Geschrieben am 7. November 2012 von für Bücher, Litmag

Gabriele Goettle: Der Augenblick. Reisen durch den unbekannten Alltag

Versammeltes weibliches Wissen

– Für ihre in „Der Augenblick“ versammelten Reportagen hat Gabriele Goettle 26 sehr unterschiedliche Frauen getroffen und sich mit ihnen über ihre Berufs- und Lebensrealitäten unterhalten. Birgit Haustedt über die so entstandenen „Reisen durch den unbekannten Alltag“.

In ihrem ersten Buch „Deutsche Sitten“ (1991) griff Gabriele Goettle zu ungewöhnlichen Recherchemethoden. Einmal klaute sie drei Säcke Kleiderspenden, die ein Lehrerehepaar für die Arbeiterwohlfahrt auf die Straße gestellt hatte. Dann beschrieb sie detailliert Zustand, Farbe, Material plus Etikett der Hosen, Blusen, Mäntel und was sonst noch drin war. Wie die Reporterin daraus ein Soziogramm dieses Paares entwickelte, war gruselig und lustig zu lesen. Grandios.

Daneben wirkt Goettles neues Buch „Der Augenblick“ konventionell. Sie verzichtet darin ebenso auf spektakulären Investigativjournalismus wie auf effekthascherische Schreibe. Sie interviewt nur Frauen, ergänzt das Ganze mit knappen biografischen Daten und Erläuterungen zu Thema und Ort der Gespräche. Basta. Ganz reduziert und doch überaus wirksam. Die daraus entstandenen Texte, die in der taz wischen 2007 und 2009 veröffentlicht wurden, sind ebenso aufregend wie ihre früheren Arbeiten. Goettle führt uns tatsächlich in einen „unbekannten Alltag“, wie es der Untertitel verspricht. Das beginnt schon bei der Auswahl der Gesprächspartnerinnen. Von manchen Berufen hat man kaum eine Vorstellung – was macht zum Beispiel eine Bienenforscherin, was ist eine Moulagenkünstlerin, weshalb wird eine Frau Bestatterin oder wie arbeitet man in einem Umsonstladen?

Doch Goettle setzt nicht nur auf die Exotik der Berufe. Ihre Kunst entfaltet sich besonders bei Themen, über die schon viel veröffentlicht wurde. Zum Beispiel im Artikel „Produktion von Parias“, in dem es um die Folgen von Hartz IV und die Neuorganisation der Arbeitsämter geht. Tausendmal schon gelesen, was das mit den Arbeitslosen macht, meist aus der Sicht der Opfer. Goettle aber wählt eine andere Perspektive, sie spricht mit einer Agentin dieser Behörde, einer älteren Beamtin, die an der Umstrukturierung beteiligt war. Die Dame möchte anonym bleiben. Das versteht man schon nach ihren ersten Worten. Nach ihren vielen schlechten Erfahrungen seit der Einführung von Hartz IV befragt, korrigiert sie sofort: „Nein, ich mache nicht zahllose, ich mache vor allem eine, grundsätzliche, häßliche Erfahrung, und das ist die der Würdelosigkeit. Die ist quasi schon per Gesetz so angelegt.“ Diese „häßliche Erfahrung“ besteht darin – so die Beamtin –, dass die Sachbearbeiter durch die Reform zu „Mittätern am Sozialraub“ würden. Wie das aussieht und welche Rolle dabei Behörden- und Organisationszwänge spielen, schildert sie in einer Mischung aus Amtsdeutsch – alles wird penibel mit Daten und Gesetzestexten unterfüttert – und persönlicher Betroffenheit. Dabei redet sie sich immer mehr in Rage. Und Goettle? Lässt sie einfach reden. Ihr einziger Kommentar: Sie stellt dem Text ein Zitat von Peter Hartz zur Einführung der Reform voran: „Was für ein glücklicher Tag für alle Arbeitslosen.“

Nicht alle Frauen sind so wütend wie diese Beamtin, doch die meisten sind sehr engagiert und informiert, ob Kioskbesitzerin oder Professorin. Man staunt über so viel versammeltes weibliches Wissen. Oft vertreten die Frauen unbequeme Positionen. Wie die Kulturwissenschaftlerin Anna Bergmann, die über Organtransplantationen forscht, aber erst einmal sehr ausführlich über die Geschichte des Umgangs mit Toten referiert. Denn die heutige Transplantationsmedizin fußt – so Bergmann – auf Leichensektionen, wie sie seit dem 16. Jahrhundert praktiziert wurden. Seziert wurden Hingerichtete, später Arme und Ausgestoßene, denn „normale“ christliche Leichname waren tabu, durften nicht angetastet und zerstückelt werden. Dieses Tabu des Todes veränderte sich mit der Weiterentwicklung der Medizin, der Anatomie und der Chirurgie; man kann sogar sagen, dass sich die Transplantationsmedizin ihre eigene Vorstellung vom Tod geschaffen hat. Mit der ersten Herztransplantation 1967 verschob sich die Todesdefinition vom Herz- zum Hirntod.

Die Feststellung des Todes wurde zwar dadurch viel aufwändiger, aber keineswegs sicherer. Die Diagnostik der Todesfeststellung sei nicht nur kompliziert, sondern auch ethisch fragwürdig, so die Forscherin. Da wird zum Beispiel mit einer langen Nadel in die Nasenwand gestochen, man spült Eiswasser in die Ohren, ein Tubus wird im Rachen hin- und her geschoben. Zweimal untersucht man den Komapatienten auf diese Weise. Wenn er dabei keine Reaktionen zeigt, wird der Tod festgestellt. Danach beginnt man mit der Organentnahme. Währenddessen kommt es oft noch zu Körperreaktionen, zu Zuckungen. Vor der Todesfeststellung wären diese Zuckungen Lebenszeichen, jetzt sind es Todeszeichen. Anna Bergmann: „Würde der Totenschein jetzt erst ausgestellt, müßte als Todesursache Organentnahme angegeben werden.“ Bergmann bringt Beispiel um Beispiel, auch Zweifel von Ärzten, Krankenschwestern und Pflegern. Nicht leicht zu ertragen, was die Forscherin zusammenträgt. Dass Mediziner so etwas nicht gern hören, ist klar. Bergmann vertritt eine Außenseiterposition, auch in ihrer eigenen Disziplin – trotz beeindruckender Qualifikation. Das Interview endet mit dem Satz: „Ich habe keine scientific community, in die ich eingebettet bin, und ich habe dementsprechend auch keine Karriere.“

Nicht alle Beiträge sind so „beklemmend“, wie Goettle selbst findet. Aber viele bringen einen zum Überdenken eigener Haltungen und (Vor-)Urteile. Wie beispielsweise auch der – lustigere – Artikel über Irene Distler. Die meisten Leser werden den Namen nicht kennen, obwohl die Dame Miss Universe und Weltmeisterin ist – allerdings im Bodybuilding. Diese Frau erteilt der Reporterin und uns eine Lektion in Sachen Feminismus. Als Goettle fragt, ob es ihr etwas ausmache, wenn man sie als nicht „normal“, als „nicht weiblich“ bezeichne, antwortet die Bodybuilderin, dass Weiblichkeit eine Haltung und nicht an Äußerlichkeiten festzumachen sei. Dann blickt sie die Journalistin an und sagt: „Oder auch bei Ihnen, Entschuldigung der Bart, was hat denn das mit dem zu tun, was weiblich und männlich ist.“ Darauf Goettle: „Außerdem ein Damenbart, sage ich, und wir lachen.“ So locker wurden selten Weiblichkeitsbilder dekonstruiert.

Goettles Bücher haben viel Anerkennung erfahren. Kollegen wie Enzensberger und Schirrmacher loben sie in höchsten Tönen. Sie erhielt den Ben-Witter-Preis und den Schubart-Literaturpreis der Stadt Aalen. Doch die großen Auszeichnungen für Journalisten wie der Kisch- oder Henri-Nannen-Preis blieben ihr vorenthalten. Goettle hat keine typische Journalistenkarriere gemacht – oder gewählt – weder als Starreporterin noch in irgendeiner Chefredaktion. Ihre Texte entziehen sich gängigen journalistischen Kategorien. Sie arbeitet mit extrem reduzierten Mitteln und schreibt nur, was sie sieht. Aber wie! Zum Beispiel, wie sie Irene Distler schildert: „Beim Einschenken des Kaffees spielen die Muskeln unter der zarten Haut ihres Unterarms.“ So poetisch ist selten über den Körper einer Bodybuilderin geschrieben worden. Das ist mehr als Journalismus und auch mehr als Literatur, fast schon ein eigenes Genre. Den Preis dafür müsste man erst noch erfinden.

Birgit Haustedt

Gabriele Goettle: Der Augenblick. Reisen durch den unbekannten Alltag. Reportagen. München: Verlag Antje Kunstmann 2012. 400 Seiten. 22,95 Euro. Verlagsinformationen zum Buch.

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