Geschrieben am 3. Dezember 2014 von für Bücher, Litmag

Hans Magnus Enzensberger: Zett oder Brosamen, die er fallen liess, aufgelesen von seinen Zuhörern & Tumult

Enzensberger_ZDialog mit der eigenen Vergangenheit

– Fade Brosamen & toller Tumult von Hans Magnus Enzensberger. Von Wolfram Schütte.

In Ehren ergraute große Autoren stehen sich manchmal im Alter selbst im Wege, weil sich vom Verlag keiner mehr getraut, ihnen zu widersprechen, wenn sie sich überschätzen.

Das ist jetzt Hans Magnus Enzensberger passiert, der in diesem Herbst, wie schon im Jahr zuvor, gleich mit zwei Büchern seine fortdauernde Präsenz dokumentiert sehen möchte. Das kann sich wohl niemand unter den Suhrkamp-Autoren erlauben bzw. „leisten“ – außer eben HME, der einmal zu den Flaggschiffen des Verlages gehörte – und in seiner Jugend & auch noch später den Kurs der bundesdeutschen Intelligenz bestimmt hat: ob mit seinen Gedichten, seinen Essays, Reiseberichten & politischen Stellungnahmen. Schließlich erfand & gab er ja auch zu diesem Zweck lange das „Kursbuch“ heraus (& danach nur zwei Jahre das „Journal des Luxus und der Moden“ namens „Transatlantik“).

HME war immer apart – selbst in den letzten Jahrzehnten, in denen der einstige linksradikale Solitär sich zum Konservativen entwickelt hat & wenn auch zuletzt seine Arbeiten nicht mehr den Staub aufwirbelten, den er früher mit jeder seiner brillanten Wortmeldungen zum Tanzen brachte.

In diesem Herbst legt der 85-jährige Autor nun zwei Prosabände vor: „Herrn Zetts Betrachtungen oder Brosamen, die er fallen liess, aufgelesen von seinen Zuhörern“ & „Tumult“, einen „autobiographischer Rückblick“.

Beide sind so etwas wie resümierende Selbstvergewisserungen. Während „Tumult“ Erinnerungsprosa des einst weltumtriebigen Autors bietet, ist „Z“ ungleich aufwendiger gestaltet – & zwar in jeder Hinsicht. Schon immer gehörte es zu den Spezialitäten Enzensbergers, griffige, hintersinnige, vielversprechend-ironische Titel für seine Bücher zu kreieren: wie „Verteidigung der Wölfe“, „Palaver“ oder „Mittelmaß und „Wahn“.

Prosaisches Nasenbohren

Das trifft nun auch auf den Titel „Herrn Zetts Betrachtungen oder Brosamen, die er fallen liess, aufgelesen von seinen Zuhörern“ zu. Im Brevier-Format enthält das 227-seitige Büchlein mit seinem weißen Leinenumschlag eine Vorrede, die natürlich „Statt einer Vorrede“ heißt, wie auch das Nachwort „Statt einer Coda“ betitelt ist. Beides fingiert spielerisch-ironisch akademische Bedeutsamkeit, die sich in den 259 durchnummerierten „Brosamen“ entfalten soll. Literarisch wird die wiederkehrende Situation eines „Herrn Zett“ imaginiert, der umringt ist von wechselnden Zuhörern, die seine Bemerkungen zu Sein & Zeit, Gott & Welt, Dies & Das aufgelesen haben – wie die Jünger von Jesus des „Meisters“ Reden oder wie der Philosoph Platon fingierte, (seinem Alter Ego) Sokrates beim Räsonieren in Athen gelauscht zu haben. Während der Grieche mittels dieser Gesprächssituation sein philosophisches System entwickelte oder die Jünger Jesu als authentische Zeugen die neue Religion mit den Worten des Gekreuzigten begründeten, hat ihr (im besten Sinne schelmischer) Parodist HME nur im Sinn, seine ultimativen Meinungen zu Gott & Welt etc. zum Besten zu geben.

Dabei sind es in der Tat nur „Brosamen“, wenn der Autor auch selbstverständlich darauf spekuliert, mit seinem bloß ironisch gemeinten Understatement de facto hoch hinaus zu kommen. Ist aber leider nicht so.

Wir haben in dem Bändchen weder so etwas wie Enzensbergers „Keuner-Geschichten“ oder „Flüchtlingsgespräche“ (nach B.B.), noch Enzensberger’sche Ansteckungen durch die „Gallistl’sche Krankheit“ Martin Walsers. Auch keine Nietzsche-Nachfolge im Sinne von „Also sprach Herr Z(arathustra)“ ist hier absehbar.

Greifen wir einmal aufs Gratewohl eines dieser Stückchen heraus. Es trägt die Nr. 204 & lautet so:

„Die Kunst, öffentlich zu schweigen, beklagte Z. sei immer mehr in Mißkredit geraten. Den meisten genüge es nicht, eine Lippe zu riskieren; sie müßten dauernd das Maul aufreißen. Die Schar derer, welche die Kunst der Enthaltung beherrschten, werde immer kleiner. „Eine Kunst, von der Sie nichts verstehen“, schrie ein vorlauter Zwölfjähriger, der eine lila Baseballkappe trug. Er war einer der Schüler aus dem nahe gelegenen Gymnasium, die sich manchmal nach der letzten Schulstunde im Park zusammenrotteten, um heimlich einen Joint zu rauchen. Ein mißmutiges Schweigen war Z.s einzige Antwort auf diesen Zwischenruf, der uns einleuchtete.

Das ist weder originell noch witzig. Das Sprachspiel mit Lippe riskieren & das Maul aufreißen täuscht eine differenzierte An- oder Einsicht nur vor, ist aber in der geäußerten Abstraktheit redundant. Auch bleibt es ohne Sinn, dass ausgerechnet ein Zwölfjähriger vorlaut von Z behauptet, dieser selbst halte sich nicht an seine eben geäußerte Einsicht – auch wenn sie unter einer lila Baseballmütze geäußert wird. Woher der Aufschreibende weiß, daß Z mißmutig schweigt & den Zuhörern die Bemerkung des Gymnasiasten einleuchtet, ist für den Leser des Stücks so irrelevant wie überflüssig. Das alles ähnelt eher einem prosaischen Nasenbohren als einer literarisch gelungenen geistigen Erhellung.

Enzensberger_TumultEin diskreter „russischer Roman“ rund um den Erdball

Ganz anders dagegen HMEs „Tumult“. Das ist alles in allem bester „Enzensberger“, wenn nicht sogar „allerbester“, weil der Autor hier Fragmente seiner Autobiografie preisgibt, ohne dass man als sein lebenslanger Zeitgenosse & Leser jedoch auch bei dieser Fokussierung auf die wichtigsten Zeitläufte seiner öffentlichen Biografie zwischen 1963 & 1970 nun das Chamäleon HME besser kennen würde – außer, dass der 85-Jährige, der auf sich als Mittdreißiger zurückblickt, sich heute im Gestus eines milde lächelnden Dandys gefällt, bzw. von den Lesern seines Buches „Tumult“ gerne so gesehen werden möchte.

Von dem zornigen Aufruhr, der sich mit seinem Namen in jenen tumultösen Jahren verband, in denen er gewissermaßen als tänzelnder Freibeuter auf dem Geisterschiff der BRD mit dem „Kursbuch“ die Richtung der intellektuellen westdeutschen Linken von Berlin aus vorgab, ist hier nur das Bild eines Privatiers geblieben, der rund um den Erdball reist, Gott & die Welt kennt & es gewissermaßen im Handumdrehen schafft, daß er von aller Welt eingeladen wird & dadurch seine persönlichen „Probleme mit Hilfe der Geografie“ löst. Die fünf zentralen Jahre seiner biografischen Belustigungen, die er nach Lust & Laune als gewitzten/witzigen Dialog der gelenkigen Figurinen seiner zwei Lebensalter vor uns ausbreitet, zeigen ihn gewissermaßen „on the road“ kreuz & quer auf dem Planeten: Moskau, Berlin, Rom, Indien, Kambodscha, Kuba, Tahiti, Australien sind nur einige geografische Stationen dieses unermüdlich fliegenden HME.

Was seinem Lieblingshelden aus dem „Struwwelpeter“, dem „Fliegenden Robert“, der Regenschirm war, der ihn davontrug, das waren dem „Großen Hans“ die Jets der internationalen Fluglinien. Durch sie – mit dem flüchtigen Brecht zu sprechen – „öfter die Schuhe als die Länder wechselnd“, lebte er seinen „russischen Roman“ gewissermaßen transkontinental. So nennt er die tumultöse Liebesgeschichte mit seiner zweiten Frau, der 13 Jahre jüngeren Mascha, die er 1966 auf seiner zweiten Reise durch die Sowjetunion kennenlernte, in Moskau heiratete & von der er sich 1980 in London scheiden ließ, wo sie sich 1991 das Leben nahm.

Selbstverständlich ist dieser von dem alten Herrn nun erwähnte „Amour fou“ zu dem „armen, dummen, kleinen Mädchen“ (so ihre Mutter) eher wortwörtlich als literarisch zu verstehen. Obwohl sie lange an seiner Seite lebte (& er als wesentlich Älterer von ihr „bezaubert“ war), malt der sich erinnernde die turbulente Ehe nun nachträglich nicht zum psychologisch-erotischen „Roman“ aus. Erotik spielt – im Gegensatz zum Kollegen Walser – bei dem virtuosen Zerebralakrobaten HME eine eher private Rolle. Da ist er diskret – obwohl ihm heute daran liegt, seiner bislang weitestgehend politisch wahrgenommenen Schriftsteller-Existenz in jenen Jahren einzig seine privaten, meist auf Mascha bezogenen Motivationen herauszustellen. So erklärt er nun, dass sein damals spektakulär inszenierter Abschied von den USA – wo er gerade mit Mascha höchst angenehm & lukrativ aufgrund einer großzügigen Einladung in der Wesleyan University lebt – weniger mit dem als Vorwand von ihm missbrauchten Vietnamkrieg der USA zu tun hatte, als mit der provinziellen Langweile in Connecticut & dem Versprechen eines Abenteueraufenthalts auf Kuba, wohin sich die beiden erwartungsfroh anschließend begaben.

Allerdings war Hans Magnus Enzensberger, wo immer er sich zeitweilig politisch oder geografisch aufhielt, nie ein kommunistischer Fellow-Traveller. Kokett nennt er sich heute selbst den „der schlechtesten Genossen, der es nie zum Mitglied gebracht hat“ – & der sofort die „Kommune 1“, in der sein jüngerer Bruder war & die sich in seiner Berliner Wohnung während seiner weltweiten Abwesenheiten einquartiert hatte, rausgeschmissen hat. Auf den Fotos von Demos, auf denen Dutschke, Marcuse et al. prominent zu sehen waren, taucht HMEs spitzbübisches Gesicht nicht auf – weil er meist zur gleichen Zeit gar nicht anwesend war, oder weil er es vorzog, „in der Kulisse zu bleiben“. In den paar Seiten „Postscripta 201“ hat er knapp & trocken annotiert, was aus alle denen wurde, die sein damaliges Leben farbig machten. „Den Verschwundenen“ ist das Enzensberger’sche Erinnerungskonvolut gewidmet.

Mit „Tumult“ schenkt der ebenso gut gelaunte wie nach wie vor (im Carl Schmitt’schen Sinne) souveräne 85-Jährige, der hier mit literarischer Brillanz über den „Ausnahmezustand“ seines mit Verve & Fortüne geführten Lebens verfügt, einen hochkonzentrierten, von Sentimentalitäten & Pathos freien Rückblick auf die alles in allem glücklichen Jahre der europäischen „heimatlosen“ Neuen Linken, als deren deutscher „Sturmvogel“ der unfassbar beschwingte, eloquente, blitzgescheite & (das muss auch gesagt werden:) charmante Hans Magnus Enzensberger in jenen fernen Jahren fungierte.

Wolfram Schütte

Hans Magnus Enzensberger: Zett oder Brosamen, die er fallen liess, aufgelesen von seinen Zuhörern. suhrkamp taschenbuch. Broschur. Berlin: Suhrkamp-Verlag 2014. 228 Seiten. 8 Euro. Verlagsinformationen zum Buch.
Hans Magnus Enzensberger: Tumult. Berlin: Suhrkamp-Verlag 2014. 287 Seiten. 21,95 Euro. Verlagsinformationen zum Buch.

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