Geschrieben am 27. Mai 2010 von für Bücher, Litmag

John Glassco: Die verrückten Jahre

Der Traum von Paris

Von seinen „verrückten Jahren in Paris“ berichtet der ansonsten in der literarischen Welt weitestgehend unbekannt  gebliebene Kanadier Johnny Glasco in seinen autobiographischen Erinnerungen. Sie setzen im Montreal des Jahres 1927 ein … Von Karsten Herrmann

„Ich war erst siebzehn und hatte das Gefühl, meine Zeit und meine Jugend sinnlos zu vergeuden.“ Gemeinsam mit seinem Freund Graem Taylor, einigen Überseekoffern und mit finanzieller Unterstützung seines Vaters, der sich durch die lockere Lebensweise seines Sohnes zuhause diskreditiert sieht,  macht er sich mit dem Schiff auf den Weg nach Paris.

Lebens- und vergnügungshungrig stürzt sich John Glassco mit seinem Freund dort in das pulsierende Pariser Leben, streift durch die Cafés, Bars und Brasserien am Montparnasse oder im Quartier Latin. Es ist die magische Zeit der Surrealisten, die Zeit von Picasso, Kiki, Man Ray, von Gertrude Stein, James Joyce und Ernest Hemingway. Glasscos eher sporadische literarische Ambitionen verschaffen ihm Eintritt in diese Welt der Künstler und Boheme, zu ihren Zirkeln und Partys, doch die Prioritäten sind klar gesetzt: „Die Literatur ist nicht so wichtig wie das Leben“.

Köstliche Lethargie

Ihm, dem „gewieften Schwindler“ und Dandy geht es in erster Linie um das Vergnügen, um den Rausch der Nächte mit „unbegrenzten Mengen Alkohol und endlosem Liebesgetändel.“ Beim Besuch einer Party von Gertrude Stein kommt es zum Eklat, weil er es an der nötigen Ehrfurcht fehlen lässt und Hemingway fand er im selben nonchalanten Stil „fast so unattraktiv wie seine Erzählungen“.

Unbeschwert genießt Johnny Glassco das Leben und die „köstliche Lethargie des Pariser Frühlings.“ Auch die immer knapper werdenden finanziellen Mittel und prekäre Lebensumstände mit Hunger, Syphillis und fragwürdigen Gelegenheitsjobs können seine „Begeisterungsfähigkeit“ und  „törichte Überschwenglichkeit“ kaum beeinträchtigen.

Johnny Glascos Erinnerungen spiegeln das Pariser Leben am Ende der wilden 20er Jahre so als „amüsantes Schauspiel“ wieder und frappieren immer wieder durch ihre jugendliche Frische  und Spontanität. Doch letztlich bleiben sie an der Oberfläche haften und dringen nicht zu den existentiellen Spannungen und Auseinandersetzungen dieser für die moderne Kunst und Literatur so entscheidenden Zeit vor.

Karsten Herrmann

John Glassco: Die verrückten Jahre. Abenteuer eines jungen Mannes in Paris.
Aus dem Englischen von Matthias Fienbork.
München: Hanser 2010. 336 Seiten. 21,50 Euro.