Geschrieben am 30. Januar 2010 von für Bücher, Crimemag, Porträts / Interviews

James Ellroy: Blut will fließen

Mein Kampfhund heißt Margaret

James Ellroy war schon immer ein sehr emsiger und bemühter Selbstdarsteller. Deswegen hat CrimeMag ihn sich in Hamburg angeschaut – ein vergnüglicher Lesungsbericht von Peter Münder.

Wie ein Gladiator betritt James Ellroy, 61, mit einer triumphierenden Geste und einem verschmitzten, selbstironischen Grinsen die Arena: Der „Höllenhund der amerikanischen Kriminalliteratur“, wie er sich selbst nennt, schwenkt den neuesten Band Blood’s a Rover, auf dessen Cover in Großbuchstaben ELLROY über einer starren Leichenhand abgebildet ist. Dann zeigt er auf diesen Titel und auf sich und ruft mit einem theatralischen Augenrollen: „That’s me!“

Kein Zweifel, der trotz seiner Lebhaftigkeit und Dynamik irgendwie ausgezehrt-ungesund und blass wirkende, fast kahlköpfige Nickelbrillenträger Ellroy kann seinen Auftritt glänzend inszenieren und seinen latenten Größenwahn („Call me God“) wunderbar ironisch unterlaufen, wofür er schon vor seinem ersten vorgelesenen Satz von Blut will fließen (so lautet der deutsche Titel) begeistert bejubelt wird.

Im geschmackvollen Jugendstil-Saal des Hamburger Literaturhauses waren Hunderte von Besuchern versammelt, um diesen legendären, berüchtigten Höllenhund Ellroy zu besichtigen; die Karten für den Auftritt dieses schwärzesten und bösesten Noir-Großmeisters waren schon seit einigen Wochen ausverkauft. Moderiert wurde die Lesung von Claudius Seidl (FAS), der meistens auf der Suche nach komischen Effekten in Vita und Werk des Meisters war. Die deutschen Texte las der Schauspieler Matthias Brandt, der mit Ellroys dramatischen Vortragseffekten jedoch nicht mithalten konnte und lässig an die Wand gespielt wurde: Wenn der stimmgewaltige Ellroy „America“ sagt, dann dehnt er die letzte Silbe ins Unendliche und röchelt so martialisch ins Mikrofon, dass es ein veritables Kotzgeräusch ergibt.

Die vier Ks

Die vier von Ellroy so geschätzten „Ks“ – Konspiration, Korruption, Kopulation und Killen – feiern auch im neuesten Opus Triumphe. Beim Abstieg in die amerikanische Unterwelt, in die Niederungen politischer Intrigen, dem Liquidieren von Cops und Gangstern und der Unterwanderung militanter Gruppen lässt er nichts aus, was mies, fies und blutrünstig ist. In diesem letzten Band seiner Underworld USA-Trilogie, die sich mit den Attentaten auf Kennedy und Martin Luther King (im Buch wird er auch mal Martin „Luzifer“ King genannt) beschäftigt und die Paranoia des verrückten Howard Hughes in aberwitzigen Facetten aufscheinen lässt, geht es Ellroy immer noch darum, seinem literarischen Vorbild Don de Lillo irgendwie nachzueifern, obwohl er selbst zugibt, dass der mit dem Verschwörungsthriller Libra (Sieben Sekunden) ein unerreichbares Meisterwerk mit plausiblen connections zwischen kubanischer Schweinebucht-Invasion, Mafia-Killern und Kennedy-Attentätern geschaffen habe.

Ellroy ging es allerdings gegen den Strich, den von de Lillo als einsamen Außenseiter gezeigten Kennedy-Attentäter Lee Harvey Oswald auch als Einzeltäter zu zeigen. Seine Sicht der Außenwelt ist ein aus diffusen Machenschaften und finstersten Instinkten bestehendes Emotionslabyrinth, das sich präzisen Analysen und objektiven Befunden störrisch widersetzt. Vielleicht sollte man daher als Leser auch nicht allzu kritisch und anspruchsvoll nachhaken, wenn es um den Plot oder um eine differenzierte Charakterisierung der Figuren geht, die sich mitunter sehr ähneln und kaum ein erkennbares Eigenleben führen.

Strömen und knallen …

Wenn das Blut in Strömen fließt, wenn es knallt und fetzt, wenn korrumpiert und kopuliert wird, dann ist der Action-Chronist aus LA absolut happy. Sein „Tabloid“-Sprachstil würde wohl auch nicht mehr hergeben, denn seine Sätze sind wie in Stein gemeißelte Botschaften. Höchstens drei Substantive, zwei Adjektive und ein Verb in einem Satz – wer braucht schon mehr: „The milk truck heaved. The radiator blew. Steam hissed and spread wide. The guards coughed and wiped their eyes. Three men got out of a ’62 Ford parked two curb lengths back. They wore masks.“ Offenbar hat Ellroy irgendwann am Anfang seiner Autorenkarriere ein Gelübde abgelegt, nie einen Relativsatz zu verwenden, weil der zum Grübeln und differenzierten Zweifeln anregen könnte. Er bevorzugt Sätze mit Nachhaltigkeitseffekt: Sie wirken wie Hammerschläge.

Mit dieser „Cut the crap“-Maxime baut Ellroy das Szenario für den in den ersten Sätzen beschriebenen Überfall auf einen Geldtransporter auf, der um 7.16 Uhr in South LA beginnt und um 7.27 Uhr sein blutiges Ende nimmt – dann hat es bereits sieben Tote gegeben, einige Leichen sind von den Tätern mit einem Schweißbrenner versengt worden und ätzende Dunstwolken schweben über dem Schauplatz. Das undurchschaubare Gewusel mit Milchwagen, Geldtransporter und den Killern im 62er Ford beschäftigt Cops, Privatdetektive und andere Schnüffler noch etliche Jahre später, weil bei dem Überfall auch Diamanten abhanden kamen.

Gut, es geht auch um „Bad men und dangerous women“, um eine merkwürdige Abhängigkeit reaktionärer, krypto-faschistoider Typen von attraktiven, linksintellektuellen Frauen – aber diesen Aspekt wollte Ellroy bei der Lesung nicht weiter vertiefen. Ist es vielleicht eine Marketing-Masche, um nun auch die bisher systematisch verprellten weiblichen Leser zu gewinnen? Die Antwort darauf sollte sich der Leser selbst zurechtbasteln, meinte er. Das Publikum konnte jedenfalls keine weitergehenden Fragen stellen.

Wo ist der Hund?

Noir ist sein Weltbild, klar, aber wer will es ihm verdenken? Als Zehnjähriger wurde seine Mutter brutal ermordet und verstümmelt, dieses Trauma inklusive späterer Knast- und Drogenerfahrungen schreibt er sich immer noch von der Seele. Und nimmt dabei in Kauf, dass die Abbildung blutiger Monstrositäten alles verdeckt, was die Handlungsmotivation seiner Figuren erklären und den diffusen Nebel der Handlung und diverser Subplots aufhellen könnte. Der LA-Noir-Meister zeigt zwar brutale Exzesse, Macht- und Geldgier, Sex and Crime, Hass und Sucht – aber man kann diesen knallharten Movie-Szenen nicht auf den Grund gehen, weil Ellroy die dargestellten Symptome einer kranken Gesellschaft zugleich auch als ihre Ursachen versteht. Die eingeblendeten halboffiziellen, fingierten Dokumente und Behördendossiers gönnen dem Leser zwar eine Atempause, aber sie bringen auch kein Licht ins Dunkel dieses extremen Albtraum-Panoramas.

Für spannende Kontraste sorgten Ellroys Hinweise auf seinen Tagesablauf: Meistens hockt er in einer abgedunkelten Ecke (am liebsten mit einem Rasseweib), hört Beethoven („großartiges revolutionäres Pathos der Eroica!“) oder Bruckner und brütet neue Plots des nächsten Romans aus. Er schreibt mit der Hand, hat keinen PC, kein TV-Gerät, hört keine Nachrichten, sieht keine Filme, liest keine Bücher. Ist James Ellroy, der Spezialist für blutige Schlachtplatten, also eigentlich ein verkappter Schöngeist? So rätselhaft wie seine undurchsichtigen Plots sind eben auch die Selbstauskünfte des Meisters. Denn Ellroy hat einen sympathischen Hang zur selbstironischen Attitüde, da kann es schon sein, dass er sich einen Jux daraus macht, uns zu veralbern. Nichts ist eben so wie es scheint, diese alte Krimiweisheit gilt sicher auch für seine eigenen biografischen Aussagen.

Wo ist übrigens sein berühmter Kampfhund, der meistens mit ihm zusammen auf den Buchumschlägen gezeigt wird? Als ich ihn nach der Lesung nach diesem hässlichen Vierbeiner mit der militanten Beißer-Physiognomie frage, erklärt Ellroy auch gleich den Vornamen des Viechs: „Mein Höllenhund heißt Margaret – genauso wie diese unsägliche Kuh, die mich vor einigen Jahren in die Wüste geschickt hat!“

Peter Münder

James Ellroy: Blut will fließen (Blood’s a Rover, 2009). Roman.
Deutsch von Stephen Tree.
Berlin: Ullstein 2010. 783 Seiten. 24,90 Euro.

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