Geschrieben am 8. September 2005 von für Bücher, Litmag

Klaus Harpprecht: Auf der Höhe der Zeit?

Journalismus als Passion

Einer der seit Jahrzehnten wichtigsten deutschsprachigen politischen Publizisten schreibt über den Journalismus als Beruf und Passion. Eine Einführung in den kritischen Journalismus, beschrieben am Beispiel der eigenen Biographie und der einzelnen Stationen innerhalb verschiedener Redaktionen und als Redenschreiber von Willy Brandt.

Sehr versteckt irgendwo unter Verschiedenes erschien kürzlich in der ,Sueddeutschen Zeitung’ ein Beitrag über Lobbies in der Politik. Und ganz am Ende dieses scheinbar wenig aufregenden Artikels wurde kurz ein ehemaliger Journalist vorgestellt. Einer, den man zu den Erfolgreichen seines Genres zählen kann. Der als Pressesprecher bei einer Partei gearbeitet hat, der viele Jahre für den ,SPIEGEL‘ recherchierte. Der Bücher geschrieben hat, u.a. auch eine Biographie über einen gewissen Gerhard Schroeder, für viele Jahre Kanzler der Bundesrepublik Deutschland. Jetzt ist dieser Journalist aus seinem Beruf ausgestiegen und arbeitet im Management eines großen Elektrizitätunternehmens. Halb zustimmend, halb ironisch zitiert dieser erfolgreiche Journalist in den besten Lebensjahren den ehemaligen US-Aussenminister Henry Kissinger: „Journalism is for boys“. Hohes Ansehen, das lernen wir aus dem Sarkasmus von Kissinger, genießt der Journalismus nicht. Man kann sich in diesem Beruf als ,boy‘ austoben, aber für die ernsthaften Seiten des Lebens, für die Ausübung von Macht und Herrschaft ist das nichts. Kinderkram, Jugendsünde…Klaus Harpprecht, mittlerweile nach dem achten Lebensjahrzehnt, würde dem Kissinger-Satz sicher heftig widersprechen. Für ihn, der viele, viele Jahre für eine Reihe deutscher Medien gearbeitet hat und immer noch schreibt, ist der Journalismus eine Lebensaufgabe, eine Passion, auch eine Ehre. „Journalismus muß eine Leidenschaft sein, die sich aus zwei Hauptleidenschaften speist : aus der Leidenschaft zum Wort und aus der Leidenschaft zur Wahrhaftigkeit.“

Ein wichtiger Zeitzeuge

Eingeladen von dem Wiener Institut für Publizistik und Kommunikationswissenschaft hat Harpprecht im Mai 2004 fünf „Vorlesungen zur Poetik des Journalismus“ gehalten, die jetzt, zusammen mit einer kleinen Auswahl neuerer publizistischer Arbeiten im ,Picus-Verlag‘ erschienen sind. Harpprecht kann bei diesen Vorlesungen aus dem Vollen eines langen, spannenden, ereignisreichen Journalistenleben schöpfen. Und als jüngerer Leser – wie vielleicht auch Kollege – von Harpprecht kann man dabei sehr vieles lernen über die jüngere deutsche Mediengeschichte. Vor allem für den Aufbau eines demokratischen deutschen Mediensystems in den ersten Jahrzehnten nach Kriegsende ist Harpprecht ein wichtiger Zeitzeuge. Man kann über die Rolle der westlichen Allierten in den Anfangsjahren der Bundesrepublik Deutschland vielleicht manches kritisches formulieren: ihre Bedeutung für die Etablierung eines demokratischen, freiheitlichen und lebendigen Mediensystems, vornehmlich im Print- und Rundfunkbereich ist überhaupt nicht hoch genug zu würdigen. Man findet bei Harpprecht dazu eine Reihe von Beispielen, die bis heute unsere Medienlandschaft prägen (z.B. die ARD-Anstalten, einige wichtige Tageszeitungen). Sehr gut auch seine Ausflüge jenseits der deutschen Grenzen nach den USA, England und vor allem Frankreich, der heutigen Heimat von Klaus Harpprecht. In manchen arg schwarz-weiss gezeichneten kulturpessimistischen Passagen spürt man doch allzu sehr den alten Herrn, der die Welt nicht mehr versteht, damit aber die Jüngeren nicht so recht überzeugen kann. „Es ist vermutlich nur noch eine Frage der Zeit, bis ein Sexualmord ,live‘ in unsere Wohnungen übertragen wird, zum Ergötzen und zur Erbauung der heranwachsenden Jugend“. Na ja…aber damit soll nicht der Wert dieser Lesungen zur Einführung in die deutsche Medienhistorie infragegestellt werden. Dass Harpprecht das journalistische Handwerk verteidigt gegen die Arroganz etwa eines Henry Kissinger, ist sogar sehr lobenswert. „Wir haben als Journalisten und durch unser seltsames Handwerk unsere Pflicht als Bürger zu genügen: einer freilich besonderen Bürgerpflicht“.

Carl Wilhelm Macke

Klaus Harpprecht: Auf der Höhe der Zeit? Journalismus, der schönste, der schrecklichste aller Berufe. Theodor-Herzl-Vorlesung, Picus-Verlag, Wien, 2005, 192 S.