Georges Bataille: Nietzsche und der Wille zur Chance


Ein Brennen und Verzehren

Georges Batailles 1944 geschriebenes Nietzsche-Buch ist bis heute eines der radikalsten und subjektivsten Annäherungen an jenen Philosophen, der mit seinem Diktum des „Gott ist tot“ ein neues Zeitalter des Denkens eröffnete.

Bataille belässt es „In Nietzsche und der Wille zur Chance“ bei weitem nicht bei einer diskursiven Interpretation, sondern lässt uns Zuschauer bei dem Versuch werden, Nietzsches Philosophie konsequent zu leben, „bis zum Ende des Möglichen zu gehen, wozu sie auffordert“.

Nietzsche und Bataille sind zunächst einmal in der zentralen Frage vereint, wie der Mensch zu einer aus sich selber schöpfenden und gleichzeitig sich selber übersteigenden Ganzheit gelangen kann. Beide gehen davon aus, dass das Leben nur ganz sein kann, „wenn es nicht einem bestimmten Zweck, der über es hinausweist, unterworfen ist“. Dies ist auch eine – in den praktischen Konsequenzen kaum abzusehende – Absage an das zweckrationalistische Denken und Handeln, an das bewusste Wollen und Streben unter der Perspektive der Zukunftssicherung.

An Stelle dessen tritt das von Nietzsche insbesondere in der Zarathustra-Metaphorik hervorgehobene Spiel und die darin enthaltene, nie zu kalkulierende Chance. „Alleine das Spiel“, so Bataille, hat „die Kraft, das Mögliche weitestgehend zu erkunden“. Nur ohne Einschränkungen durch Zweck und Ziel, Moral und Gebot ist die ganze Dimension des Lebens auszuloten und auszukosten.

Über Nietzsche hinausgehend und diesen verkürzend erweist sich Bataille in diesem Abschlussband der nun erstmals komplett auf Deutsch erschienenen „Atheologischen Summe“ allerdings auch als ein Prophet der Ausschweifung und Verzehrung, der orgiastischen Sinnlichkeit. Dionysisch definiert der den ganzen Menschen so als einen Mensch, „dessen Leben ein ‘unmotiviertes’ Fest ist… ein Lachen, ein Tanz, eine Orgie…“ Immer wieder umkreist und ertastet Bataille dabei die Möglichkeit einer mystisch-ekstatischen Erfahrung ohne Gott. Er visiert und visioniert ein Gipfelerlebnis, zu dem der Ausschweifende nur gelangen kann, wenn er nicht die Absicht dazu hat – in einem sich selbst genügenden Brennen und Verzehren.

Batailles mit einem konzisen Nachwort von Gerd Bergfleth versehenes Nietzsche-Buch ist ein auch heute noch hoch spannender und inspirierender (Selbst-) Versuch ohne diskursives Netz und doppelten Boden. Nach einer systematischen Einleitung sucht er hier seine „Chance“ im aphoristisch-essayistischen Würfelwurf, im Erkenntnisblitz und Paradox. Dem Leser macht er es dabei nicht immer leicht und insbesondere seine mystische Vision bleibt von Nebelschwaden und Blendgranaten umwallt. Hier erweist sich wieder einmal die Schwierigkeit außersprachliche Phänomene und Erfahrungen mit Worten zu erfassen und schlüssig darzulegen. Schon Wittgenstein hat daraus eine durchaus bedenkenswerte Konsequenz gezogen: „Der Rest ist Schweigen.“

Karsten Herrmann

Georges Bataille: Nietzsche und der Wille zur Chance. Aus dem Französischen von Gerd Bergfleth. Matthes & Seitz Berlin, 392 S., 34 Euro.

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