Posted On 30. April 2014 By In Bücher, Litmag With 672 Views

Hakan Günday: Extrem

guenday_hextremAuf die harte Tour

–Hakan Gündays Protagonisten sind zum Leiden verurteilt – mit extrem wenig Hoffnung auf Erlösung. Von Andreas Pittler

„Damit bekam Derda zum ersten Mal eine nackte Frau zu sehen. Beim Blick auf seine Mutter, die er zuerst zerstückelt hatte und anschließend auszog.“ Es sind Sätze wie dieser, die Hakan Gündays „Extrem“ (im türkischen Original „az“, was soviel wie „wenig“, „geringfügig“, aber auch „ein bisschen“ bedeutet) kennzeichnen. Der lapidaren Feststellung folgt das eigentlich Schockierende auf dem Fuß. Wie zum Beispiel beim Bericht über den Ausgang eines Attentats: „Er starb zwar nicht, lebte aber fortan mit einer Kugel im Kopf. Einer Kugel, die ihm weder erlaubte, seinen Namen zu sagen, auf den Beinen zu stehen, einen Finger zu rühren, noch die Pupillen zu bewegen.“

Die Geschichte, die Günday erzählt, hätte das Zeug zum Märchen. Sie handelt von einer jungen ostanatolischen Türkin namens Derdá und einem jungen Türken aus Istanbul, der ebenfalls Derda (nur eben ohne Akzent) heißt. Beiden spielt das Leben zu Anfang übel mit. Derdás Mutter wird schon vor der Geburt vom Kindesvater verlassen, so dass sie die Tochter, als sie sich nicht mehr zu helfen weiß, mit elf Jahren an einen islamistischen Gangster verheiratet, der das Kind nach London mitnimmt. Dort erlebt Derdá den ganz normalen Wahnsinn klassischer Bigotterie. Ihr Mann ist ihr Peiniger, der sie gleichsam in Gefangenschaft hält, sie missbraucht und misshandelt. Als dieser aber im Zuge seiner kriminellen Machenschaften von rivalisierenden Gangstern ermordet wird, gelingt Derdá die Flucht. Sie kann sich aus dem islamistischen Umfeld lösen, gerät allerdings in neue Abhängigkeiten. Erst als sie eine Sozialarbeiterin auf- und an Kindes statt annimmt, beginnt für Derdá die wahre Emanzipation, die sie mit 28 zu einem abgeschlossenen Hochschulstudium führen wird.

Derda wiederum muss erleben, wie das Leben seines Vaters durch eine Gefängnisstrafe ruiniert wird. Wenig später ist auch die Mutter tot, und Derda landet am Istanbuler Friedhof, wo er auf recht zweifelhafte Weise sein Überleben sichert. Doch auch für Derda wendet sich eines Tages das Blatt, als er einen lukrativen Geschäftszweig findet, mit dem er die trostlose Existenz als Obdachloser hinter sich lassen kann. Er bringt sich selbst Lesen bei, doch beginnt er sich dabei so sehr mit dem von ihm verehrten Dichter Oguz Atay, an dessen Grabstein er einst „zu Hause“ war, zu identifizieren, dass er meint, diesen rächen zu müssen – was Derda prompt ebenfalls ins Gefängnis bringt.

Derda lässt auch hinter Gittern die neu erwachte Leidenschaft für die Literatur nicht los, so wie im fernen Britannien Derdá zur Literaturexpertin geworden ist. Die Literatur ist sohin nicht nur der Schlüssel zu beider Menschwerdung, sie ist natürlich auch das Band (und zwar wiederum durch Oguz Atay), das die beiden am Ende des Romans zusammenführen wird.

Es gibt kein Wegschauen

Hakan Günday ist in der Türkei ein bekannter Autor. So bekannt, dass sein Name auch jenen geläufig ist, die eigentlich nicht zu Büchern greifen. Das liegt nun weniger an seinen Romanen, die gleichwohl oft genug in den türkischen Bestsellerlisten landen, sondern am öffentlichen Auftreten des 38jährigen. Der lässt nämlich keine Gelegenheit aus, zu polarisieren. Insofern scheint der deutsche Titel seines jüngsten Werkes auch gut gewählt, denn die Standpunkte Gündays sind in aller Regel „extrem“, und „extrem“ ist auch die Sprache, mit der er seine Geschichten erzählt. Günday zwingt seine Leserschaft, jedes noch so abstoßende Detail wahrzunehmen. Es gibt kein Wegschauen – höchstens für die Sonne: „Es war die längste Nacht in der Geschichte, denn die Sonne schämte sich aufzugehen.“ Kompromisslos führt der Autor die Konsequenzen der im Roman geschilderten Taten vor Augen, die einem, selbst wenn man selbige schlösse, nicht verborgen bleiben können.

Man kann sich daran stoßen, dass manche Sequenzen unrealistisch, ja sogar unlogisch sind, man mag auch einwenden, dass die drastische Schilderung von Mord und Vergewaltigung, von sexueller und sozialer Erniedrigung in dieser „extremen“ Form nicht nötig ist, da man den Kontext und die Aussage auch ohne diese unappetitlichen Passagen zu begreifen in der Lage ist. Doch Günday mag es ganz offensichtlich plakativ. Offenbar will er uns seinen Standpunkt im Wortsinne einhämmern, und bei manchen Zeitgenossen mag dies auch der einzige Weg sein, ihnen einen Sachverhalt zu verdeutlichen. Es ist allerdings zweifelhaft, ob Gündays Roman diese Zielgruppe auch erreicht.

Andreas Pittler

Hakan Günday: Extrem (AZ, 2011). Übersetzt von Sabine Adatepe. Btb, München 2014. 415 Seiten. 19,99 Euro.

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