Frauen, Mode, Kunst: Eine Sammelbesprechung


Frauen – Mode – Kunst: Eine Sammelbesprechung einschlägiger Bücher und Kataloge von Christina Mohr.

Modeträume aus drei Jahrhunderten

– Die 90-jährige New Yorkerin Iris Apfel ist eine Modeikone: 2005 widmete ihr das Metropolitan Museum of Art eine Ausstellung, seitdem kommt kaum ein Fashionblog ohne Fotos von der alten Dame aus, die fünfzig Jahre lang mit ihrem ebenfalls noch lebenden Gatten eine renommierte Innenausstattungsfirma führte und nicht weniger als neun amerikanischen Präsidenten das Weiße Haus wohnlich und geschmackvoll dekorierte. Was aber unterscheidet Iris Apfel von anderen Ladys, die auch viel Geld für ihre Garderobe ausgeben? Richtig, sie hat Stil. Und zwar einen so eigenen, außergewöhnlichen Stil, der nur zu ihr selbst passt. Würde sich eine andere Frau die typische Apfel-Brille aufsetzen und dazu zehn Klunkerketten um den Hals hängen – sie sähe lächerlich aus. Iris Apfel aber weiß genau, was ihr steht, was ihr gefällt und was sie niemals tragen würde, auch wenn es modisch ist. Apfel würde zum Beispiel niemals Tausende von Dollar für ein Chanel-Kostüm ausgeben, „nur um so auszusehen wie alle anderen“, sähe am liebsten ein Gesetz gegen Touristen in Badeschlappen und rät jeder Frau dringend, es mit der Kleidung so individuell zu halten wie sie selbst.

Die Kultur- und Literaturwissenschaftlerin Gertrud Lehnert hatte möglicherweise Iris Apfel im Sinn, als sie ihr Buch „Frauen mit Stil. Modeträume aus drei Jahrhunderten“ zusammenstellte. Denn auch wenn die Konventionen rund um die Kleiderfrage im 18. Jahrhundert ungleich strenger waren als heute, gab es bereits Vorgängerinnen von Iris Apfel, Frauen, die mit Geschmack und Raffinesse das höfische Diktat aufbrachen: die berühmte Madame de Pompadour zum Beispiel, die mit ihrer geschickt gewählten Garderobe ihre Stellung als Geliebte des Königs hervorhob, ohne sich als ordinäre Mätresse zu deklassieren.

Lehnert stellt die „Frauen mit Stil“ mittels ausgewählter Gemälde von u. a. Tissot, Macke, Degas, Ingres, Caillebotte, de Lempicka, Slevogt, Boucher und vielen anderen vor: Im Mittelpunkt der Bilder stehen keineswegs nur Damen der Gesellschaft wie die bereits erwähnte Pompadour. Man blickt in Ateliers und Schneidereien, beobachtet Näherinnen, Modistinnen, Hutmacherinnen, Vorführdamen (die Vorläuferinnen der Mannequins resp. Models) bei der Arbeit, erkennt die soziologische und kulturhistorische Bedeutung der Mode – und was sie von reiner Bekleidung unterscheidet. Anhand der Mode zeigt sich gesellschaftlicher und politischer Wandel – die Frauen mittendrin und vorn dabei, selbst wenn sie „nur“ auf der Suche nach dem passenden Schuh sind.

Gertrud Lehnert: Frauen mit Stil. Modeträume aus drei Jahrhunderten. Elisabeth Sandmann Verlag 2012. 160 Seiten. 60 Abbildungen. 24,95 Euro. Zur Facebookseite von Iris Apfel.

100 Jahre Fashion

Auch die Londoner Autorin und Hochschuldozentin Cally Blackman betont die kulturelle Bedeutung der Mode: Ihr Buch „100 Jahre Fashion“ umfasst einen knapperen Zeitrahmen als Lehnerts „Frauen mit Stil“, darf aber mit seinen unzähligen Fotos, Illustrationen und Werbeabbildungen schon jetzt als Standardwerk der neuzeitlichen Mode gelten. Die letzten hundert Jahre weisen so viele radikale politische, gesellschaftliche und stilistische Umbrüche auf wie kein anderes Jahrhundert zuvor. Diese Umbrüche spiegeln sich in der Mode – oder werden von ihr vorweggenommen.

Emanzipation und Frauenbewegung werfen ihre Schatten voraus, als das Korsett verschwindet und die „Flapper“ der 1920er-Jahre mit Bubikopf, Zigarettenspitze und locker geschnittenem Charlestonkleid ihr Recht auf Party und Partei einfordern. Fünfzig Jahre später zerstören Vivienne Westwood und Malcolm McLaren mit ihren Fetzenklamotten England´s Dreaming und erfinden den Punk. Noch etwas später trägt Sarah Jessica Parker alias Carrie Bradshaw in „Sex and the City“ ein von Westwood entworfenes Brautkleid und Lady Gaga erscheint in Nicola Formichettis Kreation aus rohem Fleisch bei den MTV Video Music Awards. Will sagen: Es bleibt spannend, auch wenn sich in der Mode längst Retrophänomene zeigen, zum Beispiel das durch Serien wie „Mad Men“ ausgelöste 50er-Revival.

Cally Blackman: 100 Jahre Fashion (100 Years of Fashion, 2007). Aus dem Englischen von Mechthild Barth. Prestel Verlag 2012. 400 Seiten. 400 farbige Abbildungen. 29,95 Euro.

Schiaparelli and Prada

Eine Modeschöpferin, deren Verdienste nicht hoch genug gepriesen werden können, ist die 1890 in Rom geborene Elsa Schiaparelli, auf deren Kreativkonto nicht nur die zeitlos verruchten Parfums „Shocking“ und „Si“ gehen, sondern vor allem so visionäre Kunstwerke der Textilzunft wie der erste trompe-l’oeil-Pullover mit eingestrickter Schleife oder ihr surrealistischer Hut, der aussah wie ein umgedrehter Pumps. Coco Chanel bemerkte über Schiaparelli verächtlich, dass diese ja „nur eine Autodidaktin“ sei, doch wahrscheinlich schwang in dieser Bemerkung ein bisschen Neid Chanels mit über die Kühnheit und außerordentliche künstlerische Begabung der Konkurrentin.

Schiaparelli eröffnete 1928 ihren ersten eigenen Laden, begeisterte sich für Surrealismus und Dada, kooperierte mit Dali und Cocteau, kleidete Stars wie Anita Loos, Greta Garbo, Joan Crawford und Mae West ein und galt als explizite Feministin. Ihr außergewöhnlicher, exzentrischer Zugang zur Damenoberbekleidung und deren ständige Neudefinition waren revolutionär – und sind es bis heute. Es ist offensichtlich, dass sich Madonnas und Lady Gagas Designer von Elsa Schiaparellis Entwürfen inspirieren lassen. Das Metropolitan Museum of Art widmet Elsa Schiaparelli eine Doppelausstellung mit Miuccia Prada, die zwar erst in den späten 1980er-Jahren mit ihrer Arbeit begann, für das Ansehen italienischer Mode in der Welt mindestens so wichtig ist wie Schiaparelli, bekannter ist die Marke Prada allemal.

Die Yale University Press verlegt den Ausstellungskatalog, der selbst ein veritables Kunstwerk ist: Unter dem Titel „Impossible Conversations“ haben die Herausgeber Andrew Bolton und Harold Koda 206 Fotografien mit den Werken der beiden Modeschöpferinnen montiert. Die prächtigen Muster und Farben der kostbaren Stoffe kommunizieren miteinander, beziehen sich aufeinander oder bekriegen sich erbittert; gewagte Schnitte fordern heraus und reichen sich die Hände im Bewusstsein ihrer Meisterschaft. Die Ausstellung Schiaparelli/Prada ist durchaus eine Reise nach New York wert – die Anschaffung des Buches ist ein wenig günstiger und lohnt sich mindestens genauso.

Andrew Bolton/Harold Koda: Schiaparelli and Prada. Impossible Conversations. Einführung von Judith Thurman. Yale University Press. 324 Seiten. 206 Abbildungen. 30,95 Euro.
Ausstellung im Metropolitan Museum of Art, New York City: 10. Mai – 19. August 2012

Die Frau in der Kunst

Als Idee hübsch, in der Ausführung stellenweise ärgerlich ist „Schön und verführerisch. Die Frau in der Kunst“ geraten. Die italienische Kunsthistorikerin Federica Tozzi hat rund zweihundert berühmte Gemälde von der Antike bis in die Neuzeit zusammengetragen, auf denen Frauen dargestellt sind und ihnen mehr oder weniger passende Zitate namhafter DichterInnen gegenübergestellt. Dieses Konzept ruft laut und deutlich „verschenk mich!“, und als Geschenkbuch ist „Die Frau in der Kunst“ gewiss auch vom Verlag gedacht; dafür spricht zum Beispiel, dass das Werk in zwei Ausstattungsvarianten zu haben ist: als opulentes, großformatiges und kostspieliges Coffeetablebook und als kleines, griffiges, erschwingliches Minibuch.

Trotz der unbestritten großartigen Gemälde (Cranach, Tizian, Boucher, da Vinci – und wie sie alle heißen) kommt das Buch leider häufig nicht über hochkulturell abgefedertes Herrenwitzniveau hinaus: Da wird Franz von Stucks düster-diabolische Salome von 1906 mit Robert Stolz’ dämlichem Schlagertext „Salome, schönste Blume des Morgenlands“ gepaart und Goethe-Kumpel Johann Peter Eckermann darf gegenüber Renis Gemälde aus dem 17. Jahrhundert „Die Entführung der Helena“ in altväterlicher Schenkelklopfmanier behaupten: „vom Raub der Helena würde niemand lesen, wär’ Helena nicht gar zu schön gewesen.“ Wir wollen nicht zu kleinlich sein: Lässt man die Zitate beiseite, bleibt ein kenntnisreich zusammengestelltes Kompendium von Frauendarstellungen durch die Jahrhunderte, anhand derer sich der Wechsel und das hartnäckige Bestehen von Rollenbildern und Klischees wie Hure, Heilige, Mutter, Mörderin, Sexobjekt oder verführte Unschuld gleichermaßen ausmachen lassen.

Federica Tozzi (Hg.): Schön und verführerisch. Die Frau in der Kunst. Parthas Verlag 2012. 400 Seiten mit Abbildungen. 14,90 Euro.