Johnny Glynn: Sieben Tage


Beliebige Grenzenlosigkeit

Mit Sieben Tage legt Johnny Glynn einen Roman vor, bei dem das Bemerkenswerteste ist, dass er überhaupt verlegt und in England sogar zum Debüt des Jahres 2007 gekürt wurde.
Von Karsten Herrmann

Johnny Glynn erzählt die letzten Tage von Robert Crumb, der vor Jahren seine kleine Tochter auf grausamste Weise verloren hat und danach einen krankhaften Hass auf die Menschen und sich selbst entwickelte: „jenen kleinkarierten bitteren Hass, der mies und gemein ist, quälend und rasend“. Ständig hat er sich in schizophrener Disposition mit einem inneren Gegenspieler auseinander zu setzen, der ihn immer mehr aufstachelt und zur tickenden Zeitbombe werden lässt. Dann schreitet er das erste Mal zur Tat und erschlägt auf bestialische Weise eine junge asiatische Kiosk-Verkäuferin. Es beginnt ein langer Amoklauf, ein abscheuliches Panoptikum der Gewalt: „Ein regelrechtes Gemetzel, eine Schlachtbank, Blut und Eingeweide in nie gesehen Mengen.“ Doch Crumb bleibt von seinen eigenen furchtbaren Taten völlig ungerührt und fühlt nichts als einen kleinen schäbigen Triumph am nächsten Morgen.

Johnny Glynn setzt in Sieben Tage ganz auf die Wirkung des Schocks. Doch schnell überdreht er die Schraube der schockierenden Gewalt und menschlichen Widerwärtigkeit bis zur völligen Taubheit des Lesers. Immer drängender stellt sich diesem dabei die Frage: Wozu das Ganze? Was will uns der Autor sagen? Doch bis zum Schluss bleibt ein sinnhaftes Interpretationsangebot für diese gewalttätige Orgie und Suada des Selbsthasses oder auch nur die kleinste karthatische Wirkung völlige Fehlanzeige. Glynn schwelgt schlicht und einfach in der beliebigen Grenzenlosigkeit eines völlig zerrissenen und entkernten Menschen, dessen krankes Hirn nur noch ein Ziel hat: „Ich will mich endlich los sein… will mich los sein.“

Karsten Herrmann

Johnny Glynn: Sieben Tage. Aus dem Englischen von Henning Ahrens. S. Fischer 2008. 265 Seiten. 18,90 Euro.

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