Geschrieben am 3. Oktober 2016 von für Bücher, Litmag

LitBits: Neue Bücher

Sammelrezension mit Büchern von Karel Čapek, Norman Mailer, Honoré de Balzac, Hermann L. Gremliza, Richard Bird, Armin Thurnher,  Kateryna Babkina und Birgit Birnbacher – besprochen von Senta Wagner (SW), Alf Mayer (AM) und Michael Höfler (MH).

capek_molche_cover_printBibliophile Rarität

(AM) Ein Asteroid ist nach ihm benannt, er starb 1938, ganze 48 Jahre alt, an einer Lungenentzündung; er hatte das Wort „Roboter“ erfunden, die Phantastik des 20. Jahrhunderts mitgeprägt, ein wunderbares Gartenbuch geschrieben, dazu Detektivgeschichten, Romane, Märchen, Theaterstücke,  und wenige Jahre vor seinem Tod eines meiner Lieblingsbücher.

Jetzt ist Karel Čapeks 1936 erschienene utopische Satire „Der Krieg mit den Molchen“ wieder zugänglich, dies in der besten aller Ausgaben, nämlich in der von Hans Ticha illustrierten und (zusammen mit Peter Birmele) typografisch gestalteten Optimalversion. Mehr als zwölf Jahre hatte der wohl „einzige Pop-Künstler der DDR“ für diese dann 1987 in Ostdeutschland und 1989 in der westdeutschen Büchergilde Gutenberg herausgekommenen Ausgabe gekämpft, es ist und bleibt eines der schönsten deutschen Bücher des 20. Jahrhunderts und wird nun – die Herstellung lag in den Händen der verdienstvollen Cosima Schneider (siehe die CulturMag-Kritik zu Sebastian Rethers „Foc – Feuer“) – ins 21. Jahrhundert transportiert. Heutige Bezüge in den „Molchen“ sind genügend vorhanden.

Eine vor Sumatra entdeckte unbekannte Molchart wird rasch zum globalen Wirtschaftsfaktor. Die gelehrigen Tiere sind hochintelligente Arbeitssklaven, sie werden an den Börsen gehandelt und von konkurrierenden Staaten hochgerüstet. Der Fortschritt rast. Schließlich wenden die Molche sich gegen ihre Ausbeuter, als Drohsignal versinkt New Orleans in den Fluten. Über den Rundfunk fordert der „chief salamander“ neuen Lebensraum für seine Artgenossen. Ein Gipfeltreffen in Vaduz kommt zu spät. Küste um Küste weicht den Seichtgebieten, in denen sich die Molche gern tummeln.

Man darf hier Klimakatastrophe denken, aber Čapek nahm mehr als das aufs Korn, seine Satire beißt gegen Nationalismus und Rassenwahn, war Orwells „Farm der Tiere“ (1945) voraus. Der Gestapo galt er als „Staatsfeind Nummer 2“, Thomas Mann sah 1937 eine „prächtig fundierte Satire voll bitteren Menschheitsgefühls“. In einem der zahlreichen Dokumente, Pamphlete und erfundenen Berichte des Buches, im Kapitel „Wolf Meyert schreibt sein Werk ‚Der Untergang der Menschheit‘“, heißt es: „Das ganze Unglück des Menschen liegt darin, dass er gezwungen war, zur Menschheit zu werden, oder dass er es zu spät wurde, als er schon unumstößlich in Völker, Rassen, Glauben, Stände und Klassen differenziert war, in Reiche und Arme, Gebildete und Ungebildete, Herrschende und Unterworfene.“

Hans Ticha ergänzt das vielstimmige Buch mit einem Feuerwerk von Illustrationen unterschiedlichster Stile und auch die Typographie wartet mit vielerlei Gestaltungsvarianten auf. Da gibt es ein Protokoll der Pazifischen Export-Gesellschaft mit Lochung, viele Zeitungsausschnitte, teils sogar mit unbekannten Sprachen, Flugblätter, Dossiers, Lexikonpassagen und Zeitungsausschnitte, Briefmarken, Comics, Depeschen, Telegramme. Das Buch ist durchgängig vierfarbig auf 115-Gramm-Papier gedruckt, das irrisierende Einbandmaterial bedruckt und geprägt. Die Erstauflage beträgt 1.000 Exemplare. Eine bibliophile Rarität.

Karel Čapek , Hans Ticha (Illustration): Der Krieg mit den Molchen (Válka s mloky, 1936). Aus dem Tschechischen von Eliška Glaserová. Edition Büchergilde, Frankfurt 2016, nach der 1987 im Aufbau-Verlag, Berlin und Weimar, erschienenen Ausgabe. Mit zahlreichen vierfarbigen und schwarz-weißen Illustrationen. Hardcover, Fadenheftung, Lesebändchen. 328 Seiten, 24,95 Euro.

babkina_heuteIst das Liebe oder Rotz?

(SW) Ein schmales, höchst charmantes Buch einer jungen ukrainischen Autorin, das Platz hat für die komplizierten Fragen im Leben, Selbsterkenntnis, Merkwürdigkeiten und Wunder.

Wenn Sonja bei der Berührung von Louis das Gefühl hat, „als würden Kirschblüten, leuchtender Plankton und kleine Quallen in ihr schwimmen“, könnte man annehmen, dass zwischen den beiden Liebe im Spiel ist. Sonja glaubt es jedenfalls, weiß aber so genau auch nicht Bescheid. „Ist das Liebe“, fragt sie sich daher oft. Liebe kommt aber und geht, oft unerwartet, grundlos, unerklärlich. Ist für den einen mehr Spaß, für die andere mehr als das. Die fidele Sonja hat es getroffen, und das ist hart für jemanden, der sich bis dahin im Leben schwebend, tänzelnd, verträumt und verspielt eingerichtet hat wie ein Vögelchen. Übergroße Empfindungen, die ebenso Menschen wie Orte und Atmosphären in Sonja auslösen können, fasst sie schlicht in die Worte „das Herz reißt“, und das tut es immer wieder, Sonja lässt sich ergreifen. Ein Leben in der Schwerelosigkeit, bis mit dem Verlust des Freundes die Leere eintritt und das Leben neu angepackt werden muss mit der mahnenden wort- und tatkräftigen Unterstützung der Freundinnen. Für Kateryna Babkina scheint es ein Leichtes zu sein, in ihrem deutschen Romandebüt „Heute fahre ich nach Morgen“ eine Form und Bilderfülle dafür zu finden: Ihre Dialoge sind flott, Ambivalenzen und Sprünge passen zum Lebenstakt der Figuren. Als Krönung stellt Sonja bald fest, dass sie schwanger ist. Das hat gerade noch gefehlt. Wahrscheinlich gibt es keine zwei einschneidenderen Ereignisse im Leben einer jungen Frau, die sie so radikal auf sie selbst zurückwerfen. Jetzt geht es plötzlich für die werdende Mutter um ganz andere, neue Gefühlsbindungen und die Suche nach dem eigenen Vater, den sie nie kannte.

Der Roadtrip ins Ungewisse kann beginnen, und wie es sich für eine junge Frau aus der Ukraine und überhaupt für junge Menschen seit „Tschick“ gehört, in einem tüchtigen Lada. Unterwegs findet Sonja ungewöhnliche Reisegefährten, schlägt nach einem Autounfall in Begleitung eines Wunderverkäufers neue Ziele ein, erfährt von Einsamkeit und Tod, nimmt an und saugt auf und kommt in einer großen Schleife gereifter, orientierter bei sich und in ihrem Zuhause an. Mit Esprit, poetischem Zauber, frechen Tönen beschenkt uns Babkina mit einer lebenstollen Heldin und der Erkenntnis, dass es in der Literatur allenfalls eine Buchlänge braucht, um aus einem „Im Grunde lebte sie gern“ ein „Sie lebte gern“ zu machen.

Beitrag adaptiert von der Buchkultur 168

Kateryna Babkina: Heute fahre ich nach Morgen. Aus dem Ukrainischen  von Claudia Dathe. Innsbruck: Haymon Verlag 2016. 160 Seiten. 19,90 Euro

bu-mailer_moonfire_hc-cover_45446Der „Moby Dick“ des Weltraums

(AM) Große Literatur zielt darauf ab, der Geschichte Handschellen anzulegen. Die Zeit anzuhalten. Bewegung erstarren zu lassen. Die Erinnerung zu umklammern. Das Leben in einen Doppelnelson zu nehmen. Und sei es auch nur für ein, zwei Augenblicke. Das schreibt Colum McCann in seinem Vorwort zu Norman Mailers „Moonfire“, das es jetzt sehr günstig in Taschens Biblioteca Universalis gibt. 616 Seiten, großzügig illustriert mit den besten Fotos aus den Schatzkammern der NASA und der Zeitschrift „Life“ – dem Autor Mailer gelingt darin der Doppelnelson mit einem der wichtigsten historischen Momente des 20. Jahrhunderts. Nach zehn Jahren Tests und Training und einem Milliarden-Budget, unterstützt von einem Stab aus 400.000 Ingenieuren und Wissenschaftlern, schoss am 20. Juli 1969 die bis dato stärkste Rakete aller Zeiten Neil Armstrong, Buzz Aldrin und Michael Collins auf den Mond.

Mailer war zur Zeit der Mondmission von Apollo 11 in seinen Vierzigern, er war der gefeiertste und vielleicht gefürchtetste Schriftsteller Amerikas; an Selbstbewußtsein mangelte es ihm wahrlich nicht, aber das war größer als er, „zwanzig Mal größer“, sagte er selbst, und er wollte es ihnen, er wollte es der ganzen Welt zeigen, was Literatur kann: „Diese verdammten Spießer können zum Mond fliegen, aber das können wir auch.“ Ursprünglich war „Auf dem Mond ein Feuer“ (welch ein Titel!) eine Serie von Essays für „Life“, vom August 1969 bis Januar 1970 veröffentlicht, dann 1971 bei Little, Brown und auf Deutsch bei Droemer Knaur erschienen. Für mich, Jahrgang 1952, aber längst nicht nur für mich natürlich, war dieses Buch damals eine Offenbarung. Der „Moby Dick“ des Weltraums. Mailer schrieb über die größte aller Wochen, er fand die Worte für den „Traum vom Angesicht der Zukunft“, wie eines der Kapitel heißt. Ein epochales Ereignis, „in seinen Zweideutigkeiten mindestens so groß wie damals, als Kolumbus von der Entdeckung der Neuen Welt zurückkehrte“.

„MoonFire“, das Texte aus diesem Buch mit vielen weiteren Informationen verknüpft, erschien im Verlag Benedikt Taschen zuerst 2009 zum 40jährigen Jubiläum der Apollo 1-Mission in einer Luxusausgabe, gekrönt wurde die noch von einer „Lunar Rock Edition“, einer Sonderausgabe von zwölf Exemplaren, denen je ein extrem seltenes Stück Meteorstein vom Mond beilag. Nun aber gibt es die galaktisch günstige Volksausgabe. Wer wissen will, wie elektrisierend Literatur sein kann, der lese dieses Buch. Mailer, selbst ein Wassermann, nennt sich darin Aquarius („Norman, born in the sign of Aquarius“). Er hat den Flug eingefangen. Er fliegt noch immer, verneigt sich sein Kollege Colum McCann.

Norman Mailer: MoonFire. Die legendäre Reise der Apollo 11. Mit einem Vorwort von Colum McCann und vielen Fotos und Abbildungen. Verlag Taschen, Biblioteca Universalis, Köln 2016. Hardcover, Format 14 x 19,5 cm. 616 Seiten, 14,99 Euro. Verlagsinformationen.

birnbacher_walEtwas Weißes dort oben am Himmel

(SW) Mit Walfischen hat es etwas Besonderes auf sich, auch in der Literatur. Dort gibt es mindestens einen berühmten Repräsentanten. Die Verbindung zwischen Mensch und Wal ist eine mythische, der Wal ist alles zugleich, Ungeheuer, Brennstoff, Gejagter, possierlicher, singender Riese. Vielleicht bekommt er irgendwann einmal einen Weltpark, wo er rundum geschützt ist. Vor allem aber steht er für eine schwer zu bestimmende Sehnsucht des Menschen. Für die Wale in Büchern ist in diesem Jahr der Jung und Jung Verlag aus Salzburg zuständig. Bei diesem erscheint diesen Herbst nicht nur Birgit Birnbachers Prosadebüt „Wir ohne Wal“, sondern auch Melvilles „Moby-Dick“ in einer neuen deutschen Fassung.

In den Geschichten der jungen Österreicherin ist der Wal Teil eines Kunstprojekts. Die Vorstellung, wie es aussieht, wenn etwas riesenhaftes Weißes mit den Wolken fliegt, ist schön, ruhig, ungreifbar in seiner Einfachheit. Es zeigt sich, verschwindet, geht mit den Winden.

Mit Bewunderung liest man, wie in dem zündenden Erstling der Autorin dieser Wal durch den Erzählraum flottiert – einem Ort voller versehrter, rastloser, bezaubernder junger Menschen, die so schwer mit sich und ihrem Leben beschäftigt sind, dass sie die Installation kaum wahrnehmen. Trotzdem macht sie etwas mit ihnen.

Birnbacher ist bereits als versierte Erzählerin in der kürzeren Prosaform unterwegs, präzise und überraschend knüpft sie die engen und losen Verbindungen zwischen den zehn dichten Porträts, die jeweils in der Ichform einer Figur geschrieben sind: einer Ella, Eve, Sanela, eines Lautsprechers oder einer mit B. abgekürzten Person (Birgit?). Roman beschreibt die Gattung eher weiträumig. Es sind Momentaufnahmen im Hier und Jetzt, en gros kreisen sie um Sinnstiftung, allerhand Nöte, Schlimmes, Drogen, psychische Störungen. Die Sprache der Autorin lotet genau aus: Sie ist dringlich, sinnlich, atemlos, ein Stakkato der Vorwürfe, der Empörung, der Verzweiflung, aber auch der leisen, nachdenklichen Töne und der Poesie. Es geht was ab im Leben der jüngeren Generation, aber irgendwas fehlt ihr immer. Ein Debüt mit einem unvergesslichen Sound, von der Größe eines Wales. Die Autorin erhält dafür den Literaturpreis 2016 der Jürgen Ponto-Stiftung zur Förderung junger Künstler.

Beitrag adaptiert vom Hotlistblog

Birgit Birnbacher: Wir ohne Wal. Jung und Jung Verlag 2016. 166 Seiten. 18 Euro. Auch als E-Book.

Gaertner-Latein von Richard BirdUniverselle Sprache

(AM) „Gott schafft, Linné ordnet“ steht auf seiner Grabplatte im Dom zu Uppsala. Der schwedische Naturwissenschaftler, Mediziner und Botaniker Carl von Linné (1707 – 1778) schuf mit „Systema naturae“ (1735) die Grundlage der modernen biologischen Namenshebung. 7700 Pflanzen-, 6200 Tier- und 500 Mineralienarten waren darin systematisiert verzeichnet. 1738 folgte sein „Hortus Cliffortianus“, in dem er die Pflanzen des Herbariums und des Gartens von George Clifford im holländischen Hartekamp katalogisierte. Sein „Species Plantarum“ (1753) war dann darin konsequent, einem Gattungsnamen nur einen einzigen Artnamen hinzuzufügen, all dies in der wissenschaftlichen „lingua universalis“. Seitdem schlagen wir Laien uns mit lateinischen Pflanzennamen herum. Seitdem tauscht Wissenschaft und Fachwelt weltweit sich bestens über Pflanzen aus, und alle wissen, was gemeint ist.

Im Unterschied zum Anglerlatein ist das Gärtner-Latein höchst präzise und nachvollziehbar, man muss sein System nur einmal verstanden haben. Nun gibt es ein Buch, das uns Laien genau dabei hilft, und in das man sich verlieben kann, so schön wie es gemacht ist. Ursprünglich entstand es in Großbritannien für den National Trust, der über 200 der schönsten historischen Gärten Europas betreut. Autor von „Gärtner-Latein“ ist der renommierte Pflanzenexperte Richard Bird. Mit dem gelernten Gärtner und Landschaftsarchitekten Stefan Leppert hat einen kongenialen Übersetzer gefunden. Das schön gestaltete, luftige und farbig-fröhliche Buch ist eine Freude, liegt in der Hand wie ein Brevier und macht Schritt für Schritt das botanische Latein verständlich und folgerichtig.

Seit Linné sprechen wir von binärer Nomenklatur. Die zweiteilige Pflanzenbezeichnung setzt sich zusammen aus dem Namen der Gattung (als Substantiv stets groß geschrieben) und einem kleingeschriebenen Epitheon, häufig ein Adjektiv als Zusatz, das die Art charakterisiert. Richard Bird bringt uns das System näher, indem er uns die Welt der Pflanzennamen nach Kriterien wie Farbe, Form, Textur, Duft und Geschmack, Herkunftsort, Lebensraum oder Ähnlichkeiten mit anderen Lebewesen aufblättert und jeweils anschauliche Namensbeispiele nennt. Ganz nebenbei frischt man einige Lateinvokabeln wieder auf oder versteht endlich deren Bedeutung. Ein Register rundet dieses schöne, nützliche Buch. Gehört auch in die Rubrik „Schöne Weihnachts- und/oder Geburtstagsgeschenke“.

Richard Bird: Gärtner-Latein. Von den Geheimnissen der Pflanzennamen (A gardeners’s latin. The language of plants explained, 2015). Aus dem Englischen von Stefan Leppert. DVA, München 2016. Gebunden, 144 Seiten, 14,99 Euro. Verlagsinformationen.

Von Edelfedern Phrasendreschern und Schmierfinken von Honore de BalzacJournalisten-Bestiarium

(AM) „Jede Zeitung ist ein Laden, in welchem dem Publikum die Schlagworte verkauft werden, die es haben will. Gäbe es eine Zeitung für Bucklige, würde sie von früh bis spät die Schönheit, die Güte und die Notwendigkeit der Buckligen preisen. Eine Zeitung ist nicht mehr dazu da aufzuklären, sondern den Ansichten zu schmeicheln“, heißt es in Honore de Balzacs großem Presse-Roman „Verlorene Illusionen“. 2500 Personen bevölkern sein Mammutprojekt der „Comédie humaine“ aus 91 Romanen und Erzählungen. Eine nicht unwichtige Rolle darin – wie überhaupt in Balzacs wahnwitzig schöpferischem Leben – spielen die Journalisten. Er, der Vielschreiber und Vielpublizierer, hatte mit ihnen seine eigenen Rechungen offen; sie waren ihm offen korrupt oder von unerschütterlicher Prinzipienlosigkeit. Paris hatte für ihn wie das alte Rom „sein Kolosseum; die Gladiatoren sind die Schriftsteller; seine Hyänen und Tiger aber sind die Journalisten“.

Seltsam, dass Balzacs 1843 erstmals erschienene Schrift „Monographie de la presse parisienne“ bisher unerfindlicherweise unübersetzt geblieben ist. Karl Kraus hätte sich über diesen Gefährten gefreut. Als eine systematische und systematisch verunglimpfende Streitschrift gegen „die Journalisten“ und gegen „die Presse“ sieht Herausgeber und Übersetzer Rudolf von Bittner das Buch „Von Edelfedern, Phrasendreschern und Schmierfinken“. Seit er 1977 ein Exemplar auf einem Pariser Flohmarkt fand, bemühte er sich lange Jahre um einen Verlag. Der nun ward endlich mit Manesse gefunden, und es hat auch noch für ein äußerst informatives Nachwort von über 100 Seiten gereicht, das die politische Situation beleuchtet, ebenso das literarische Leben der 1830er Jahre mit Autoren, Verlegern, Buchhandel und Theater, Zeitungen und Zeitschriften (noch einmal aufgegriffen und zugänglich gemacht im Namens- und Zeitschriftenverzeichnis). Balzac in der und über die Presse wird ebenso beleuchtet wie seine zwei besonderen Widersacher Charles-Augustin Sainte-Beuve und Jules Janin. Dieses Buch erweitert die Balzac-Rezeption beachtlich. Als Zugabe gibt es noch  einen Bonus in Sachen Urheberrecht.

In seinem Bestiarium geht Balzac vor wie im Biologiebuch, ganz nach dem Vorbild von Carl von Linné (siehe auch die Besprechung von  „Gärtner-Latein“ in diesen LitBits), seine Rangstufen des Journalismus sind nach Klasse, Gattung, Art und Varietät geordnet, sind voller über Jahre gesammelter Wortspiele und Einfälle. Ein satirischer Rundumschlag, respektlos, böse, zeitlos. Wer als Journalist arbeitet, erkennt hier so manches wieder, wer Zeitungen oder Blogs liest oder Fuzzis wie Denis Scheck im Fernsehen sieht, erst recht.

Honoré de Balzac: Von Edelfedern, Phrasendreschern und Schmierfinken Die schrägen Typen der Journaille (Monographie de la presse parisienne, 1843). Aus dem Französischen von Rudolf von Bitter. Manesse Verlag, Zürich 2016. Gebunden, 320 Seiten, 19,95 Euro.

Thurnher_Ach_Oesterreich.inddRoutinierte Einsichten ins Nachbarland

(MH) – Armin Thurnher, Chefredakteur der Wiener Stadtzeitung „Der Falter“ und seit Jahrzehnten eine Stimme der Vernunft in Österreich und wollte eigentlich jetzt ein Buch namens „Die Wahrheit über die Lügenpresse“ veröffentlichen. Die Aktualität der vom Verfassungsgerichtshof annullierten Präsidentschaftswahl ließ ihn jedoch das nunmehr sechste Buch über Österreich schreiben. Die im Buch noch nicht vorkommende Verschiebung der Wahlwiederholung bestätigt seine Einschätzung, dass das Gericht dem „Mutterland der Schlamperei“ formelle Korrektheit verordnet habe, obwohl es u.a. über vorzeitig geöffnete Briefwahl-Briefe hinaus keinerlei Hinweise auf eine Manipulation gebe.

Anschließend widmet sich Thurnher dem Erfolg der faschistisch geprägten und u.a. von der „Kronen Zeitung“ protegierten FPÖ. Der gründe sich v.a. auf die Inhalts- und Prinzipienlosigkeit von ÖVP und SPÖ, die „Selbstmarginalisierung“ zwischen Gefolgschaft bei der Entnationalisierung durch die EU und dem eigenem Anspruch, jeweils „die einzig auserwählte Staatspartei zu sein“.

Thurnhers Innenansichten der Spezifika und des Skandalstadl Österreichs sind gewandt formuliert (abgesehen von einem ungelenken Gedicht über die Sinnkrise der Konservativen), seine Einsichten über international Auftretendes wie Neoliberalismus und Nationalismus (Buchrücken: „Muss man um Europa fürchten?“) bleiben aber weit hinter denen z.B. von Metz und Seeßlen in diesem Jahr („Hass und Hoffnung“) zurück.

Armin Thurnher: Ach, Österreich! Europäische Lektionen aus der Alpenrepublik. Zsolnay 2016. 176 Seiten. 16,00 Euro.

cover-gremliza-12715Feder schärfster Klinge

(AM) „Sätze, die der Leser ohne Mühe versteht, lohnen das Aufschreiben nicht.“ Er hat sie noch einmal geschliffen und gewetzt, seine Säbel und Degen, Florette und  Messer, Austernöffner und Skalpelle. Über ihn oder gar gegen ihn zu schreiben, das war oft ein Selbstverstümmelungskommando. Günter Wallraff etwa hat das exemplarisch erfahren, als Hermann L. Gremliza ihm 1987 den Karl-Kraus-Preis verlieh, dessen Annahme den Preisträger verpflichtet, nie wieder eine Zeile zu schreiben. Sprachmächtig und über die Schmerzgrenze hinaus geschliffen, messerscharf waren seine „konkret“-Kolumnen, die er über viele Jahre doppelgleisig schrieb: „Gremlizas Kolumne“ als politischer Leitartikel, „Gremlizas Express“ als Medienschelte. Seit er die Zeitschrift aus der Konkursmasse von Klaus Rainer Röhl, dem Ex-Ehemann von Ulrike Meinhof, übernahm, ist er Herausgeber dieses dezidiert linken Monatsmagazins. Im Oktober 1974, also vor nun 42 Jahren, erschien die erste Ausgabe. Gremliza war 34 Jahre alt, hatte bereits eine „Spiegel“-Karriere weggekickt. Unvergessen dann seine erste Textsammlung aus „konkret“: Was Gabriele Henkel alles mit der Hand macht (Zweitausendeins, 1979).

Nun hat er Gedanken aus den letzten zwei Jahrzehnten für die „Haupt- und Nebensätze“ gesammelt und neu gefasst. Es ist ein böse funkelnder, schmaler Band geworden, voller Aphorismen und Beobachtungen zu „Deutschland, ein Sommermärchen“, „Gut und Böse“, „Rosa Nekrophilie“, „Crimes against humanity“, „Scheiß Deutschland“, „Stunde nullnull“, „Ökonomie der Sexualität“, „Das Ekel von Bellevue“ (Gauck), „Allah im Angebot“, „Cloaca maxima“, „Dividende und Imperialismus“, heimgekehrte Hitlerjungen, Einheizfront, Sylvester in Köln, Spaß und Gas, den real existierenden Asoszialimus, Putin, Integrationslagerleben und mehr. Mit dabei, ein „Nachruf voraus“ auf Helmut Schmidt.

Es sind Vivisektionen am lebenden Volks- und Denkkörper der Deutschen; allen voran Politiker und Journalisten bekommen seine Feder zu spüren. Balzac (siehe hier weiter oben) hätte sich gefreut. „Können zehn Millionen Leser irren? Zehn Millionen Mal mehr als einer.“ Mit minimalstem Wortaufwand wendet er ein Lied von damals gegen den Wolf Biermann von heute. Linkssein hierzulande bringt er so auf den Punkt: „Die deutsche Linke ist immer erst deutsch und dann links. Der Weltgeist hat sich den Witz erlaubt, einen ihrer Anführer bis auf Buchstabenbreite namentlich an diese Wahrheit heranzuführen, den Rudi Deutschke.“

Hermann L. Gremliza: Haupt- und Nebensätze. Edition suhrkamp, Berlin 2016. Broschur, 159 Seiten, 15,00 Euro.

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