Geschrieben am 3. Juli 2013 von für Bücher, Litmag

Joey Goebel: Ich gegen Osborne

Joey_Goebel_IchgegenosborneAlles Schlampen, außer James

– In seinem neuen Roman liefert Joey Goebel eine klassische Coming-of-Age-Story ab, die nach einer Verfilmung verlangt. Kein Wunder, denn der Autor würde selbst gerne Drehbücher schreiben. Auch wenn der Protagonist eher in eine Tragikomödie passen würde, von klischeehaftem Highschool-Kiffer-Klamauk ist „Ich gegen Osborne“ dennoch gar nicht so weit entfernt – und das ist in diesem Fall wirklich kein Nachteil. Von Julia Hess

James Weinbach ist schlicht der Gegenentwurf zum amerikanischen Durchschnittsteenager. Er steht nicht auf Rap-Musik, hippe Kleidung oder die neuesten Blockbuster und lehnt Drogen und sexuelle Freizügigkeit ab. Stattdessen beschäftigt sich der 17-Jährige lieber mit Jazz und alten Schwarz-Weiß-Filmen, denn früher war alles besser, manierlicher und von unschuldiger Eleganz. James unterstreicht sein scheinbar unerschütterliches Weltbild mit einem Anzug, den er tagtäglich trägt. Dass ausgerechnet nach dem berühmt-berüchtigten Spring Break seine Angebetete und Verbündete im Geiste, die leicht schrullige Chloé, als zum Partygirl mutierte Sexbestie zurückkehrt, gibt James den Rest. Er muss etwas gegen diese vulgäre, verkommene, durch und durch verblödete Generation und die „große dumme Hurerei“ unternehmen: James raubt seinen Mitschülern den Abschlussball, jenen Abend, der für ihn nur eine Ansammlung an Oberflächlichkeiten und Promiskuität darstellt, für die Hipster der Schule jedoch das Wichtigste überhaupt ist. Ab diesem Punkt überschlagen sich die Ereignisse.

Ätzender Klugscheißer

„Satan, dein Name ist Pubertät.“ Der zentrale Satz des Romans macht schon im ersten Kapitel die Richtung deutlich. In der Form eines Stundenplans mit minutengenauen Angaben beschreibt Goebel den alltäglichen Stumpf- und Irrsinn einer Highschool, die in ihrer Rollenverteilung mit jedem schmissigen Teenie-Film mithalten kann. Zwar macht der wie ein Drehbuch anmutende Aufbau Sinn und veranschaulicht, was in solch kurzer Zeit im Leben eines Heranwachsenden passieren kann, doch viele Charaktere sind vorhersehbar. Die Unterteilung in „beliebt/unbeliebt“ wirkt oft allzu überzeichnet und dadurch unfreiwillig komisch.

Strenggenommen ist James ein ätzender Klugscheißer, der vorschnell urteilt, auf andere herabschaut und mit Spaß nichts anfangen kann. Seine Figur erregt zwar Mitleid, ist aber oft anstrengend in ihrer Spießigkeit und Borniertheit. Rap, Sex und Drogen als Ursprung alles Bösen, auch das mag zynisch gemeint sein, ist in seiner mantrahaften Erwähnung aber zuweilen nervig. Im Laufe der Zeit entwickelt man aber Sympathie für den seltsamen Nerd, der mit seinen Ansichten so gar nicht ins Jahr 1999 passt.

Goebel kriegt immer wieder die Kurve, wenn sein Protagonist sich als „normaler“ herausstellt, als er sich selbst eingestehen kann. Durch diese Annäherung wird James zu einem wirklich runden, glaubhaften Charakter, der ansonsten in affektierter Andersartigkeit versinken würde. Etwas Leichtigkeit tut dem ernsthaften Ton des Buches gut, James kann eigentlich auch wahnsinnig humorvoll statt zermürbend zynisch sein. Je mehr er seine Mitschüler für ihre sexuellen Ausschweifungen verachtet, desto größer wird sein eigenes Verlangen danach, das ihn fast in die Arme eines als Schulmatratze verschrienen Mädchens treibt. Die Grenzen zwischen dem vermeintlichen „richtig“ und „falsch“ verschwimmen, je mehr sich James daran klammert.

Die altbekannte Dynamik von Außenseiter versus „die coolen Kids“ funktioniert in „Ich gegen Osborne“ wunderbar, obwohl der moralische Zeigefinger recht oft gehoben wird. Es lohnt sich trotz mancher Längen in der Erzählstruktur mitzuerleben, wie weit James mit seiner Manierlichkeit kommt und welche Entwicklung er durchmacht. Auch als Erwachsener hat man mit diesem Roman eine Menge Spaß und wird bei der einen oder anderen Erkenntnis des Protagonisten ein paar Rückschlüsse auf das eigene (Teenager-) Leben ziehen.

Julia Hess

Joey Goebel: Ich gegen Osborne. Übersetzt von Hans M. Herzog. Zürich: Diogenes Verlag 2013. 430 Seiten. 22,90 Euro.

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