Geschrieben am 3. Mai 2016 von für Bücher, Litmag

Erzählungen: Bernd Cailloux: Surabaya Gold. Haschischgeschichten

Bernd Cailloux Surabaya GoldBürgerliche Subversivität

von Zoë Beck

Sechs Haschischgeschichten, dazwischen Miniaturen, Schlaglichter auf ebenfalls Cannabis-getränkte Zusammenhänge, und schließlich noch eine Nachbemerkung zur Lage des Haschischkonsums: Das ist das schöne, schmale Buch „Surabaya Gold“ von Bernd Cailloux. Wir begegnen darin Menschen, die mit Haschisch, Piece, Gras, Shit, Cannabis … also mit diesem rauchbaren Zeugs in Berührung kommen und damit auf unterschiedliche Weise glücklich werden.

Die beiden Rentner zum Beispiel, die sich in der Reha kennenlernen und gemeinsam auf der wenig frequentierten Parkbank in den Sonnenuntergang kiffen, oder die Freunde aus Schulzeiten, die an den Zollbeamten Kiloweise Gras vorbeischmuggeln und anschließend den Rausch ihres Lebens feiern. Die katzenverrückte Kifferin, die nach der Zwangsräumung der ehelichen Villa ihre wahre Bestimmung im Leben und in Mecklenburg-Vorpommern findet – Katzen und Kiffen bleiben Bestandteil ihres Alltags.

Sogar der ehemalige Offizier der Handelsmarine er selbst findet das Verhalten seiner dem Rauchwerk ausgesprochen zugewandten Ehefrau sowie ihrer jungen Kifferfreunde seltsam bis lästig, die Geschichte ist im Ansatz eine Umkehrung von Brecht/Weills Surabaya Johnny – selbst dieser dem Drogenkonsum wenig geneigte Mann sitzt am Ende glücklich und zufrieden in seiner Gefängniszelle, in die ihn der nagende Wunsch geführt hat, seine Frau nachhaltig zu beeindrucken. Für einige von Caillouxs Figuren geht es nicht ganz so gut aus, auch sie landen wie der Offizier im Gefängnis, aber erstens sind sie damit nicht glücklich und zweitens war es, wenn man genau hinschaut, nicht die Kifferei, die sie dorthin gebracht hat, sondern schlicht die Geldgier.

Anders gesagt: Augenzwinkern und, wie es im Klappentext heißt, sanfte Satire hin oder her, der Autor sagt natürlich deutlich, wie er zum Haschischkonsum steht und schlägt den Bogen von den frühen Sechzigern bis heute.

Besonders die erste Geschichte, „Charly 1962“, bezaubert durch das Eintauchen in das Lebensgefühl von vier Jugendlichen, die in der Provinz aufwachsen, die Beatles entdecken, große Träume haben und vom Kreiswehrersatzamt auseinandergerissen werden – aber zwei halten eine Brieffreundschaft zwischen Kaserne und großer Seefahrt, wodurch das exotische Rauchwerk aus Ostasien bald auch im Harz Einzug hält.

Cailloux schreibt, wie man es von ihm kennt, ohne Verklärung, ohne Romantik, ohne Kitsch, dafür mit feinem Humor und schöner Klarheit; ihm reichen wenige Attribute, um eine ganze Zeit auferstehen zu lassen und die Protagonisten zu charakterisieren. Immer und überall schwebt ein 68er-Gefühl wie eine Rauchwolke durch die Erzählungen, und auch wenn sich dieses Gefühl über die Jahrzehnte verändert hat, sogar bürgerlicher geworden ist (das zeigt sich schön in der Erzählung „Soul zu dritt“), bleibt der Geruch von Subversivität und Revolte nicht nur in den Gardinen hängen.

In „Ein Mann des Übergangs“ wird erzählt, wie der Handel mit Haschisch nach und nach organisierter und professionalisierter wurde, ein schönes Stück Zeitgeschichte am Beispiel eines jungen Dealers. Den Rahmen der Erzählung liefern die schon genannten Rentner in der Reha, die anschließend nicht nur im Angedenken an die guten alten Zeiten gemeinsam einen durchziehen werden.

Legalize It!

Bernd Cailloux liefert noch eine Nachbemerkung mit, in der er faktisch untermauert das Verbot von Haschisch kritisiert, dann aber fast schon die möglicherweise eines Tages bevorstehende Legalisierung des Haschischkonsums bedauert: Er verweist auf die Kommerzialisierung am Beispiel des US-Bundesstaats Colorado, und er entwirft ein dröges, lustfeindliches deutsches Szenario mit streng blickenden Apothekern und viel Papierkram zur Genehmigung einer gepflegten Tüte.

„Surabaya Gold“ erscheint zum richtigen Zeitpunkt. Im April fand die Sonderkonferenz zur Drogenpolitik, die United Nations General Assembly Session on Drugs in New York statt, und erst vor kurzem plädierte der ehemalige Generalsekretär der Vereinten Nationen, Kofi Annan, für eine Aufgabe der bisherigen globalen Drogenpolitik, obwohl er selbst noch vor fast zwanzig Jahren eine drogenfreie Welt anstrebte. Auch der britische Journalist Johann Hari legt in seinem unlängst erschienenen umfangreichen Werk „Drogen – die Geschichte eines langen Krieges“ (hier zur Kurzrezension auf CrimeMag) noch einmal schlüssig dar, was im Grunde allgemein bekannt ist: Das Drogenverbot hilft nur der organisierten Kriminalität und hält kaum jemanden ernsthaft vom Konsum ab.

Es ist die staatliche Einmischung, die Bernd Cailloux kritisiert, sowohl was das Verbot von Haschisch angeht, als auch was die Legalisierung bringen könnte. Er schreibt:

„Reglementierungen aber widersprechen dem Geist der Droge. Haschisch hat seine Riten und damit eine ganz eigene, unberechenbare Aura. Ginge sie verloren, wird sich die törnende Kundschaft an die Zeiten erinnern, als der Deal noch ruckzuck im Privaten, gar Freundschaftlichen ablief – staatsfern und mit dem alten Thrill des Illegalen, dem beflügelnden Gefühl einer trotz Verbot konspirativ begangenen Tat.“

Drogengegner werden darin kaum ein Problem sehen. Aber Cailloux fragt sich, wo da noch die einstigen Ideale von „Piece for Peace“ sind, wo der Aussteigergedanke bleibt, wo das Gefühl, Ruhe in dieses Leben zu bringen?

Ruhe, das soll hier festgehalten werden, bringen die kleinen Kiffergeschichten samt der Miniaturen auf jeden Fall und im besten Sinne. Es ist eine wunderbar entspannende Lektüre mit lustvollen, aber zarten Seitenhieben und sprachlicher Eleganz. 

Zoë Beck

Bernd Cailloux: Surabaya Gold. Haschischgeschichten. Suhrkamp Taschenbuch, 2016. 139 Seiten. 10 Euro.

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