Josef Wilfling: Abgründe. Wenn aus Menschen Mörder werden


Lüge, dachte ich.

Die Zahlen sprechen für sich: Der bekannte Ex-Leiter der Münchner Mordkommission Josef Wilfling – Anfang 2009 in Pension gegangen – deckte in 42 Dienstjahren mit einer fast hundertprozentigen Aufklärungsquote rund 100 Mord- und Totschlagsfälle in München und Umgebung auf. Unter anderem auch den Sedlmayr- und den Mooshammerfall. Nach seiner Pensionierung fing Wilfling an zu schreiben. Herausgekommen ist das kurzweilige Buch eines Starermittlers, der sich vor allem durch gesunden Menschenverstand auszeichnet. Gelesen von Christiane Geldmacher.

42 Dienstjahre. In dieser Zeit hat Josef Wilfling keinen Toten gesehen, der einen friedlichen Gesichtsausdruck gehabt hätte. „Tote sind nicht schön anzuschauen und Ermordete noch weniger“, sagt er. In all den Jahren hat er sich nie daran gewöhnt. Immer wieder stand er an Tatorten und hatte keine Erklärung dafür, warum Menschen so brutal und gefühllos sind. Die Motive? Habgier, Mordlust, Befriedigung des Geschlechtstriebs, Heimtücke, Grausamkeit, Gemeingefährlichkeit.

Unglaubliche Fälle

Das schnellste Geständnis seiner Laufbahn erhielt er so: Ein Rentner lag seit drei Wochen tot in seiner Wohnung. Irgendjemand hatte ihm den Schädel eingeschlagen und einen Besen in den Hals gerammt. Als die Leiche schließlich entdeckt wird, befindet sich unter den Schaulustigen unten auf dem Hof auch eine Frau, die nervös auf einem Fahrrad hin und her fährt. Die Beamten der Mordkommission, nicht blöd, folgen ihr. Kurze Zeit später stellt sie sich als die Exfreundin des Opfers heraus. Sie erzählt Kripokommissar Wilfling, dass ihr neuer Freund den Rentner umgebracht habe. Kurze Zeit später sind beide auf dem Weg ins Polizeipräsidium, festgenommen und über ihre Rechte belehrt. Später werden sie beide für den Mord verurteilt werden, denn die Frau hat (1.) ihren Freund angespornt, den Alten umzubringen („Schlag die Drecksau tot“) und (2.) ihm den Besen in den Hals gerammt. Das Motiv? Grausamkeit.

Oder da gab es den Polizisten, der sowohl seine Exfreundin als auch ihren neuen Freund mit Kakao in Tiefschlaf versetzte, sie bei lebendigem Leib enthauptete, zerteilte und an verschiedenen Stellen im Wald vergrub. Das Motiv? Habgier. Die Frau hatte viel Geld geerbt, das der Mörder behalten wollte (sie hatte es ihm bereits gegeben, damit er es gut anlegt). Ihr Partner musste nur deshalb sterben, weil er davon wusste. Als Wilfling den Täter fragte, wieso er die Leichenteile ohne Plastiksäcke im Wald vergrub, antwortete er „aus Umweltschutzgründen“.

Oder da gab es diese junge Frau, die ein Kind zu Hause in der Badewanne zur Welt brachte, es tot in einem Koffer durch halb Deutschland karrte und schließlich bei ihren Eltern auf dem Dachboden versteckte. Drei Monate später fand der Vater sein Enkelkind. Das Motiv? Unbekannt. Wahrscheinlich allgemeine Überforderung. Die Ermittlungen wurden eingestellt, da die Mutter sagte, sie habe das Kind tot geboren.

So reiht Wilfling einen Fall an den anderen. Und bleibt immer nüchtern dabei. „Das Zerstückeln von Leichen ist leider nicht so selten, wie man glauben mag“, schreibt er. „Im Laufe der Jahre hatten sich mehrere solcher Fälle allein im Zuständigkeitsbereich der Münchner Mordkommission ereignet. Diese schwer nachvollziehbare, abstoßende Handlungsweise hat in erster Linie rein logistische Gründe. Denn wenn das Corpus delicti verschwunden ist, kann man nichts nachweisen. Vermuten zumindest diejenigen, die sich dazu entschließen, ihr Opfer in Einzelteile zu zerlegen.“

Er lernt einen Oberarzt kennen, der mit Ärztinnen und Krankenschwestern in den nahegelegenen Forst zog, um sie an Bäume zu fesseln und „sexuelle Handlungen an ihnen vorzunehmen“ („… bekam mein Frauenbild einen Knacks …“), schaut sich Videos an, auf denen sich Menschen vor der Kamera stundenlang aufhängen und dazwischen onanieren, erzählt von Psychiatern, die selbst psychisch einen auffälligen Eindruck machen und bittet Mordgeständige, sich bei der epischen Beschreibung ihrer sexuellen Vorlieben bitte etwas kürzer zu fassen.

Er erzählt, wie er gegen seine eigenen Vorurteile ankämpft, sich von Verdächtigen instrumentalisieren lässt und lieber um fünf Minuten nach Mitternacht als vor Mitternacht jemanden festnimmt, weil er dann länger Zeit hat, um Beweise und Indizien für die Staatsanwaltschaft zusammenzutragen. Er ficht mit Zeugen, die keinen Belastungseifer zeigen, die unter dem Rock mit Intimschmuck bimmeln, die schlicht Kotzbrocken sind oder die er aus Versehen abwürgt, als sie den Mord zugeben wollen.

Wilfling spart nicht mit Ironie: „Als ich das vornehme Hochhaus betrat, war ich überrascht. Man sah auf den ersten Blick, dass hier vorwiegend Eigentümer wohnen, die bei jedem Kratzerchen im Treppenhaus eine Eigentümerversammlung einberufen.“ Tatsächlich erweist sich das Opfer als ein Kollege: „Ein Polizeioberrat sogar, Chef einer großen Abteilung bei der Verkehrspolizei. Aha, dachte ich, ein Machtmensch. Niemand hat mehr Macht als die Kollegen von der Verkehrspolizei.“

Die Mordkommission bei der Arbeit

Josef Wilfling gibt in seinem Buch Einblick in die Arbeit einer realen Mordkommission. Er enthält sich der Juristerei, der Psychologisiererei und der Moralisiererei. Zumindest weitgehend. Manchmal regt er sich schon auf über den in seinen Augen übertriebenen Datenschutz, die übertriebene Schweigepflicht (von Psychiatern etwa) oder die übertrieben blauäugigen Ermittlungsrichter. Jedenfalls sieht er da noch Spielraum.

Und, kann man die Kripo täuschen? Wilfling sagt nein. Jeder gute Vernehmungsbeamte merke gleich, wenn einer lüge. „Lüge“, denkt er dann.

„Was die Arbeit in einer echten Mordkommission betrifft, so steht die Teamarbeit im Vordergrund. Den Super-Detektiv à la Columbo gibt es nicht, und einer wie ‚Schimanski‘ würde bei keiner einzigen Mordkommission in Deutschland länger als einen Tag Dienst tun. Übrigens lag unsere Aufklärungsquote auch ohne Mithilfe eines ‚Sherlock Holmes‘ kontinuierlich zwischen 95 und 100 Prozent.“

Und was ist jetzt mit dem berühmten Eisschrank?

Passionierte Krimileser kennen das: Irgendwann kommt immer der Eisschrank. Der Autor befüllt ihn, um Signifikantes über den Charakter seines Besitzers auszusagen. Auf die Dauer ist das ermüdend. Aber jenen Ermüdeten sei gesagt: Die Ermittler schauen sich tatsächlich die Eisschränke an. Und ziehen auch ihre Schlüsse daraus: „Ich öffnete den Kühlschrank und erschrak. Außer zwei Packungen Toastbrot und einem Glas Marmelade war nichts vorzufinden. Nicht einmal eine Flasche Bier, keine Wurst, kein Käse, nichts, was das Leben lebenswert macht. O mein Gott! Was für ein armer Schlucker!“ Das war der Eisschrank eines sexuell verklemmten Studenten, der versucht hatte, eine Kommilitonin abzustechen.

Von den Morden an Walter Sedlmayr oder Rudolf Mooshammer ist im Buch übrigens nicht die Rede. Allzu viel Sensationsgier befriedigt Pensionär Wilfling also nicht. Trotzdem ist sein Buch mindestens so spannend wie Krimi.

Christiane Geldmacher

Josef Wilfling: Abgründe. Wenn aus Menschen Mörder werden.
München: Heyne 2010. 320 Seiten. 19,95 Euro.

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