht gehen sollte. Die Bilder übten eine fantastische körperliche Wirkung auf mich aus.“

Larry Rivers: „ … (Pollock) … machte viele verletzende Bemerkungen über meine Arbeit; manche waren irgendwo abgedruckt, von anderen hörte ich nur, und wieder andere schleuderte er mir direkt ins Gesicht. Was ich in seinem Werk als tiefgründige Auseinandersetzung angesehen hatte, schien jetzt schlicht verengt auf seinen Standpunkt. Meine Hingabe an die Kunst und an ein Leben mit der Kunst hatte einen dezidiert antipollockschen Ton angenommen. Das offensichtlich Großartige in seinem Werk wurde jetzt von einer Geistlosigkeit durchzogen, die unmöglich von seiner sozialen Persönlichkeit zu trennen war …“

Barnett Newman: „Pollock war mehr als ein großer „ Bildermacher“. Sein Werk war sein erhabener Beitrag zum großen Diskurs menschlicher Leidenschaften, reich an Empfindsamkeit und Feingefühl. Aber vor allem dürfen wir nicht vergessen, dass es diesen revolutionären Kern gab, der sich durch sein Werk zieht und es zum Leben erweckt.

Jackson Pollock

Elaine de Kooning: „Was den Mann und sein Werk aber tatsächlich von anderen unterschied, war die erstaunliche, die einzigartige Energie, die noch vollkommen ungerichtet in der Luft hing. Erst 1947 verwarf er alles, was er kannte – die vorgedachten Formen, die ihn behinderten –, und fand, was er war, aber nicht kannte: Er tat Wege in seinem prsönlichen Labyrinth auf, die für niemanden sonst passierbar waren.  Über gigantische Leinwände gebeugt, die neu entdeckten, hingepeitschten Farbgeflechte voll unter Kontrolle, entwickelte er seine strahlenden Panoramen.“

Allan Kaprow bezieht Underground-Diskotheken auf Jackson Pollock: „Man sehe sich  nur die Action an! Sie ist überall; sie ist heftig; wenn man mittendrin ist, weiß man nicht, was man tut; sie scheint kein Anfang und kein Ende zu kennen; Lärm und Licht hämmern auf einen ein; die rhythmischen Pulsschläge, die sich jedes Mal um eine Nuance verschieben, kommen in Wellen; man ist umzingelt; es ist überwältigend …“

Das Buch mit diesen vielen Zitaten und Stellungnahmen ist sicher etwas für Pollock- oder Kunstbetrieb-Addicts. Aber auch für alle, die einen Einstieg zu Pollocks Werk suchen. Die sollten sich dieses Bändchen unbedingt besorgen, zeigt es doch, wie man durch Widerspruch Tiefe und Einsicht gewinnen kann.

Christiane Geldmacher

Barnett Newman, Robert Motherwell, Alex Katz et al.: Jackson Pollock, Freund, Kollege, Vorbild. Deutsch von von Kurt Rehkopf. Mit einem Nachwort von Kay Heymer. Wien: Piet Meyer Verlag 2011. 136 Seiten. 26 Abbildungen. 12.80 Euro.  Zur Seite des Verlags hier. Foto: Namuth_-_Pollock.jpg‎, Source, Copyright is owned by the Hans Namuth Estate.

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