Posted On 15. Mai 2017 By In Bücher, Comic, Crimemag With 419 Views

Graphic novel: Jiro Taniguchis „Venedig“

Cover

Die Stadt verschwimmt

Von Katrin Doerksen

Zuerst sucht Jiro Taniguchis Spaziergänger einen Ort auf, der bei den meisten Venedigreisenden auf der Prioritätenliste ganz oben steht: San Marco, majestätisches Zentrum venezianischer Machthaber, der ausladende Beginn des Canale Grande. Taniguchis Spaziergänger verschafft sich einen Überblick. Vom Campanile aus überblickt er die ganze Stadt, bevor er sich in das Gewirr der Gassen stürzt: San Marco, San Polo, Cannaregio. Es ist ein sehr strategisches Vorgehen, ein typisch Touristisches.

venedig_01Das könnte daran liegen, dass Venedig, der letzte Comic des japanischen Autors und Zeichners Jiro Taniguchi, ursprünglich als Auftragsarbeit begann. Für seine Travel Book-Reihe schickt der Modekonzern Louis Vuitton regelmäßig Künstler und Illustratoren in fremde Städte, lässt sie die unbekannte Umgebung in ihrem eigenen Stil portraitieren. Taniguchis Version von La Serenissima erinnert zuallererst an seine Flaneurcomics, Vertraute Fremde oder Der spazierende Mann. Auf seinen ausdrücklichen Wunsch hin durfte er den normalerweise lediglich aus Bildern bestehenden Reiseführer mit einer Handlung versehen. Seine Geschichten fühlen sich ohnehin meist nach Fragmenten an, Vignetten eines irgendwo existenten Dasein, wie zufällig in gezeichneter Form in einem Buch gelandet. So schickt Taniguchi seinen Spaziergänger diesmal auf eine Entdeckungsreise in die eigene Vergangenheit. Er folgt den vergilbten Venedigschnappschüssen, die er nach dem Tod seiner Mutter in einer metallenen Schatulle findet.

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In einer Stadt wie Venedig lassen sich Klischees kaum vermeiden, gewissermaßen lebt sie ja davon. Natürlich zeichnet Taniguchi Tauben auf dem Markusplatz, im Wind flatternde Wäsche, die Reflexionen von Gebäuden und Brücken auf der Wasseroberfläche. In einem Panel lässt er seinen Spaziergänger auch das hell erleuchtete Schaufenster seines Auftraggebers passieren. Aber weder erschöpft sich Venedig in fotorealistischen Postkartenmotiven, noch in vermeintlich subjektiven Details. Taniguchi ist an einem Gesamteindruck der Stadt interessiert. Von den Hotspots ausgehend beschreibt er Kreisbewegungen bis hinein in die touristischen Peripherien. Die von echten Venezianern bevölkerten Plätze Dorsoduros, die stillen Ecken des jüdischen Viertels. Venedigs Müllproblem, die Menschenmassen, die marode Baustruktur verschwimmen in seinem Aquarellstil zu wässrigen Silhouetten. Aber es verschwimmt auch der Blick hinüber zu den Nachbarinseln, die Antipastiplatte und die Minestrone. Es scheint, als wären der Stein, all die Eichenpfähle und Touristenmassen für Jiro Taniguchi nur Fortsetzungen des Wassers in einem zufällig anderen Aggregatzustand.

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Im Nachwort zu Venedig erzählt Jiro Taniguchi vom Entstehungsprozess seines Werkes. Umso spannender, da aus der am Ende angedeuteten Fortsetzung nun doch nichts wird: Taniguchi starb am 11. Februar 2017 in Tottori. Im Nachwort beschreibt er eine Methode, sich einem Ort erst in der Theorie und von Weitem zu nähern, ihn sich ausdauernd zu erlaufen und das Gesehene schließlich in eine Abstraktion umzuwandeln: alles beginnt mit der Lektüre unzähliger Bücher, Reiseführer, Fotobänder. Nach der Reise sortiert er die Stapel eigener Fotos, trifft eine zur Handlung passende Auswahl, entwickelt ein grobes Textlayout und die erste Rohfassung. Seine Arbeit unterscheidet sich im Grunde nicht allzu sehr von der eines beliebigen Venedigreisenden. Ich selbst fliege im April 2017 für ein paar Tage in die Lagunenstadt. Jiro Taniguchis Venedig bildet den zentralen Punkt meiner Reisevorbereitungen. Erst als ich hinterher meine eigenen Fotos neben die Zeichnungen Taniguchis lege, bin ich wirklich baff. Er hat nicht jeden Stein und jedes Gebäude exakt reproduziert. Verblüffend ist aber, wie treffend er eine ganz bestimmte Essenz des Bildes von Venedig einfängt: das trübe Aquamarin des Wassers in den Kanälen. Das von kühlem Neonlicht beleuchtete Innere der Vaporetti. Wie winzig alles wird, wenn ein Kreuzfahrtriese sich zwischen den Inseln hindurch quält. Den blassblauen Frühlingshimmel. Das von Giudecca aus beobachtete Abendglühen. Wie bleich der Steinboden des Campo Santa Margherita im direkten Sonnenlicht erscheint.

Katrin Doerksen

Jiro Taniguchi: Venedig. Graphic novel. Carlsen Verlag, Hamburg 2017. Gebundene Ausgabe, 144 Seiten, 29,90 Euro. Eine kleine Auswahl von Taniguchis graphic novels hier. Eine kleine Venedig-Remininszenz von Gisela Trahms findet sich in unserem Jahresrückblick 2016.

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