Posted On 28. November 2012 By In Bücher, Litmag With 980 Views

Gaito Gasdanow: Das Phantom des Alexander Wolf

In einem Atemzug mit Nabokov

– Gaito Gasdanow versetzt uns mit dem 1947 erschienen Roman in die Zeit des russischen Bürgerkriegs. Gisela Trahms hat den nun erstmals in Deutsche übersetzten Klassiker gelesen.

Ein russischer Autor, geboren 1903 und damit derselben Generation angehörig wie Nabokov, schrieb Mitte der vierziger Jahre in Paris einen Roman, der in einer in den USA erscheinenden Zeitschrift gedruckt wurde. International also, sollte man meinen, aber das Gegenteil war der Fall: Gaito Gasdanow schrieb russisch, die Zeitschrift wurde von Exilrussen herausgegeben und nur von Exilrussen gelesen. So blieb das Buch eingeschlossen in die Enklave einer Emigrantenliteratur, die nach dem Zweiten Weltkrieg dem Untergang entgegen dämmerte. Dass er seine Muttersprache beibehielt, reduzierte das Echo auf Gasdanow zu einem Flüstern.

Dennoch ist schwer vorstellbar, dass „Das Phantom des Alexander Wolf“ 65 Jahre lang unbeachtet geblieben wäre, wenn es sich tatsächlich um einen „der großen Romane der Weltliteratur“ handelte, wie auf dem Cover verkündet wird. Große Worte, überlaut trompetet. „Ein spannender, abgründiger Seelenkrimi“ lesen wir ein paar Zeilen vorher. Diese für den Hanser – Verlag eigentlich untypische Banal-Formulierung trifft es schon besser, wenn man das „spannend“ nicht an heutigen Maßstäben misst und den Abgrund nicht zu tief denkt.

Gaito Gasadnow 1934. Fotograf unbekannt.

Gaito Gasdanow hat Heftiges erlebt. Als Sechzehnjähriger meldete er sich freiwillig bei den Weißgardisten und erfuhr die Schrecken des russischen Bürgerkriegs. In ihm nimmt auch die Handlung des Romans ihren Ausgang: der Ich-Erzähler schießt in Notwehr auf einen feindlichen Reiter und glaubt, ihn getötet zu haben. Jahre später, in Paris, liest er eine Erzählung, die nur von jenem Reiter stammen kann, und begibt sich auf die Suche nach seinem vermeintlichen Opfer.

Das scheint reizvoll ersonnen, entwickelt sich aber zunehmend zäh. Je länger die Geschichte dauert, desto konstruierter wirkt sie, und als dann der Gesuchte endlich gefunden ist, wird das Potential der Begegnung verschenkt an die durchaus läppische Beschreibung einer gemeinsamen Sauftour durch Montmartre. Der finale Knall ist mehr als absehbar. Was aber vor allem stört, ist das Ungleichgewicht der Szenen, ihre mangelnde Integration in einen Zusammenhang. Seitenlang ein Boxkampf samt Theorie des Boxens, dessen Funktion einzig darin besteht, Held und Heldin aufeinander treffen zu lassen. Gegen Ende ein aus dem Hut gezauberter Gangster wie aus dem Groschenheft – Disparates, Gesuchtes, Skizzenhaftes, Geglücktes, Verfehltes.

Die Kritik, von Lothar Bisky bis Iris Radisch, las es anders. Groß und allgemein war die Begeisterung, als das Buch im August erschien. Vielleicht verdankt sich die positive Aufnahme auch der Sympathie für die Übersetzerin Rosemarie Tietze, die gewiss Außerordentliches geleistet hat und deren Renommee auf die Güte des Originals zurückstrahlte. Iris Radisch etwa spricht von der Warmherzigkeit des Buches, die ich nirgends entdecken konnte: warmherzig wirkt Frau Radisch selbst in ihrem Preislied auf das Buch. Mir erschienen die Personen teils klischeehaft, teils geradezu abstoßend: Jelena etwa, die weibliche Protagonistin, in die sich der Ich-Erzähler verliebt, ist eine junge, wohlsituierte Witwe, die ihre Zeit mit nichts verbringt und sich per Taxi durch die Pariser Verrucht-Quartiere kutschieren lässt, um Elend und Prostitution anzustarren. Das wäre zu ertragen, wenn nur ein Hauch von Distanz in der Schilderung spürbar wäre – aber ersichtlich soll nur die „Rätselhaftigkeit“ der Schönen betont werden, es soll sie „modern“ und „interessant“ machen. Dabei hätte es solcher Mätzchen nicht bedurft, da Jelena, ihre speziellen Reize und Liebeseigenheiten auch in einigen durchaus glänzenden Passagen beschrieben werden.

Alle Rezensionen bemühen den Vergleich von Gasdanow und Nabokov, die (sehr oberflächliche) Verwandtschaft ihrer Lebensläufe legt es nahe. Tatsächlich erinnern einige Abschnitte des „Phantoms“ an den Großen Vladimir, es gibt brillante Sätze. Man darf sich allerdings nicht vorstellen, was Nabokov aus der Geschichte gemacht hätte.

Dessen Ruhm schon zu Lebzeiten beruht nicht zuletzt auf seinem Sprachwechsel ins Englische – hätte Gasdanow französisch geschrieben, wäre es ihm vielleicht gelungen, sich in der  Pariser Literaturszene einen Platz zu erobern. Er hätte nicht Taxi fahren und sich mit allen möglichen Jobs durchs Leben schlagen müssen, was sicher zur Sprunghaftigkeit und Zerrissenheit seines Schreibens beitrug. Gasdanow gehört zu der großen Schar jener, die im mörderischen Chaos des zwanzigsten Jahrhunderts zwar ihr Leben retteten, aber um die Entfaltung ihres Talents betrogen wurden.

Gisela Trahms

Gaito Gasdanow: Das Phantom des Alexander Wolf. München: Carl Hanser Verlag München 2012. 192 Seiten. 17,90 Euro. Verlagsinformationen zum Buch.

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