Geschrieben am 10. März 2012 von für Bücher, Crimemag

Jeanette Erazo Heufelder: Der Blumenkrieger / Drogenkorridor Mexiko

Schnittmenge Mexiko

– Die Ethnologin und Sachbuchautorin Jeanette Erazo-Heufelder sucht nach der Wahrheit des mexikanischen Drogenkrieges. Und in ihrem literarischen Debüt untersucht sie einen ganz besonderen Kriegsschauplatz. Eine Doppelrezension von Ulrich Noller.

Mit den Müttern ist es ja manchmal so eine Sache. Zum Beispiel, wenn sie ihrem längst selbst grau werdenden Sprössling in aller Öffentlichkeit imaginäre Fusseln vom Kragen zupfen. Wenn sie  dem ewigen Filius mit schwieligen Händen das Gesicht umfassen, um ihn nach dem obligatorischen Besuch – möglichst in Anwesenheit seiner neuen Partnerin – mit Mundkuss zu verabschieden. Oder wenn sie dem geliebten Sohn, besonders erbaulich, mit speicheligen Fingerkuppen imaginäre Essensreste aus dem Antlitz rubbeln …

Schreckliche Momente. All diese Liebesschikanen sind aber schnell vergessen, wenn man mit Jeanette Erazo Heufelder einen Blick hinter Gründerzeitmauern in eine Münchener Hinterhauswohnung ins Leben von Ludwig Bücherl tut.

„Der Blumenkrieger“

Im Badezimmer steht er, der junge Mann, der seine Mutter betrachten muss, wieder und wieder und wieder, wie sie nackt in der Wanne liegt, und wie sie ihn bannt und drängt und dräut und seit Jahren so mit ihrer mütterlichen Energie elektrisiert, dass er dann halt eines schönen Tages die eine, archaische Phantasie in die Tat umsetzt, der vermutlich viele Söhne hier und da und dort unterliegen: Ludwig Bücherl packt einen Dolch und sticht zu, wieder und immer wieder.

Schreie, Haut, Fleisch, Knochen – Blut! Als müsse er sich von einem Albdruck, von einem Dämon befreien, so scheint es fast.

Dieser Ludwig Bücherl, und so kommt auch die Ethnologin Jeanette Erazo Heufelder ins Spiel, er  hat eine Leidenschaft für mexikanische Indianerkulturen, nennt sich auch Jujanani. Seiner Erzeugerin musste er sich entledigen, weil ihm nichts anderes übrig blieb, um sich von ihr zu befreien, um endlich erwachsen zu werden, unter irrer Raserei, und zwar unter Zuhilfenahme indianischer Opferrituale. Die Frage ist: Wie kam es so weit? Und warum ausgerechnet auf die indianische Weise?

Jeanette Erazo Heufelder, geboren 1964, Mutter Deutsche, Vater Ecuadorianer, hat dieses wahre Ereignis aus dem Jahr 1920 für ihre Erzählung „Der Blumenkrieger“ von Berlin nach München verlegt – und eine Reflexion über ein ganz spezielles Mutter-Sohn-Verhältnis daraus gemacht. Eine kleine, konzentrierte Geschichte, die auf engem Raum große Fragen von Schuld, Macht, Missbrauch und Verantwortung auslotet.

„Drogenkorridor Mexiko“

Fast zeitgleich ist Heufelders Reportageband „Drogenkorridor Mexiko“ erschienen, in dem die Publizistin die Erlebnisse und Begegnungen einer Reise protokolliert, die sie – unter teils abenteuerlichen und sicher nicht ungefährlichen Umständen – an einige der Orte unternommen hat, in denen der mexikanische Drogenkrieg tobt: Culiacan, Chihuahua, Ciudad Juarez.

Eine Frau besucht ihren im Gefängnis einsitzenden Mann – und verdient das Geld für die Reise, indem sie einen schwunghaften Handel mit Kinderklamotten zwischen den Städten betreibt. Ein Mann, der als Taxifahrer arbeitet, hupt niemals, wenn vor ihm ein Auto bei grüner Ampel einfach stehen bleibt. Schließlich kommt es vor, dass genau deswegen Menschen erschossen werden, von Killern der Drogenkartelle, die sich einen „Spaß“ aus solchem Terror machen. Ein Gemeindevertreter verbiegt sich breit lächelnd bis zur Absurdität, um zu beweisen, wie hübsch und rein und normal in „seinem“ Ort alles ist. Dabei nahm hier womöglich alles seinen Anfang. Die Tochter eines Narco-Dealers mischt einer Klassenkameradin synthetische Drogen ins Essen. Die Klassenkameradin stirbt, die Tochter wird nicht belangt, ebensowenig die Eltern. Es regiert in allen Fällen die Angst.

Solche alltäglichen Geschichten sind es, die Jeanette Erazo Heufelder gesammelt, aufgezeichnet und zu einem „Reisebericht“ der anderen Art kompiliert hat. „Drogenkorridor Mexiko“ ist ein detailstarkes, buntes, an Handlungsträgern reiches und aufmerksam recherchiertes Zeitzeugnis, das die Geschichte und die Gegenwart des mexikanischen Drogenirrsinns angenehm unaufgeregt aufzeichnet und sich gerade deshalb packend liest.

Winslow und Heufelder

Interessant übrigens der Vergleich mit Don Winslows Romanen „Tage der Toten“ und „Zeit des Zorns“ (CM-Rezension hier),  in denen der amerikanische Kriminalschriftsteller den Krieg gegen die Drogen auf faktischer Basis fiktional aufarbeitet, hier als großes Epos im Breitwandformat, da als überfallartige, pfeilschnelle ménage à trois. So brillant und vollendet Winslow erzähltechnisch operiert und damit Jahrhundertliteratur abliefert, so sehr erweist er sich doch auch eo ipso als Kriegsprofiteur, der letztlich, und da kippt das Ganze, dem Pathos des Archaischen erliegt. Demgegenüber wirkt Jeanette Erazo Heufelder durch eine Reduktion des Ästhetischen, durch die Konzentration auf einfache Erzählweisen der Medialisierung des mexikanischen Irrsinns entgegen. Und das ergibt dann letztlich doch ein ganz anderes Bild der Realität, obwohl doch beide auf Basis akribischer Recherche realer Geschehnisse arbeiten: Die Gewalt ist einfach nur eine kleine, banale Alltagsrealität, die eine hässliche Fratze trägt und denen, die sie erleiden müssen, schrecklich weh tut. Aber sie ist auch eine bittere Notwendigkeit, mit der man sich irgendwie arrangieren muss.

„Drogenkorridor Mexiko“ zeichnet letztlich das Portrait einer Gesellschaft, die zutiefst zerrissen, korrupt und traumatisiert ist – und die doch hier und da kleine Zeichen der Hoffnung sieht. Wer wissen will, was in Mexiko passiert, wie es dazu kam und was das alles mit den Menschen macht, der findet in diesem Buch Antworten.

Ulrich Noller

Jeanette Erazo Heufelder: Der Blumenkrieger. Roman. Wuppertal: NordPark Verlag 2011. 100 Seiten. 11,00 Euro. Verlagsinformationen zum Buch.

Drogenkorridor Mexiko. Reportage. Berlin: Transit Verlag 2011. 240 Seiten. 19,80 Euro. Verlagsinformationen zum Buch

 

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