Geschrieben am 27. November 2013 von für Bücher, Litmag

Hannah Rothschild: Die Jazz-Baroness: Das Leben der Nica Rothschild

Rothschild_Jazz BaronessSchmetterling oder Nachtfalter?

Das wilde Leben der Nica Rothschild. Von Christina Mohr.

Vor gut sechs Jahren erschien das faszinierende Buch „Die Jazzmusiker und ihre drei Wünsche“, herausgegeben von den Kindern und EnkelInnen jener Fotografin, Mäzenin und großen Jazzliebhaberin, die Musiker wie Thelonius Monk, Bud Powell und Charlie Parker nicht nur verehrte, sondern ihnen buchstäblich ihr Leben zu Füßen legte. Nica Rothschild fotografierte gefeierte Jazzmusiker und befragte sie nach ihren drei Wünschen, wenn sie welche frei hätten. Gerry Mulligan zum Beispiel wünscht sich, hohe Töne auf der Trompete spielen zu können, Alice McLeod will, dass ihre Tochter einen Uni-Abschluss macht und Miles Davis möchte – weiß sein. Sehr bezeichnend für das „land of the free“, Amerika in den 1950er Jahren.

Kathleen Annie Pannonica Rothschild – oder auch Nica de Koenigswarter, wie sie nach ihrer Heirat hieß, war, um es kurz zu sagen, ein wildes Ding. 1913 in London als jüngstes von fünf Kindern des Barons und Bankiers Charles Rothschild und dessen Gattin Rózsika geboren, stellte durch ihr ungebührliches Betragen schon früh klar, dass sie nicht den Weg gehen würde, der ihr als Nachfahrin einer der berühmtesten und einflussreichsten jüdischen Bankiersfamilien vorgezeichnet schien. Nica war anmaßend und unzähmbar; anstatt nach einem passenden Ehemann Ausschau zu halten, studierte sie Malerei und ließ sich mit Beginn des Zweiten Weltkriegs zur Pilotin ausbilden.

Auf der Suche nach Monk

Pannonicas Name bezieht sich auf einen Schmetterling, den ihr insektenkatalogisierender Vater im Heimatland der Mutter, in Ungarn fand. Später stellte sich heraus, dass der vermeintliche Schmetterling „nur“ ein Nachtfalter war; andererseits sind Schmetterlinge nichts anderes als buntgefärbte (Nacht-)Falter. Ein biologisches Detail, das für Nicas Leben bildlichen Charakter haben sollte. Zwar gebar sie in der Ehe mit Jules de Koenigswarter (sie heiratete also doch – natürlich einen Baron, als Diplomat tätig) fünf Kinder, aber weder Töchter, Söhne, Gatte oder Besitz konnten sie aufhalten, als sie zum ersten Mal „’Round Midnight“ hörte.

Sie musste den Schöpfer dieser wundervollen, fremdartigen, ganz und gar unglaublichen Musik ausfindig machen, koste es, was es wolle! In einem Interview sollte Nica später einmal zu Protokoll geben, dass ihre Ehe daran gescheitert sei, dass Jules „nur Marschmusik“ hörte. Für neuartigen Jazz, wie ihn Thelonius Monk in New York schuf, hatte de Koenigswarter kein Verständnis.

Nica brach alle Zelte in Europa ab, flog nach New York City und machte sich in den Jazzclubs auf die Suche nach Monk – den sie eines Tages auch fand und umgehend zu seiner Förderin und Muse wurde. Dass Monk ein verheirateter Mann und Familienvater war, störte das Arrangement nicht – Monk war zeitlebens stolz auf seine „zwei Frauen“.

Wie weit die Beziehung zu Monk tatsächlich ging, lässt sich nur mutmaßen; gesichert ist, dass Pannonica zeitweise als seine Managerin fungierte, ihm Auftritte verschaffte (sie hatte sich in den Clubs einen Ruf als Kennerin, eben als „Jazz Baroness“ erarbeitet), mit Geld aushalf, seine Drogen und medizinischen Behandlungen bezahlte. Als Rothschild-Erbin war ihre finanzielle Lage  gesichert, sie investierte nicht in Häuser, sondern Jazzmusiker. In der Szene fiel sie auf: die pelztragende Baroness, die mit ihrem Bentley (dem Bebop-Bentley) vor den schäbigsten Läden hielt, immer mit laufendem Motor, falls Monk mal wieder schnell in die Klinik gebracht werden musste.

Jazzfan und –unterstützerin

Anekdoten finden sich reichlich im Buch der Journalistin Hannah Rothschild, das sie über ihre Großtante Nica geschrieben hat – nicht alle sind schmeichelhaft. In der Jazzszene war die reiche Weiße vielen suspekt; ihr Fantum wurde als anbiedernd und aufdringlich empfunden.

Nica lebte mit hunderten von Katzen, nach denen es in ihrem Haus, dem „Cathouse“ bestialisch stank – und doch wurde es zur Herberge vieler mittelloser Jazzer, die von der Baroness unterstützt wurden.

Nachhaltige und traurige Berühmtheit erlangte Nica, als Charlie „Bird“ Parker unter ungeklärten Umständen 1955 in ihrer Hotelsuite starb; doch bis heute ist sie Jazzfans als potente Unterstützerin Thelonius Monks ein Begriff, dessen Genialität sie erkannte und an die sie glaubte, als kaum jemand anderes das tat.

Mehr als zwanzig Songs sind für Pannonica geschrieben worden (unter anderen von Donald Byrd, Doug Watkins Art Blakey, Sonny Rollins und natürlich Monk), deren filmreifes Leben nun endlich zwischen zwei Buchdeckel gepackt wurde. Dass in Hannah Rothschilds Arbeit neben dem Porträt des Schmetterlings, der eigentlich ein Nachtfalter war, auch viele (sehr viele) Facts und Trivia über die Rothschild-Dynastie im Allgemeinen zu lesen sind, sei der Journalistin und Buchautorin verziehen – „Die Jazz Baroness“ wird so zu einem gehaltvollen Streifzug durch die jüngere Geschichte.

Christina Mohr

Hannah Rothschild: Die Jazz-Baroness: Das Leben der Nica Rothschild. Übersetzt von Hainer Kober. Berlin Verlag 2013. 352 Seiten. 19,99 Euro. eBook 15,99 Euro.

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