Geschrieben am 29. März 2010 von für Bücher, Litmag

Gino Chiellino: Landschaft aus Menschen und Tagen

Auf dem Weg zum Wir

Carl Wilhelm Macke über die Gedichte des italienisch-deutschen Schriftstellers Gino Chiellino.

Zunächst eine Irritation. Man nimmt diesen wie gewohnt in eleganter Nüchternheit gestalteten Band aus der „Edition Lyrik Kabinett“ zur Hand, liest einige Gedichte und sucht nach Angaben über den Übersetzer. Drei Gedichte sind zudem in italienischer Sprache verfasst, aber nicht übersetzt. Eine mangelhafte Sorgfalt des Verlages? Nein!

Zwar wurde Gino Chiellino in Kalabrien, tief unten im Süden Italiens geboren, aber seine Geburtsheimat ist schon lange nicht mehr sein ständiger Aufenthaltsort. „Ich verlasse deinen Körper/ für die Sprache einer Geliebten.// Deiner Stimme abgewandt,/ mit dem Rot eines tauben Morgengrauens,/ an schlafenden Hügeln vorbei,/ falle ich ins Leben zurück“ (das Gedicht „Abschied von Calabria“).

Seit über dreißig Jahren lebt Chiellino nun schon im Norden in Deutschland. Schreibt in der Sprache seines neuen, selbst gewählten Aufenthaltsortes. Ob es aber eine neue Heimat geworden ist, lässt er offen: „Auf dieses Jahr/ auf diesen Monat/ auf diesen Tag/ auf diese Minute/ haben er und ich jahrelang gewartet./ Ich unterschreibe mit meinem Namen,/ er hebt das Blatt auf, und/ wir verlassen den Raum, zu dem ich nicht mehr gehöre.“ (das Gedicht „Einbürgerung“ ). Wer ist „er“ und wer das „Ich“? „Wir verlassen den Raum, zu dem ich nicht mehr gehöre …“

Europäisch oder global geprägt?

Foto: Homepage von G.C.

Mit diesen kurzen biografischen Andeutungen sind wir bereits inmitten des Lebensthemas von Chiellino, der nicht nur mit seiner Lyrik, sondern auch mit vielen didaktischen Veröffentlichungen versucht, die Identität eines zwischen verschiedenen Sprachkulturen hin- und hergetriebenen Menschen in Worte zu fassen. Seine Mutter war eine Weberin und sie hat ihm mit ihrem geduldigen Handwerk das Einfädeln von neuen Worten in seine Sprache, das Weben zwischen verschiedenen Sprachen gelehrt. „Als Fremder hatte ich mich in die deutschsprachige Lyrik der 70er Jahre nur durch die Stille des inneren Monologes einweben können.“ Längst hat der Autor die Grenzen traditioneller „Emigranten-Lyrik“ überwunden und sucht nach einem „neuen, befreiten Wir“ einer gemeinsamen Zugehörigkeit aller derer, die in der deutschen Sprache leben.

Gino Chiellino ist mit seinen Gedichten auf dem Weg zu einem „Wir“, mag es nun europäisch oder noch mehr global geprägt sein. Mit einer „Emigranten-Lyrik“ der alten Bundesrepublik haben diese Gedichte nichts mehr zu tun, aber sie erinnert noch an diese Zeit, zum Beispiel in „Nachruf“: „Sie lernten rasch, den Weg zwischen Baracke und Bahnhof zu gehen/ Das Jahr teilten sie gegen die vertraute Ordnung der Jahreszeiten neu ein./ mit 16 Arbeitsstunden täglich wurde ihnen der Tag zur Nacht.“ Aber das sind heute Geschichten aus einer anderen Epoche.

In den Gedichten von Chiellino spürt man noch den feinen Staub jener Zeit der Ankunft in der Fremde und gleichzeitig deutet sich da ein neues „Wir“ an, das noch nach einer neuen Sprache sucht. „Wir verlassen den Raum, zu dem ich nicht mehr gehöre …“

Carl Wilhelm Macke

Gino Chiellino: Landschaft aus Menschen und Tagen.
Edition Lyrik Kabinett.
Hanser Verlag 2010. 80 Seiten. 14,90 Euro

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