Kim Thùy: Der Klang der Fremde


Geboren in Zeiten der Tet-Offensive:

Kim Thùy, die als Zehnjährige zusammen mit Ihrer Familie als „boat people“ über das Wasser von Vietnam in den Westen floh, erzählt in Ihrem Debüt in kurzen, dichten Prosaskizzen von ihrer alten und neuen Heimat. von Carl Wilhelm Macke

„Ho Ho Ho Chi Minh“ oder „Bürger kommt von dem Balkon, unterstützt den Vietkong“ oder noch eine Nummer schärfer: „USA-SA-SS“. So schrecklich lang ist es noch nicht her, dass man – den Verfasser dieser Zeilen eingeschlossen – über die Straßen rannte und für den „Sieg im Volkskrieg“ trommelte. Man wusste zwar nicht ganz genau, was sich da im fernen Vietnam in den sechziger Jahren ereignete. Aber die Fernsehbilder und die Fotoreportagen, die man damals sah, waren schockierend. Und gegen „die Amis“ war man ja sowieso.
Liest man jetzt, Jahrzehnte später, das kleine, vom Verlag Antje Kunstmann so wunderbar gestaltete Büchlein von Kim Thùy über den „Klang der Fremde“, dann spürt man bei jeder Seite mehr, wie unglaublich unwissend, manchmal auch gefährlich naiv man damals seine Parolen von der Solidarität mit dem Volkskrieg geschrieen hat. Schon der erste Satz dieses mit so leichter Hand und oft schweren Herzens formulierten Buches nimmt einen da gefangen: „Ich kam während der Tet-Offensive zur Welt, als das Jahr des Affen anfing und die vor den Häusern aufgehängten langen Knallerketten mit den Maschinengewehren im Chor zu knattern begannen.“

Die weltweite Solidaritätsbewegung mit dem Vietkong feierte die Tet-Offensive als den Anfang vom Ende der amerikanischen Kriegspolitik gegen das vietnamesische Volk. Und angesichts der Verbrechen im Rahmen dieser Okkupation Vietnams durch GIs und amerikanische Geheimdienste war diese Freude über den Vormarsch der Vietkong ja auch nicht ganz unbegründet.

Aber so kann wer will in den Erinnerungen von Kim Thùy erfahren, dass das kommunistische Regime alles andere als eine demokratische Befreiung Vietnams gewesen ist. Familien wie die der Autorin wurden gezwungen alles aufzugeben, auch ihr Land zu verlassen, nur weil sie reich und wohlhabend gewesen sind. Nicht in einem Flugzeug oder einem Ozean Liner verließen sie ihre Heimat, sondern in einem runtergekommenen Fährboot. „Boatpeople“ wurden sie genannt und von den „Linken“, die einst das vietnamesische Volk gegen die US-Armee verteidigten, alles andere als freudig begrüßt.

Wunderbar leichte Skizzen

Kim Thùys

Von alldem erzählt Kim Thùy in ihren vielen aneinandergereihten kleinen Prosastücken. Aber nie schreibt sie verbittert oder anklagend über den Verlust ihrer Geburtsheimat. Selbst da, wo dramatische Episoden geschildert werden, etwa die Flucht über das Meer, bleiben die Schilderungen von einer einnehmenden Sachlichkeit, die natürlich Emotionen nicht aussparen. Aber hier wird nichts spektakulär übertrieben, sondern die Autorin will ihren Lesern lieber still berichten von dem Schicksal der aus Vietnam in sichere Länder wie beispielsweise Kanada vertriebenen Menschen. In wunderbar leicht daherkommenden Skizzen werden wir in ihre Familie eingeführt, in der es ebenso viele sympathische wie kauzige, manchmal auch wenig liebevoll mit ihren Angehörigen umgehende Mitglieder gab.

Und dann sind da auch Passagen wie etwa über die Prostitution von Kindern während und nach der US-Intervention, die dem Leser schmerzhaft nahe gehen. In einem Hinterzimmer „hockten sechs stark geschminkte Mädchen mit zartem Körper und bebender Haut in einer Reihe, vollkommen nackt unter dem flackernden Neonlicht. Sechs Männer zielten auf die Mädchen, jeder mit einer straff zusammengerollten Hundertdollarnote, die sie um ein gespanntes Gummi legten. Die Geldscheine zischten mit einer Wahnsinnsgeschwindigkeit eines Geschosses durch den verrauchten Raum und prallten an die durchscheinende Haut der Mädchen“.

Vielleicht war der Protest gegen den Vietnamkrieg doch nicht so naiv, wie es heute manchmal erscheint. Die Verrohung durch jeden Krieg ist verabscheuungswürdig. Aber es gibt dann auch Menschen wie die Autorin Kim Thùy und ihre nachgeborenen Kinder, die die Tür zur Hoffnung auf ein besseres Leben offen lassen.

Carl Wilhelm Macke

Kim Thùy: Der Klang der Fremde. Roman. Aus dem Französischen von Andrea Alvermann u. Brigitte Große. München: Kunstmann Verlag 2010. 159 Seiten. 14,90 Euro. Eine Leseprobe finden Sie hier.

Kim Thùys Roman belegt den Spitzenplatz auf der Bestenliste des Weltempfängers.

Foto: Copyright Benoit Levac

Diese Seite ausdrucken
  • aly palm

    Hallo liebe Leser,

    Das Buch zeigt die stärke der Seele eines jehhjärigen Mädchen, das ihre Heimat verlassen musste und in der Fremden, eine neue Realität konfrontieren zu mussen.
    Sie beschreibt die Erinnerungen mit der inneren Stärke, indem Sie die Situation mit Sachlichkeit aufzeichnet ohne dabei die Zukunft zu vergessen. Aus schwierigen Situationen etwa neues zu erfinden für die Zukunft. Wie man lerbt, die Welt wieder mit anderen Augen zu sehen, ohne die Vergangenheit zu verdrängen. Das Alte und das Neue geschikt und gekönnt, aneinander zu verbinden. Trotz der Kulturellen Differnenzen, Bereicherung für beiden Seiten zu erreichen. Das ist innere Stärke.