Jacques Tardi/Jean-Patrick Manchette: Im Visier


Weiß auf Schwarz

– Was soll da schiefgehen? Tardi adaptiert und illustriert Manchette. Feiner geht’s kaum, findet auch Matthias Penzel.

Selbst auf die Gefahr hin, hier jetzt wie ein hinterwäldlerischer Dorfdepp mit bedenklich xenophoben Tendenzen zu klingen – eine haarstäubende Gefahr – geh ich mal kurz auf Risiko und sage: Der Held der Geschichte ist Franzose, und das merkt man ihm auch an. Terriers Stimmung changiert ziemlich nonstop, in sehr langen Nächten zwischen missmutig-griesgrämig und schlicht asozial. Tagsüber ist er eher nüchtern, mit Hang zur Melancholie. Auch ständig in Bewegung. Er ist wie die invertierte Version eines Superhelden aus einem amerikanischen Comic der Nachkriegszeit: Eskapismus pur, Bilder und Inszenierungen zum Verlieben, Schwarz auf Weiß … aber eben invertiert, inside-out: Weiß auf Schwarz. So wie das harte Schwarz der Nächte. Das Schwarz der Straßen von Paris und Umgebung, deren kalte Härte, bei der die Pfützen auf Asphalt, in denen sich das Neonlicht spiegelt, noch etwas mehr klar umrissene Härte aufblitzen lässt. Der Antiheld-Held, der Antisuperheld ist ein Killer. Von Beruf. Mehr Killing-Machine als Mensch. Nicht richtig sichtbar, nur an seinem Handeln ist ablesbar, dass er ein Herz hat, dass er ein nicht nur hoffnungsloser Romantiker oder Träumer ist, sondern nahezu pathologisch in mentalen Einbahnstraßen verfahren.

Jacques Tardi

Reduktion

Das steht so nicht im Text, der immer abgespeckt auf das Wesentliche ist, jedes Wort unverrückbar wie Zement, und wenn man noch mal genauer hinguckt, findet sich das auch in den Bildern dieses Comics, dessen Seiten man am liebsten alle vergrößert einrahmen und an die Wand hängen möchte, nicht wirklich. Es ist nur einfach eine Lesart zwischen den Bildern und Sprechblasen. Okay, statt in Sprechblasen kommen viele Worte wie aus dem Off, wie die Anweisungen eines Erzählers in einem Film noir, ultranoir, Jahrzehnte nachdem die düsteren Filme aus Frankreich Hollywood beeinflussten und wieder zurückgewandert sind, nach Europa, circa 1973. Manchmal sagt der Erzähler, was man eh sieht, öfters, was man ahnt, und immer wieder erwartet man (daher das Lesen oder Interpretieren abseits von Text und Bildern), dass er nicht nur knapp wie mit der Rasierklinge an dem vorbeikommentiert, was man ahnt, sondern weiter geht.

„Die Anspannung wich während der ganzen Fahrt nicht“ ist so einer der Sätze des gegen Lebensende an Agoraphobie leidenden Jazz-Fans Manchette, und der – wie andere – Profikiller Manchettes wie von Magenkrämpfen gebeutelte Terrier macht da keine Ausnahme. Die als Comic „Im Visier“ von Jacques Tardi exzellent inszenierte Geschichte basiert auf Jean-Patrick Manchettes – mit vierzig – letztem vollendetem Roman „Die Position des schlafenden Killers“ (Bastei-Lübbe, 1989. ISBN 3-404-19137-4), vor ein paar Jahren neu übersetzt und veröffentlicht als „Position: Anschlag liegend“ (Distel, 2003. ISBN 3-923208-65-0). Liegend sind in der Graphic Novel übrigens eher andere als Terrier, und wenn sie noch atmen, sind sie in der Position recht hübsch.

Natürlich eine DS

Zurück zur Gangart, dem Weitergehen. Beim Killen. Weiter und schneller auch beim Davonrasen. Das erste Bild im Buch, der französische Killer am Steuer seines Citroën DS, das Bild zur Titelei ist wie ein Echo auf das Plakat zu dem Film „Polar – Unter der Schattenlinie“ (Regie: Jacques Bral, nach dem Roman „Volles Leichenhaus“). Der Killer, der aussteigen will, muss dauernd weg, immer weiter. Verfolger sind gelegentlich auch in Autos hinter dem Antihelden zu erkennen, und weiter geht es fast nonstop. In jeder Hinsicht. Terrier will nicht mehr weitermachen, andere Kräfte – frühere Auftraggeber, Opfer? – vereiteln den erwünschten Ruhestand. Warum auch? Terrier beherrscht sein Handwerk wie ein Profi, gewährt uns auch Einblicke in ein paar Tricks – nur ist an ihm eben nichts so nett wie an Jean Reno als Leon. Fatal wird Terriers Hang zu der Jugendliebe. Nun, zehn Jahre später – er zwar immer noch Abkömmling der Unterschicht, Vater an Armut und Suff verreckt – ist ihr schwarzes Haar nicht mehr so lang, die Leidenschaft der jugendlichen Alice Freux wurde von der Zeit gezeichnet, Jahre als verwöhnte, gelangweilte Industriellengattin ziehen bei ihr die immer noch betörenden Mundwinkel nach unten – und auch anderes hat an der ursprünglichen, jugendlichen Leichtigkeit verloren. Ist aber auch immer noch betörend, wie es eben düster dreinblickende femme fatales so sein können. Verheiratet mit Schrader, der in der Firma ihrer Eltern führend und jovial ist, sie blasé in ihrem Mini-Cooper unterwegs. Zu Terrier. Ins Hotel. Und er? Als Söldner ausgebildet und reich geworden, bleibt seinen Gefühlen von vor zehn Jahren treu. Stur. Auch dem Entschluss, als Killer auszusteigen, bleibt er treu. Wie soll das enden? Es endet wie ein Film oder Roman oder wie ein Comic, der nachwirkt. Exzellent.

… wie Jazz

Kurz: Die Tristesse und die Leidenschaft ist so wunderschön tiefschwarz wie der Blues, treffender noch: wie der Jazz, der überall funktioniert, auch deplatziert in La Pigalle, Paris, zwischen dem Neon und den Strippern. Und dabei wird alles in kurzen, knappen Kadenzen, lauter kleinen Bildchen vorgeführt. Très magnifique!

Matthias Penzel

Jacques Tardi/Jean-Patrick Manchette: Im Visier. (La position du tireur couché, 2010). Deutsch von Stephan Pörtner. Zürich: Edition Moderne 2011. 106 Seiten. 24,00 Euro. Verlagsinformationen zum Buch.