Geschrieben am 2. März 2011 von für Bücher, Litmag

LitMag-Quickies

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– Kurzrezensionen, diesmal zu Martin Sonneborn, Björn Kuhligk, James Orbinski, Christian Y. Schmidt und Paul Ginsborg von Tina Manske (tima), Frank Schorneck (fs) und Carl Wilhelm Macke (cwm).

„DDR war sowas wie Krieg, glaube ich“

(tima) Im Jahr 2008 unternimmt der Satiriker Martin Sonneborn, Ex-Chefredakteur der Titanic und Gründer der PARTEI, einen ungewöhnlichen Ausflug: Er wandert einmal um Berlin herum, 234 Kilometer. Mit dabei ist der Dokumentarfilmer Andreas Coerper, der die Begegnungen auf dieser Reise durch den Osten mit der Kamera festhält. Das Buch „Heimatkunde“ ist die äußerst vergnüglich zu lesende schriftliche Dokumentation dieser Expedition. Wer den Film „Heimatkunde“, auf dem das Buch beruht, nicht gesehen hat und damit nicht weiß, dass die Geschichten, die hier erzählt werden, tatsächlich so passiert sind, der würde es manchmal nicht für möglich halten, welche Gestalten Sonneborn bei seiner Berlin-Umrundung begegnen. Geradezu legendär dürften seine Gespräche mit unterschiedlichen Vertretern der Dorfjugend werden. In Woltersdorf etwa trifft er auf eine Gruppe, der zur DDR Folgendes einfällt: „Ja, das Geld war nicht so, also Westen war besser als Osten, so hieß es doch, nicht?“ Oder: „Im Westen waren mehr Möglichkeiten, Coca-Cola und so was alles.“ Und in der Nähe von Schönefeld begegnet Sonneborn nachts zwei 14-jährigen weiblichen DDR-Kennern: „DDR war sowas wie Krieg, glaube ich“, sagt die eine und sorgt damit für einen der vielen humoristischen Höhepunkte. Im Klappentext heißt es stolz, dieses Buch würde „den mühsamen Prozess der deutschen Wiedervereinigung um Jahre zurückwerfen“. Das ist natürlich stilecht gelogen, weil man diesen Prozess gar nicht mehr weiter zurückwerfen kann (konsequenterweise wurde Sonneborn von ostdeutschen Medien auch gleich zum „Ossi-Hasser“ ausgerufen). Buch lesen oder Film anschauen, es bleibt sich gleich, aber einen Blick in diese Wunderwelt an der Peripherie der Hauptstadt sollte man schon mal geworfen haben.

Martin Sonneborn mit Andreas Coerper: Heimatkunde. Eine Expedition in die Zone. Berlin: Ullstein Verlag 2010. 270 Seiten. 18,00 Euro. Mehr zum Film finden Sie hier. Den ganzen Film hier bei Youtube.

Am Boden geblieben

(fs). Björn Kuhligk zählt zu den renommiertesten deutschen Lyrikern der jüngeren Generation, die Ankündigung eines ersten Prosabands machte daher neugierig. „Bodenpersonal“ heißt der Titel der Textsammlung aus dem Verlagshaus J. Frank. Ein Großteil der Texte schildert Impressionen aus der Türkei, wo Björn Kuhligk auf Einladung des Goethe-Instituts an einem Stadtschreiberprojekt teilgenommen hat. Es sind Einträge in ein Reisetagebuch, dem ein wenig der Beigeschmack einer Auftragsarbeit anhaftet. Kuhligk verfügt über eine feine Beobachtungsgabe, doch im Gegensatz zu seinen ausgefeilten Gedichten, bleiben diese Reiseschilderungen skizzenhaft, ohne Tiefgang. Kuhligk fährt Zug, trinkt eine Menge Çai, besucht ein Konzert und wird krank. Als Magazinbeitrag wäre das durchaus lesenswert – man lernt die Türkei aus der ungewohnten Perspektive eines Beinahe-Staatsgasts kennen –, aber in Form eines Buches bleibt es ein wenig enttäuschend.

Doch zwischen diesen Türkei-Erlebnissen eingestreut finden sich Prosastücke mit stärker fiktionalem Charakter, mit dramaturgischer Komposition. „Der liebe Herrgott auf dem Speicher“ ist so eine kurze Story, die auf wenigen Seiten ohne Effekthascherei und vor allem in kleinen Gesten und Beobachtungen eine Drogenkarriere schildert. In solchen Texten, wie „Eine Insel“, „Nachts ist alles normal“ oder „Mit dem Kopf“, vermag es Kuhligk beinahe, an die sprachliche Präzision und Dichte seiner Lyrik anzuknüpfen – aber eben nur beinahe.

Björn Kuhligk: Bodenpersonal. Berlin: Verlagshaus J. Frank 2010. 96 Seiten. 18,90 Euro.

Humanitäre Feuerwehr

(cwm). Tag für Tag werden wir überschüttet mit schlimmen Nachrichten aus allen Ecken der Welt. Es ist verständlich, wenn sich da immer mehr  Menschen ihrer Hilflosigkeit bewusst werden und sich nur noch um das eigene Seelenwohl kümmern wollen. Andere aber fühlen sich herausgefordert, so gut es ihnen möglich ist, Menschen in Not zu helfen. Zu den Organisationen, die sich seit vielen Jahren schon in humanitären Einsätzen überall in der Welt engagieren, gehören die „Ärzte ohne Grenzen“. Der Autor war Präsident dieser Organisation und legt mit dem Buch eine Art persönlichen Rechenschaftsbericht seiner Arbeit und seiner Motivation für dieses humanitäre Engagement vor. Wir erfahren von vielen sehr deprimierenden Einsätzen des Autors in Ländern wie dem Kosovo, dem Sudan, Ruanda, Afghanistan, Somalia. Auch die engagiertesten Ärzte und Helfer können in solchen Ländern oft nicht mehr tun als im wörtlichen Sinne Pflaster auf große, schmerzhafte Wunden zu legen. An den Strukturen, die Gewalt, Erniedrigung und Hoffnungslosigkeit erzeugen, können sie nichts ändern. Aber trotzdem machen sie weiter, weil ohne ihre Hilfe die Not der Menschen noch größer wäre. So bietet dieses Buch neben vielen Berichten aus der „Hölle auf Erden“ auch Ermutigungen zum Handeln für eine Linderung der Not. „Jeder von uns kann aktiv Verantwortung übernehmen für die Welt, in der wir leben.“ Ob die Gelassenheit, die der Autor zum Schluss präsentiert, gerechtfertigt ist, muss jeder Leser nach der Lektüre dieses wichtigen Buches selbst entscheiden: „Die Welt ist so, wie sie immer war, schrecklich und schön zugleich, und sie bietet Möglichkeiten.“

James Orbinski: Ein unvollkommenes Angebot. Humanitäre Hilfe im 21. Jahrhundert. Aus dem Englischen von Irmengard Gabler. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag 2010. 415 Seiten.

Leicht und amüsant

(TiMa) Christian Y. Schmidt, Ex-Redakteur der Titanic, meldet sich aus China, wo er mittlerweile lebt, mit seinen „Achtzehn Premieren“, einer schönen Autobiografie-Persiflage. In 18 schnittigen Kapiteln beschreibt er fiktive Stationen seines Lebens als werdender und seiender Komödiant, von „Mein erster Prominenter (2 Jahre)“ bis „Zum ersten Mal bittere Reue (52 Jahre)“. Glücklicherweise hält sich Schmidt an keine Chronologie, sondern wechselt locker zwischen Kindheit, Jugend und ungefährer Gegenwart. Und auch hier dürfte so manches ziemlich nahe an der Realität vorbeischrammen (und sich sehr wahrscheinlich sogar mit anderen ähnlichen Sozialisationen dieser Generation decken, siehe die Themen Drogen oder politisches Erwachen); dazu ähnelt dieser imaginierte Schmidt zu sehr dem, den man auch von seinen Titanic-Beiträgen kennt. Leicht und amüsant.

Christian Y. Schmidt: Zum ersten Mal tot. Achtzehn Premieren. Berlin: Edition Tiamat 2010. 175 Seiten. 14,00 Euro. Eine Leseprobe finden Sie hier (PDF).

Wind aus der Tiefe

(cwm). Respekt für diesen Autor. Während es schon viele Italiener geben soll, die nach Australien und Neuseeland auswandern wollen, hat Paul Ginsborg mitten in der dunkelsten Zeit des „Berlusconismus“ die italienische Staatsangehörigkeit angenommen. „Italien retten“ – nicht einmal mit einem Fragezeichen hat Ginsborg den Titel seines Buches versehen, sondern er ist davon überzeugt, dass das Land so viele starke Traditionen besitzt, die auch in der Epoche Berlusconis nicht zerstört werden konnten. Und nur durch den Druck der starken italienischen Zivilgesellschaft wird es nach Ginsborg möglich sein, die italienische Demokratie von ihren größten Schädigungen der Berlusconi-Zeit zu befreien. Als Historiker  fühlt sich Ginsborg verpflichtet, mit Exkursen tief hinein in die Geschichte des Landes die Stärken Italiens offenzulegen. Es gibt eine sehr lange Tradition der städtischen Selbstverwaltung gegenüber dem Zentralstaat. Im Gegensatz etwa zu Großbritannien, der Herkunft des Autors, war die europäische Idee in Italien immer stark verankert. Und das Gefühl für Gleichheit und Gerechtigkeit ist in dem Land mit der jahrzehntelang stärksten westlichen Arbeiterbewegung, der Genossenschaften und dem „Volontariato“ (freiwillige Arbeit für die Gemeinschaft) immer sehr stark gewesen. Es gibt für den Autor in Italien immer noch – und immer mehr spürbar – einen „Bottom Wind“, einen „Wind aus der Tiefe“, der Berlusconi endlich wie seinen alten Freund Gaddafi in die Wüste schicken will. Möge der geduldige und kompetente Autor recht haben.

Paul Ginsborg: Italien retten. Aus dem Italienischen von Friederike Hausmann und Rita Seuß. Berlin: Verlag Klaus Wagenbach 2011. 128 Seiten. 10,90 Euro.