Geschrieben am 19. Dezember 2008 von für Bücher, Litmag

Jewgenij Grischkowez: Das Hemd

Von Hemden und Hoffnungen

Einen Tag in Moskau, der russischen Metropole, dem Moloch, in dem Hoffnung und Verzweiflung, Liebe und Einsamkeit so nahe beieinander liegen, schildert Jewgenij Grischkowez in seinem Debütroman, den Karsten Herrmann gelesen hat.

Grischkowez’ Protagonist Sascha hat es scheinbar geschafft: Als Architekt hat er den Sprung aus der tiefen russischen Provinz nach Moskau gewagt und sich hier eine vielversprechende berufliche Existenz aufgebaut. Er ist frisch verliebt in „Sie“, um die alle seine Gedanken kreisen. Und ausgerechnet jetzt kommt sein Freund Max aus der alten Heimat zu Besuch. Ein Besuch, der immer mit langen Nächten und wilden Gelagen sowie dem „Hemingway-Spiel“ verbunden ist, mit dem die beiden beim Zug durch die Moskauer Szene-Kneipen und -Clubs die Frauen verrückt machen: „Alles sollte irgendwie lässig sein und dabei Klasse haben“ und ein „weißes Hemd ist die beste Wahl.“

Doch an diesem Abend mit Max wird alles anders. Von Stunde zu Stunde zeigt sich mehr, dass die ausschweifende Leichtigkeit und Euphorie früherer Tage verflogen ist. Die beiden stehen an einem Wendepunkt in ihrem Leben und am Ende der Nacht sind die beiden Freunde genauso reichlich mitgenommen wie das am Morgen frisch angezogene weiße Hemd von Max. In der tiefsten Stunde überkommt sie eine erschreckende Erkenntnis: „Das richtige Leben ist zu Ende. Und jetzt hat das Sterben begonnen.“

Das Hemd ist mit leichter Hand und eleganter Geschmeidigkeit geschrieben. Grischkowez’ Ton ist zugleich heiter wie auch auf typisch russische Weise von sanfter Melancholie und spitzbübischem Witz getragen. Sein Wortstrom ist vielgestaltig, plätschert durchaus mal belanglos-geschwätzig dahin, um dann in existenzielle Wirbel und philosophische Untiefen zu führen. Immer wieder blitzen meisterhafte Miniaturen aus diesem Strom hervor und an seinem Grund treiben wie Algen abstruse Traumsequenzen dahin.

Doch auch, wenn das Leben der beiden Freunde am Ende dieser Nacht sich verdüstert: Es bleibt gewiss, dass ein neuer Tag und neue Hoffnung und ein frisch gewaschenes weißes Hemd nahen. Der Lebenswille und die Hoffnung bleiben in diesem Buch unbesiegt.

Karsten Herrmann

Jewgenij Grischkowez: Das Hemd. Aus dem Russischen von Beate Rausch. Ammann Verlag & Co 2008. 272 Seiten. 19,90 Euro.