Geschrieben am 1. November 2009 von für Bücher, Crimemag

Jochen Schmidt: Gangster, Opfer, Detektive

Schnee von Gestern

Gangster Opfer Detektive – Warum Jochen Schmidt mit seiner Typengeschichte der Kriminalliteratur scheitert. Von Ulrich Noller

Lange erwartet, zwischendurch aufgegeben, ist es jetzt doch erschienen: Jochen Schmidts bearbeitete Neuauflage von Gangster, Opfer, Detektive. Eine Typengeschichte des Kriminalromans. Eigentlich sollte das Werk bei metro unter der Herausgeberschaft von Thomas Wörtche erscheinen. Deswegen in eigener Sache: Im Vorwort zur jetzigen KBV-Ausgabe schreibt Schmidt: „Und als die (= die zweite Fassung für metro) endlich abgeschlossen war, sah sich Wörtche – mittlerweile dabei, seine Arbeit für den Zürcher Unions-Verlag (sic!) einzustellen – nicht mehr in der Lage, mir bei der Beseitigung der immer noch vorhandenen Macken so zu helfen, wie ich das von einem Lektor (sic!) erwartet hätte.“ Das stimmt nicht, denn wie der Absagebrief zeigt (lesen Sie selbst), wurde der Vertrag aufgelöst, weil trotz heftigem Beratungsaufwand über Jahre hinweg dem metro-Herausgeber Thomas Wörtche die intellektuellen und faktischen Defizite des Projekts letztlich nicht behebbar erschienen.

Diese Unredlichkeit soll aber einer sachlichen Einschätzung des Buches nicht im Wege stehen. ULRICH NOLLER hat sich das Werk genauer angeschaut.

Na, das ist doch eine Wucht, und zwar im wahrsten Sinne des Wortes: Gangster Opfer Detektive ist raus, Jochen Schmidts „Standardwerk“ übers Spannungsgenre, erstmals erschienen 1989, jetzt erweitert, ergänzt, aktualisiert. Hunderte Autoren, tausende Geschichten, über 100 Kapitel, die, eine Wucht im Wortsinn, in diesem dicken, schweren Klopper vom KBV-Verlag auf über 1100 Seiten präsentiert werden. Ein Klassiker des Krimisekundären, geliftet und aufgepeppt, zeitgemäß neu ediert. Respekt, denkt man, da unternehmen zwei mutige Geschäftspartner ein gewagtes Unterfangen: Die ganze Welt (der Kriminalliteratur) in einem Buch – für lumpige 43,90 Euro, die sich sogar mies budgetierte Bibliotheken leisten können. Ganz zu schweigen von den Genrefans, die ihre Regalmeter mit einem dann letztlich doch so niedrig hochpreisigen Buch gerne schmücken werden. Ab jetzt, so scheint es, gibt es keine Entschuldigung mehr, nichts über die wichtigsten Autoren, Geschichten und Entwicklungen der Kriminalliteratur zu wissen. Schmidt setzt Maßstäbe, um seine Einschätzungen kommt zukünftig kein Magisterkandidat, kein Kritikerpraktikant, kein Lehreranwärter mehr herum. Bleibt allerdings eine Frage: Was genau weiß Meister Schmidt, was hat seine Typengeschichte des Genres zu bieten?

Beinahe gefährlich

Die Antwortet lautet: Viel. Und zwar im Gesamten wie im Besonderen. Ohne Ende Autoren, Titel, Handlungsverläufe. Und genau da liegt das Problem: Respekt vor dieser Leseleistung, klar, keine Frage, da kann man nur den Hut zücken. Aber: Im Tsunami der Schmidt’schen Inhaltsangaben – und um solche handelt es sich größtenteils – geht zu viel von dem verloren, was diesem in seiner Quantität epochal scheinenden Werk wirkliche Relevanz verleihen könnte: Es fehlt an Genauigkeit, es fehlt an sinnhafter Struktur, es fehlt an Diskursen, es fehlt an Respekt, es fehlt an Selbstzweifel, es fehlt an entscheidenden Fragen, es fehlt an Blicken über den Tellerrand des eigenen Lesegeschmacks hinaus – und damit fehlt es, leider, an Aktualität.

Mit anderen Worten: Eine tolle Fleißleistung, dieses Werk, eigentlich aber überholt. Denn viele spannende, innovative Entwicklungen der Kriminalliteratur entstehen und verlaufen in ihren Grenzbereichen – genau da, wo Jochen Schmidts Leselust versiegt, wo er vom Chronisten zum Geschmacksscharfrichter wird, der das, was ihm politisch oder ästhetisch nicht geheuer ist, auf boshafte Weise diffamiert.

Jochen Schmidt, der in den 1930ern geboren wurde, ist ganz offensichtlich von der amerikanischen Genreliteratur des 20. Jahrhunderts geprägt und fasziniert; so sehr die entsprechenden Teile im Buch glänzen, so stark engt das seinen Blick an anderer Stelle ein – bis hin zur Blindheit. Und an der Stelle wird es nicht nur unangenehm, sondern beinahe gefährlich: Wenn Schmidts wuchtiges Werk die Substanz hätte, Maßstäbe zu setzen, würde es Macht ausüben. Wer hier durchs Raster fiele, der wäre wäre möglicherweise für Generationen von Wissenschaftlern, Kritikern, Lehrern und anderen Bibliotheksnutzen verbrannt. So etwas kann Autorenkarrieren beenden. Glücklicherweile ist der Backstein nur dick, wegen seiner Fehler, wegen seiner ungelösten Fragen, wegen seiner unangebrachten Polemik aber eher ein Leichtgewicht.

Schlecht recherchiert

Ein Beispiel? Nehmen wir das Kapitel Nutten, Killer, Kommissare. Frank Göhres St. Pauli und andere Schmuddelbezirke, zu finden auf den Seiten 993 bis 997. Ein Kapitel, das all die Elemente beispielhaft enthält, an denen Gangster, Opfer, Detektive leidet: Ohne jede Notwendigkeit packt Schmidt ausgerechnet die Autoren Frank Göhre und Norbert Horst in ein Kapitel. Ein Sinnzusammenhang ist nicht erkennbar; offensichtlich verbindet die beiden in den Augen des Chronisten, dass sie „schmuddelige“ Inhalte thematisieren. Was aber haben Göhre und Horst tatsächlich gemein? Frank Göhre, Hamburger Kiez-Chronist seit den 1980er-Jahren, lässt häufig korrupte Bullen, kleine Ganoven, Huren und andere Typen in den Mittelpunkt seiner Geschichten rücken, die er mithilfe filmischer Schreibweisen, geschickter Montagetechniken etc. pp. erzählt; sehr französisch, das – und auf eine gewisse Weise doch sehr deutsch.

Norbert Horst dagegen: Im „wirklichen“ Leben Polizist seit über 30 Jahren, als Kriminalschriftsteller aktiv erst seit 2003; er hat für seinen Ich-Erzähler Konstantin Kirchenberg eine ganz spezifische, subjektiv-realistische Schreib- und Erzählweise entwickelt, die es den Lesern erlaubt, extrem nahe und unmittelbar dran zu sein an den Ermittlungen, sozusagen als Gast im Hirn des Ermittlers, der Fälle verfolgt, die auch und gerade wegen ihrer Authentizität einzigartig sind. Wie, zum Teufel, kann man diese beiden Autoren in eine Schublade stecken – bloß weil sie in ihrem Versuch, Sprache und Leben realistisch abzubilden vor Fäkalausdrücken, Satzfragmenten, gesprochenem Wort und verbalem Schmuddelsex nicht halt machen? Jochen Schmidt mag die beiden offensichtlich ganz einfach nicht, und es ist kaum zu glauben, wie respektlos er dem Ausdruck verleiht: Frank Göhre, den man als Klassiker des Krimis made in Germany nicht mehr aus der Literaturgeschichte tilgen kann, lobt er mit doppelter Zunge wegen seiner poetischen Titel und ausgerechnet für sein Kochbuch Frühstück mit Marlowe – eine Ohrfeige.

Und Norbert Horst wird derart tumb abgeurteilt, dass es einer Hinrichtung gleichkommt: Das Wort „Scheiße“ sei bezeichnend für den ersten Roman, es fehle völlig an psychologischer Raffinesse, im zweiten Roman werde „billigste Vulgärpsychologie“ verwendet, die „chaotische“ Erzählung bleibe sprachlich „auf einem Niveau, das man im seriösen deutschen Krimi eigentlich überwunden glaubte“, was sich insbesondere an der inkompetenten Verwendung transitiver Verben zeige (Seite 997). Hallo?! Wie kann man so über einen Autor urteilen, der versucht, gesprochene und vor allem gedachte Ermittler-Sprache in Worte zu fassen?? Hier hat einer nichts verstanden – und nicht richtig gelesen. Nicht über den Tellerrand geschaut, sich nicht hinterfragt.

Und schon gar nicht recherchiert. Das nämlich legt last not least die Sache mit Maria Gronau nahe, die dem Fass in diesem Kapitel den Boden ausschlägt: Maria Gronau, so Jochen Schmidt auf Seite 996, sei ein Pseudonym von Frank Göhre, der unter diesem Namen vier Romane mit einer lesbischen Kripokommissarin als Protagonistin verfasst hätte. Zitat Schmidt: „Mitte der neunziger Jahre ging dann plötzlich eine Geschlechtsumwandlung mit unserem Autor vor.“ Frank Göhre dazu: „Ich habe weder eine Geschlechtsumwandlung vorgenommen noch bin ich Maria Gronau.“ Wie auch, Maria Gronau ist ja das Pseudonym des Berliner Autors Frank Goyke, der im Übrigen ansonsten in Gangster, Opfer, Detektive keine Erwähnung findet. (Bei der Gelegenheit: Schöner Gruß ans Lektorat!)

Dumpfes Abwatschen

Pars pro Toto? Natürlich nicht, das würde den Gangstern, Opfern und Detektiven nicht gerecht. In einem solch umfassenden Werk sind Fehler unvermeidbar, darauf weist Jochen Schmidt anfangs auch, sich vorab entschuldigend, dezidiert hin. Aber Autoren und Themen aus geschmäcklerischen Gründen dumpf abzuwatschen, DAS lässt sich durchaus vermeiden – und DAS ist in solch einem Werk unverzeihlich.

Abgesehen davon, und das ist das eigentlich Dramatische, bleibt das Kapitel Nutten, Killer, Kommissare kein Einzelfall; auch bei anderen Krimidiskursen zeigt sich der Chronist auf (mindestens) einem Auge blind: Pieke Biermann wird mit Astrid Paprotta und Monika Geier in eine Schublade gesteckt – mit der Aufschrift Die neuen Individualisten. Italo-Romantiker Veit Heinichen wird ausgerechnet mit den Global-Polit-Autoren Detlef B. Blettenberg und Lena Blaudez zusammen gepackt. Bei der „Historie“ des deutschen Kriminalromans wird alter Kram wiedergekäut; kein Wort zum Beispiel von Norbert Jacques „Dr. Mabuse“, einer Figur, die in verschiedenen medialen Verästelungen von den 1910er Jahren bis heute eine Weltkarriere hingelegt hat; erfolgreichstes Krimikonzept made in Germany ever.

Überhaupt, für mediale Wechselwirkungen (zum Beispiel vom „Tatort“ zum Regionalkrimi und zurück) fehlt jeder Raum; dabei ist gerade dieser Blick für das Verständnis von Krimikultur unverzichtbar. Man könnte die Liste fortsetzen: Keine Rede im entsprechenden Kapitel von den Diskursen um „schwarze“ Kriminalliteratur von Chester Himes und Ernest Tidyman, die auch hierzulande in den letzten Jahren stattfanden. Der französische Neopolar wird leicht angewidert als „albern“ abgetan; Jean Patrick Manchette wird zuallererst mit der Formulierung „prätentiöser Kitsch“ in Verbindung gebracht, was bizarr ist. Und so weiter und so fort …

Zopfig

Keine Frage, es ist eine Leistung, solch ein Werk in Form und auf den Markt zu wuchten wie Jochen Schmidts Gangster, Opfer, Detektive. Und keine Frage, im Bereich der Klassiker und Bereich der amerikanischen Kriminalliteratur findet sich nach wie vor sehr viel lesenswerter Inhalt; wie sicherlich hier und da und dort auch treffende Texte zur aktuellen Kriminalliteratur zu lesen sind (etwa, wenn es um Friedrich Ani und sein Werk geht).

Alles in allem aber kennt dieses Buch nicht die richtigen Antworten zur heutigen Krimikultur, weil es nicht die richtigen Fragen stellt. Im Gegenteil: Man hat den Eindruck, da versucht einer zu retten, was zu retten ist, indem er sein Opus Magnum noch einmal so liftet und modelliert, dass es in eine neue Zeit passt, die seit seinem ursprünglichen Erscheinen angebrochen ist. Aber das Geliftete und Modellierte wirkt halbherzig und bleibt oberflächlich, es fällt gegenüber den „alten“ Inhalten ab.

Was nicht weiter verwundert, denn das aus der alten Zeit herübergerettete Ordnungs- und Erzählkonzept funktioniert in der neuen Ära nicht mehr: In einer globalisierten Kriminallandschaft, die im explodierenden Universum des Internetzeitalters stattfindet, hat ein lexikalisch intendiertes Werk, das versucht, ein eigenes, in sich abgeschlossenes Großes und Ganzes darzustellen, per se verloren, es ist im wahrsten Sinne des Wortes von Gestern: einer Zeit entsprungen, in der man – insgeheim – noch an abgeschlossene Welten, an die Möglichkeit definitiver Beurteilung, an monomediale Entwicklungen, an die Legitimität des Lehrer-Kritikers glaubte. Sorry, aber das ist vorbei – und deshalb ist Gangster, Opfer, Detektive leider Schnee von Gestern.

Ulrich Noller

Jochen Schmidt: Gangster, Opfer, Detektive. Eine Typengeschichte des Kriminalromans.
KBV 2009. 1127 Seiten. 43,90 Euro.