Elly Griffiths: Totenpfad


Knochen aus der Eiszeit

Auf seinen Streifzügen durch die vielfältige Wunderwelt durchschnittlicher Kriminalromane – ein kritisches Verfahren, das man gar nicht genug loben kann – stößt Joachim Feldmann auf die merkwürdigsten Texte. Hier sein neuester Report.

In der Hoffnung auf angenehm altmodische Krimiunterhaltung beschritten wir frohgemut den Totenpfad und wurden zunächst auch nicht enttäuscht. Wir wunderten uns zwar ein wenig über Sinn und Zweck des bewusst rätselhaft gehaltenen Prologs, konnten uns aber dessen Vorhandensein rasch mit einem der ungeschriebenen Gesetze des Genres erklären, welches besagt, dass mysteriöse Vorausdeutungen Atmosphäre schaffen. Und warum sollte die Engländerin Elly Griffiths ausgerechnet in ihrem Krimidebüt mit bewährten Traditionen brechen? Nicht beantworten konnten wir uns allerdings die Frage, warum die Autorin ihre mythologisch grundierte Geschichte von Rache und Mord in einem irritierenden Präsens erzählt. Aber man muss ja auch nicht alles wissen.

Im ersten regulären Kapitel sollen wir die Hauptperson kennen- und schätzen lernen. Ruth Galloway, eine sympathische Enddreißigerin, lehrt forensische Archäologie an der (fiktiven) Universität von King’s Lynn in der englischen Grafschaft Norfolk. Sie liest Krimis von Ian Rankin, aber keine Zeitung, hört den BBC Word Service und ist Atheistin. Ihr Haus befindet sich in einer einsamen Gegend, nämlich am Rande eines Salzmoors. Wer gerne nach Zeugnissen untergegangener Kulturen gräbt, ist hier sehr gut aufgehoben. Und als Setting für einen Kriminalroman mit leichten Gruselelementen eignet sich eine Gegend, in der vor 2000 Jahren wahrscheinlich Menschen geopfert wurden, ganz hervorragend.

Raubauz

Die Krimihandlung lässt nun auch nicht mehr lange auf sich warten. Schon gegen Ende des Kapitels tritt der raubauzige Kriminalist Harry Nelson auf den Plan. Er braucht die Hilfe der Expertin, um einen mysteriösen Knochenfund einordnen zu können. Seit zehn Jahren nämlich sucht er nach einem Mädchen, das damals spurlos verschwand. Dass Nelson in dieser Zeit eine ganze Reihe gehässiger Briefe mit kryptischen Hinweisen auf den Verbleib des Kindes zugeschickt wurden, ist mit dafür verantwortlich, dass er den Fall noch immer nicht zu den Akten gelegt hat. Doch die Knochen, die Ruth für ihn untersucht, stammen aus der Eisenzeit. Und dann verschwindet wieder ein Mädchen.

So weit, so mysteriös. Vom Klappentext bereits darüber informiert, dass der Täter sich ganz in Ruths Nähe befindet, zogen wir unsere Schlüsse, lasen mit mäßigem Interesse weiter und fanden unseren Verdacht bestätigt. Zwar sorgt die Autorin durch eine kleine Schleife in der Abwicklung des Plots noch für ein bisschen Aufregung und schickt unsere Heldin gegen Ende des Buches zum Showdown ins Moor, doch da waren wir schon nicht mehr richtig bei der Sache. Wenig überzeugend fanden wir auch die ausgesprochen konstruiert wirkende Motivlage.

Die Originalausgabe von Totenpfad erschien – wie die Übersetzung – erst im vergangenen Jahr. Aber der deutsche Verlag weiß bereits, dass sich „weitere Bände“ in Vorbereitung befinden. Auf Elly Grifftiths, der die Idee zur Figur der Ruth Galloway kam, „als ihr Mann seinen Job als Banker aufgab, um Archäologe zu werden“ (Klappentext), kommt also eine Menge Arbeit zu. Ginge es nach uns, könnte sie stattdessen ruhig dem Gatten bei seinen Ausgrabungen zur Hand gehen.

Joachim Feldmann

Elly Griffiths: Totenpfad (The Crossing Place, 2009). Roman.
Aus dem Englischen von Tanja Handels.
Reinbek bei Hamburg: Wunderlich 2009. 320 Seiten. 19,90 Euro.

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