Geschrieben am 4. April 2008 von für Bücher, Litmag

John Berger: Mit Hoffnung zwischen den Zähnen

Die Finger eines Mannes

„Mit Hoffnung zwischen den Zähnen“ kämpft John Berger um das globale Überleben

Es mag Zufall sein, aber die letzte Zeile in der Sammlung mit neuen Essays von John Berger führt direkt zu einer typischen Färbung seines gesamten literarischen und journalistischen Werks. Berger zitiert dort ein Gedicht des von ihm sehr geschätzten türkischen Lyrikers Nazim Hikmet: „Wäre ich ein Wort,/ würde ich leise meine Liebe sagen“. Der in London geborene, aber schon seit vielen Jahren in einem französischen Dorf unweit der schweizer Grenze lebende Berger kann über die Liebe und in einem liebevoll passionierten Tonfall über Menschen, Kunstwerke, Städte und Landschaften schreiben, als gäbe es das Wort „Kitsch“ überhaupt nicht. Wieviele Leser hat er nicht schon mit seinen Porträts etwa von Giacometti, Tizian, Morandi oder Monet an das „Sichtbare und Verborgene“ großer Kunstwerke herangeführt. Bewegend seine Abschiede von Freunde, seine Nekrologe auf Zeitgenossen, seine Liebesbekundungen für Menschen, die eine zeitlang sein Leben begleitet haben. Und gleichzeitig gehört er auch zu den ‚zornigen Alten’, die kaum eine Gelegenheit auslassen, um heftig die weltweiten Folgen des neo-liberalen Wirbelsturms auf die davon erfassten Menschen zu attackieren. „Jemand will wissen: sind Sie immer noch Marxist? Nie zuvor hat das vom Kapitalismus diktierte Profitstreben eine größere Zerstörung angerichtet als heute“.
Und es folgt eine über zehn Briefe ausgebreitete Reflexion über die räumliche Entwurzelung von Millionen Menschen, die den Diktaten kapitalistischer Bedürfnisse folgen müssen, um irgendwie zu überleben. Aber diesen globalen Prozess beschreibt Berger nicht in ökonomischen Kategorien, auch nicht in politischer Programmsprache, sondern als ein auch mit über achtzig Jahren noch hellwacher Schriftsteller, dem die Beobachtung eines Details wichtig ist, um das große Ganze zu verstehen.

„Manche der Fotos, die Anabell Guerrero im Flüchtlings- und Emigratenlager des Roten Kreuzes bei Calais gemacht hat, helfen uns zu verstehen, dass die Finger eines Mannes alles sind, was von einem Stück bestellter Erde, die Innenfläche seiner Hand, alles was von einem Flussbett noch geblieben ist.“
Und am Ende dieser „zehn Briefe über Orte“, zehn Briefe voll mit kleinen Beobachtungen zum großen Prozess, den wir ‚Globalisierung’ nennen, steht dann ein Bekenntnis, das wir ansonsten nur noch kopfschuettelnd von irgendwelchen verstockten Politfunktionären zu hören bekommen. „Ja, unter anderem bin ich immer noch Marxist“.

John Berger nimmt man dieses Bekenntnis noch ab, weil er eben nicht für eine Partei oder mit dogmatisch-belehrender Stimme spricht, sondern weil er seine Parteinahme in marxistischer Tradition immer vom einzelnen Menschen, seinen Leiden und seinen Widersprüchen her begründet. Weil der aggressive weltweite Kapitalismus den liebevollen zwischenmenschlichen Austausch genauso zerstört wie unsere Aufmerksamkeit für das Detail zum Beispiel in einem Kunstwerk, hat für Berger das Bekenntnis zum Marxismus noch einen Sinn. In einem, Pier Paolo Pasolini, dem großen Kritiker des Konsumismus, gewidmeten Text in diesem Band, versucht Berger in den Begriff „Ethizit“ zu fassen, was heute in seiner Sicht mit dem Menschen und der Welt geschieht.
„Vorrangig bekämpft werden diejenigen unserer Werte, die sich aus dem Bedürfnis entwickelt haben, aufeinander zuzugehen, etwas weiterzugeben, zu trösten, zu trauern und zu hoffen. Die Massenmedien versprühen diese Ethizide Tag und Nacht.“

Briefe gegen die Armut

In den vorherrschenden Diskursen und feuilletonistischen Kommentaren scheint es ‚arme Menschen’ nicht mehr zu geben. Man spricht über Lebensstile, Moden, Computerneuheiten, aber von ‚Armen’ zu reden ist genau so antiquiert wie vom Marxismus. Anders John Berger, der in den ‚Zehn Briefen über die Beharrlichkeit angesichts von Mauern“ über die Armut in Zeiten globaler Entwurzelung nachdenkt. „Das kollektiv der Armen bleibt etwas Ungreifbares. Sie bilden nicht nur die Mehrheit auf dem Planeten, die Armen sind überall…Deshalb sind die Reichen heute in erster Linie damit beschäftigt, Mauern zu bauern – Mauern aus Beton, aus elektronischen Überwachungsanlagen, Minenfeldern, Grenzkontrollen…“

In den Essays von John Berger begegnen wir einem Repräsentanten jener Kultur, in der es noch keine Internet-Suchmaschinen und kein Wikipedia-Online-Lexikas gab, in der man noch für lange Zeit vor einem Kunstwerk verharrte, in der man noch, in der starken Sprache von Berger formuliert, um „Brot und Würde kämpfte“. Seine Texte sind ein Beispiel dafür, dass man an diese Zeit und an diese Weltsicht erinnern kann ohne in Verbitterung oder Altersstarrsinn zu verfallen.

Carl Wilhelm Macke

John Berger: Mit Hoffnung zwischen den Zähnen. Berichte von Überleben und Widerstand. Aus dem Englischen von Rita Seuß. Wagenbach-Verlag, Berlin, 2008, 138 S.