Posted On 6. März 2017 By In Bücher, Litmag With 407 Views

KidBits: Neue Bücher für Kinder

KidBits: Neue Bücher für Kinder

Neue Kinderbücher von Franziska Siebold / Antje Drescher („Theo weiß, was er will“), Andrea Schomburg / Barbara Scholz („Neu in der Familie: Chamäleon Ottilie“), Ayse Bosse / Andreas Klammt („Weil du mir so fehlst“), Fritzi Bender („Balduin macht blau“), Brigitte Schär („Lisa, Paul und Frau Fisch“), Judd Winick („Hilo“). Vorgestellt von Frank Schorneck.

sybold_drescher_theoVom Nein-Sagen

Als Theo eines Tages aufwacht, sitzt ein fremder Mann an seinem Bett. Er ist für alle anderen unsichtbar, aber er begleitet von nun an Theo durch seinen Tag und mischt sich stets mit einem lauten „Nein!“ in Theos Entscheidungen. Alle wundern sich über Theo und seine plötzliche „Bockigkeit“ und dieser wünscht sich nichts mehr, als Herrn Nein wieder loszuwerden. Doch als ihm der fiese Fritz die Schokolade wegnehmen will, die ihm die Mutter ausnahmsweise eingepackt hat, kann sich Theo mit einem lauten „Nein“ plötzlich gegen den größeren Jungen behaupten. Und auch als die Mutter zu spät zum Abholen kommt und eine fremde Frau ihn mitnehmen möchte, weiß Theo dieses wichtige Wort nun einzusetzen. Herr Nein wird derweil immer kleiner und verschwindet schließlich ganz, denn Theo hat nun gelernt, „nein“ zu sagen…

Franziska Seybold beschränkt sich in ihrer Geschichte nicht auf das „Geh nicht mit Fremden“-Thema, sondern beleuchtet das „Nein-Sagen“ aus vielfältiger Perspektive als einen wichtigen Schritt zur Autonomie. Sie beschreibt sehr anschaulich, wie es dem Kind zunächst sehr unangenehm ist, die Erwartungen von Erwachsenen zu enttäuschen, wie aus diesem Konflikt heraus aber die Selbstsicherheit erwächst, eigene Entscheidungen zu fällen und sich im entscheidenden Moment mit einem „Nein“ gegenüber Fremden zu behaupten (auch wenn sich in diesem Fall die „Fremde“ als die freundliche Kinderärztin erweist, die Theo nicht erkannt hat).

Antje Dreschers Illustrationen hierzu sind frech und die Figuren mit ihren großen Köpfen sehr mimikbetont. Herr Nein bleibt als Skizze stets etwas außerhalb der Szenerie, es ist auch kleinen Betrachtern schnell klar, dass er zwar für Theo sehr präsent ist, ihn aber sonst niemand sehen kann.

Franziska Siebold / Antje Drescher: Theo weiß, was er will. Carlsen, 32 Seiten, 12,99 Euro. Ab 3 Jahren.

schomburg_scholz_chamäleonUnser Haustier ist kariert

Irgendwann äußern fast alle Kinder den Wunsch nach einem Haustier. So auch Paul und Anna Sausebier – doch ihre Eltern wollen diesem Wunsch nicht nachgeben. Dabei hat die Familie längst ein Haustier: Das Chamäleon Ottilie, das sich ganz unauffällig und ungeniert durch den familiären Alltag fläzt. Doch eines Tages verliert Ottilie die Fähigkeit, ihre Farbe zu ändern und bleibt fortan kariert wie das Kissen, auf dem sie zuletzt lag. Nach einer turbulenten Verfolgungsjagd wird Ottilie schließlich von allen als Familienhaustier angenommen.

Andrea Schomburg erzählt die Geschichte in flotten und witzigen Reimen. Die Bilder von Barbara Scholz gehen über bloße Illustrationen hinaus, sondern schmücken den Text aus, erweitern ihn um eine zusätzliche Ebene. Wenn es etwa im Text lapidar „Doch die Eltern sagen Nein“ heißt, sind in Sprechblasen über den Eltern Szenarien der elterlichen Sorgen zu den diversen Tieren zu entdecken: vom Hundehaufen auf dem Teppich über katzenzerkratzte Möbel bis hin zum Sturz vom Pferd. Außerdem gibt es auf den Bildern immer wieder neue liebevolle Details zu entdecken – insbesondere hat sich das Chamäleon an vielen möglichen und unmöglichen Orten versteckt. So bleibt das Buch für lange Zeit ein großer Spaß für kleine Bilderbuch-„Leser“..

Andrea Schomburg / Barbara Scholz: Neu in der Familie: Chamäleon Ottilie. Fischer Sauerländer, 32 Seiten, 14,99 Euro. Empfohlen ab 4 Jahren

bosse_klammt_fehlstKrickel-Krakel Trauerbuch

Mittlerweile gibt es eine ganze Reihe von Bilderbüchern, die sich mit dem Thema „Tod“ auseinandersetzen. „Leb wohl, kleiner Dachs“ von Susan Varley, „Für immer“ von Kai Lüftner, „Die schönsten Beerdigungen der Welt“ von Ulf Nilsson oder Wolf Erlbruchs „Ente, Tod und Tulpe“ sind nur vier von vielen empfehlenswerten Titeln, zu denen Erwachsene häufig erst greifen, wenn eine konkrete Trauersituation eingetreten ist und man versucht, mit Kindern über ihre Gefühle ins Gespräch zu kommen. Viel schlauer, wenn auch – zugegeben – nicht gerade einfach, wäre es sicherlich, das Thema auch ohne aktuellen Anlass und unbelastet anzusprechen. Deshalb würde ich die oben genannten Titel ohne Einschränkungen und jederzeit als ganz wundervolle Kinderbücher empfehlen.

Für den ganz konkreten Trauerfall hingegen hat nun Ayse Bosse ein kluges Buch vorgelegt: „Weil du mir so fehlst“ beginnt wie eine herkömmliche Bilderbuch-Trauergeschichte: Der Bär ist traurig, denn er vermisst jemanden. Jemanden, der für immer weg ist. Traurigkeit und Wut bestimmen seine Gefühle und Illustrator Andreas Klammt  verleiht diesen Gefühlen in seinen Zeichnungen wunderbar Ausdruck. Doch nach wenigen Seiten wird die Bildergeschichte unterbrochen und das Kind wird direkt zum Mitmachen animiert. Wie in einer Mischung aus Tagebuch und Freundschaftsbuch der beliebten und kreativen „Krickel-Krakel“-Reihe gibt es hier Raum, Erinnerungen und Gefühle mitzuteilen, Bilder einzukleben, sich seinen Fragen und Ängsten zu stellen.

Ayse Bosse hat vor ein paar Jahren ihren Job als Model und Schauspielerin geschmissen, um als Trauerbegleiterin in einem Kinderhospiz zu arbeiten. Ihrem Buch merkt man auf jeder Seite an, dass sie nicht nur aus grauer Theorie Methoden zur Trauerbewältigung aufzählt, sondern das Thema auf Augenhöhe mit Kindern angeht. Je nach Alter des Kindes kann das Buch gemeinsam mit den Eltern „erarbeitet“ werden, oder aber das lese- und schreibkundige Kind kann in seinem ganz eigenen Tempo wie in einem Tagebuch malen, schreiben und sich erinnern.

Und weil die Autorin mit dem Musiker Axel Bosse verheiratet ist, gibt es als Bonus noch einen begleitenden Song zum Download aus dem Internet.

Ayse Bosse / Andreas Klammt: Weil du mir so fehlst. Carlsen, 64 Seiten, 14,99 Euro. Empfohlen ab 4, optimal sicherlich ab 8 Jahren

bender_balduinThree Shades of Chamäleon

2009 erschien mit „Balduin bleibt grün“ ein wundervolles Bilderbuch der Bochumer Komikerin und Klinikclownin Fritzi Bender: Frech und pfiffig hinterfragt das kleine Chamäleon im Chamäleonkindergarten den Gruppenzwang, stets seine Farbe ändern zu müssen. Ein hinreißendes, von Charlotte Hofmann farbenfroh und detailverliebt  illustriertes Plädoyer für eigenständiges Denken. Fünf Jahre später folgte mit „Balduin sieht rot“ eine Fortsetzung. Balduin besuchte mittlerweile die Chamäleonvorschule und hat typische Vorschulkindprobleme. Es geht um (scheinbar) ungerechte Behandlung und daraus entstehende Wut. Vor allem aber um den Umgang mit der Wut. Mit Sebastian Niemann wurde ein Zeichner gefunden, der plakativer illustrierte, was aber dem Thema durchaus entgegenkam.

Seit kurzem gibt es einen dritten Band. Nun besucht Balduin die Grundschule beziehungsweise macht lieber blau, als zur Schule zu gehen. Auch diesmal wurde er ungerecht behandelt, doch nun fühlt er sich nicht wütend, sondern niedergeschlagen und enttäuscht. Er täuscht Bauchschmerzen vor, um nicht mehr in die Schule gehen zu müssen – doch da verfärbt sich sein Körper plötzlich blau, was nur der Doktor richtig zu deuten weiß…

Fritzi Bender greift erneut sehr wichtige Kinderängste und –Probleme auf, in die sie sich gut hineinversetzen kann. Die Schikane durch die Lehrerin wirkt zwar arg konstruiert, aber die Beschreibung von Balduins Gefühlswelt ist durchaus gelungen. Ein stilistisches Ärgernis gibt es allerdings: Namen werden fast durchgehend mit bestimmtem Artikel bedacht, so dass man sich durch Sätze wie „Ich mag die Emilia gern“ oder „wenn du mit dem Kalle oder mit dem Tim zusammen sitzt…“ quält. Im ersten Band war das überhaupt nicht der Fall, schon in Band zwei schlich sich diese Marotte gelegentlich ein und in dem aktuellen Buch scheint leider das Lektorat geschlafen zu haben.

Die Illustrationen von Tanja Seidler drücken dem dritten Band wieder einen anderen individuellen Stempel auf, gehen wieder einen kleinen Schritt zurück zu den Details des ersten Bandes. Auch wenn Balduin mittlerweile in der Grundschule angekommen ist, dürfte das Buch eher Vier- bis Sechsjährige ansprechen.

Fritzi Bender: Balduin macht blau. HENFRI Verlags GmbH, 28 Seiten, 14,95 Euro. Ab 4 Jahren

schaer_lisaMagischer Realismus fürs Kinderzimmer

Auf kunstvolle Weise verwebt die Schweizer Autorin Brigitte Schär in ihrem Kinderbuch „Lisa, Paul und Frau Fisch“ Phantasie und Realität: Die achtjährige Lisa unternimmt einen phantastischen Ausflug an der Seite ihrer Lehrerin Frau Fisch in deren rotem Sportwagen. Frau Fisch macht ihrem Namen alle Ehre und verwandelt sich am Meer in eine Art Nixe. Auch sonst nimmt das gemeinsame Picknick am Strand traumhafte Züge an. Und tatsächlich: Die Lehrerin kann sich tags darauf an einen solchen Ausflug nicht erinnern und besitzt gar kein Auto. Doch Elemente aus Lisas Tagträumereien tauchen plötzlich in ihrem realen Leben auf – so gewinnt Frau Fisch plötzlich in einem Preisausschreiben einen roten Sportwagen. Als wäre die Nachricht, dass Lisa ein Geschwisterchen bekommen wird, nicht aufregend genug, geht ihr Alltag in die abenteuerlichsten Erlebnisse über – und immer ist Frau Fischs nixenhafte Doppelgängerin nicht weit. Ein weiteres Strandpicknick, diesmal mit einem Jungen, der in der Zukunft Lisas kleiner Bruder sein wird, eine halsbrecherische Fahrt in einem Kinderwagen und ein brüderchenklauender Rabe sind die womöglich aufregendsten Abenteuer, die Lisas tatsächliche, monatelange Wartezeit auf das Geschwisterkind verkürzen.

Brigitte Schär bedient sich in dieser poetisch-versponnenen Geschichte vom Geschwisterkriegen einer schnörkellosen, einfachen Sprache, die auch Erstlesern entgegenkommt, ohne diese jedoch zu unterfordern. Die Sätze mögen kurz sein, doch die Autorin lässt zwischen ihnen genügend Luft für kindliche Phantasie und Interpretationen.

Die Geschichte wurde illustriert von dem als Autor uns Illustrator vielfach ausgezeichneten Jens Rassmus („Der wunderbarste Platz auf der Welt“, „Darf ich mitspielen?“). Seine Zeichnungen greifen in gewohnt gekonnter Manier Stimmung und Motive der Geschichte sensibel auf, ohne die jungen Leser bildnerisch zu bevormunden.

Brigitte Schär: Lisa, Paul und Frau Fisch. Peter Hammer Verlag, 80 Seiten, 13,90 Euro. Ab 6 Jahren.

winck_hiloComic-Kracher

Zugegeben, ein ausgwiesener Comic-Experte bin ich nicht. Doch als einst glühender Verehrer von Marvel-Helden, großer Fan der Peanuts oder Calvin & Hobbes und als Vater einer neunjährigen Tochter, die mit Vorliebe lustige Taschenbücher liest, bringe ich nicht die allerschlechtesten Voraussetzungen mit, um „Hilo“ hier vorzustellen – schließlich richtet sich Judd Winicks Comit-Held explizit an Kinder.

Winick, der unter anderem für die Reihen „Green Lantern“ oder „Batman“ zeichnete, schubst uns mit Kapitel eins mitten hinein in eine wilde Verfolgungsjagd, die auf acht Seiten einiges an Action und Situationskomik zu bieten hat. Erst im zweiten Kapitel setzt er am Beginn der Geschichte an, stellt seinen Ich-Erzähler D.J. vor. Dessen Geschwister haben allesamt besondere Talente, nur D.J. selbst scheint nichts wirklich gut zu können. Doch eines Tages kracht irgendetwas vom Himmel und D.J. findet in einem beachtlichen Krater einen merkwürdigen Jungen, der außer einer silbernen Unterhose keine Kleidung trägt und sich darüber hinaus sehr merkwürdig benimmt. D. J. nimmt den Jungen, der Hilo heißt, bei sich auf. Es stellt sich heraus, dass HIlo aus einer anderen Dimension auf die Erde gekommen ist und dass er eigentlich mitten in einem Kampf gegen gefährliche Gegner steckt. Und diese Gegner befinden sich bereits auf dem Weg in unsere Welt…

Wie ein moderner „Mork vom Ork“ versucht Hilo, sich die Gewohnheiten der Menschen anzueignen, von der morgendlichen Nahrungsaufnahme bei einer durchgeknallten Familie bis hin zum Schulbesuch stellt ihn das vor allerlei Herausforderungen. Gleichzeitig ist er ein waschechter Superheld, der atemberaubende Kämpfe mit merkwürdigen Kampfrobotern ausfechtet.

Winick ist mit diesem Comic etwas Wunderbares gelungen: Die Geschichte funktioniert tatsächlich generationenübergreifend. Kindern bietet er eine rasante Abenteuergeschichte rund um die Themenkomplexe Mut, Angst, Verantwortung  und vor allem Freundschaft. Für die älteren Leser gibt es eine Menge großartiger Dialoge und hintergründigen Wortwitz. Die Zeichnungen bieten eine Menge Rasanz, lehnen sich mal an Comic Strips an, dann wieder erinnern sie an Gothic Novels, um schließlich in der kunterbunten Ästhetik eines Pixar-Films zu landen. Einziges Manko: Der erste Band endet mit einem gewaltigen Cliffhanger – und nicht nur meine Tochter, sondern auch ich kann kaum abwarten, wie es wohl weitergeht mit Hilo und seinen irdischen Freunden. Schon für März ist der zweite Band der Reihe angekündigt.

Judd Winick: Hilo – Der Junge, der auf die Erde krachte. Deutsch von Aranka Schindler. Popcom, 200 Seiten, 14 Euro. Ab 10 Jahren.

Frank Schorneck

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