Elijah Wald: Vom Mississippi zum Mainstream. Robert Johnson und die Erfindung des Blues


Die List des Mythos

– Joe Paul Kroll über den Musiker Robert Johnson und die historische Akribie, mit der sich Elijah Wald in „Vom Mississippi zum Mainstream” dem musikalischen Umfeld in dem der Blues entstanden ist annähert.

Als der Folklorist Alan Lomax 1941 und 1942 Muddy Waters auf der Plantage bei Stovall, Mississippi besuchte und die ersten Aufnahmen mit dem später als Mitbegründer des Chicago-Blues legendären Sänger und Gitarristen machte, versäumte er nicht, auch einen Blick auf Waters’ Plattensammlung zu werfen. Sieben Stück waren es nur:

„ … zwei von Arthur ‚Big Boy’ Crudup, einem Bluesmusiker aus Mississippi, und eine von Jay McShann und seinem Orchester aus Kansas City. Hinzu kamen eine Platte mit Gospelpredigten und zwei ältere Aufnahmen von Peetie Wheatstraw und Sonny Boy Williamson.“

Auch das Repertoire, das Muddy Waters bei seinen Auftritten in den örtlichen Tanzschuppen spielte – damals noch ohne elektrische Verstärkung – bestand zu weniger als der Hälfte aus Bluesnummern. Vielmehr schloss es aktuelle Hits ein, wie sein Publikum sie verlangte. Weder also war der Blues die unmittelbare Äußerung einer schwarzen Volksseele in ungebrochener Tradition, noch hat sich seine Entwicklung an einem vorgegebenen Reinheitsstandard orientiert. Maßgeblich waren vielmehr die „Trends, denen die Masse der schwarzen Plattenkäufer folgte.“

Unsere Vorstellung des musikalischen Umfelds, in dem der Blues gedieh, zurechtzurücken, ist die vornehmliche Aufgabe, die sich Elijah Wald in seinem ersten auf Deutsch erschienen Buch gesetzt hat. Neben seiner Beherrschung des historischen Handwerks verfügt Wald auch über ein Gespür für die Sprache, in der Legenden artikuliert werden, und kommt so zu dem Schluss, dass ein weißes Publikum von der Vorstellung einer „dunklen“ Herkunft des Blues ganz kirre gemacht worden sei. Dazu komme ein Gutteil nostalgie de la boue, weshalb, wie Wald schreibt, Weiße sich unter einem Bluesclub eine noch heute eine verrauchte, stinkende Kaschemme vorstellten, wie sie ein schwarzes Publikum nach Kräften meiden würde. Die tatsächliche Geschichte des Blues lasse dagegen wenig Raum für solche Romantisierung.

Robert Johnson

Von Teufelspakten und anderen Missverständnissen

Um keine Figur haben sich solche Missverständnisse kristallisiert wie um den 1938 mit 27 Jahren ermordeten Robert Johnson. Dessen herausragender Platz in der Geschichte des Blues sei weniger seinem tatsächlichem Einfluss unter seinen Nachfolgern geschuldet denn einer Legendenbildung, an der „eine kleine Clique englischer Jungs in den späten fünfziger und frühen sechziger Jahren“ keinen geringen Anteil gehabt habe – jene Herren Clapton, Mayall, Green etc., die aus dem Blues den Blues-Rock machten. Gerade für die Wahrnehmung des weißen Publikums hätten diese einen Kanon geprägt und einen Blick auf Geschichte und Ästhetik des Blues kultiviert, den Elijah Wald einer behutsamen, doch umfassenden Revision unterzieht. Kriterien, wonach manche Bluessänger irgendwie „echter“ gewesen seien als andere – am echtesten natürlich der verruchte Johnson –, hätten mit den Rezeptionsgewohnheiten des zeitgenössischen Publikums nichts zu tun gehabt. Das Ausmaß der Vermischung und gegenseitiger Beeinflussung schwarzer und weißer Musiker sei unterschätzt worden. Dazu hätten auch Folkloristen wie Lomax beigetragen, durch Auswahl und Befragung der Gewährsleute und einem Vorurteil zugunsten einer vermeintlich authentischen Volkskunst.

Das legendäre Mississippi-Delta – eine Tiefebene weit oberhalb der Flussmündung – sei für den Blues, wie er damals wahrgenommen wurde, eher eine randständige Gegend gewesen. Dementsprechend habe auch habe Johnsons Stärke nicht darin gelegen, den genius loci in besonders reiner Form verkörpert zu haben, sondern in seiner Ver- und Anwandlungskunst. Warum, wird man sich also fragen, beschäftigt sich Wald dann doch so ausführlich mit Johnson und seiner Musik, dass er ihm den zentralen Teil dieses Buches widmet?

Die Antwort kann wohl nur darin liegen, dass an den 42 verrauschten Aufnahmen, die Johnson hinterlassen hat, etwas ist, dem mit Kontextualisierung nicht beizukommen ist. Walds Begeisterung für diese Musik tritt denn auch unbeschadet aller Entzauberung zutage, wobei er die Kluft zwischen historischem und ästhetischem Urteil nicht ganz zu überbrücken vermag. Was, muss man also fragen, wenn die retrospektive Kritik gegenüber dem zeitgenössischen Kommerz doch recht haben sollte? Ein vergangenes Zeitalter nicht nach fremden Maßstäben zu beurteilen, ist eine alte Tugend der historischen Schule. Bei aller Detailversessenheit, die Wald seinem Gegenstand widmet, erscheint dieser jedoch als Idee blass. Mythen lassen sich nicht auf einen historischen Tatbestand reduzieren und mit dessen Korrektur ausräumen, sondern bringen in diesem Fall in einem Wechselspiel aus Annäherung und Distanzierung ein lebendiges Verhältnis zur Vergangenheit zum Ausdruck.

Nicht, dass mit historischer Akribie keine Erkenntnis zu gewinnen wäre: Walds detailreiche Schilderung von Robert Johnsons Aufnahme-Sessions wirkt klärend, indem die einzelnen Stücke in zeitlicher Folge, als Teil einer künstlerischen Entwicklung betrachtet und in die Traditionen des Blues sowie der populären Musik insgesamt eingeordnet werden. So wird auch der Status eines legendenumrankten Stücks wie „Me and the Devil“ neu bestimmt – auch, indem Wald statt des überstrapazierten Diabolischen den Humor betont, den heutige Hörer vor lauter Teufelspaktlegenden gar nicht mehr auszumachen imstande sind, aber durchaus mit der Sprücheklopferei heutiger Rapper vergleichbar sei. Das ist eine ähnlich heilsame Erkenntnis wie jene, Kafka habe beim Vorlesen aus dem „Prozeß“ sein Lachen kaum unterdrücken können.

Eine ganz andere Herangehensweise hat Greil Marcus in seinem Buch „Mystery Train“ (1975) gewählt. Nun mag man mit Walter Benjamin der Ansicht sein, Mythos und Wahrheit schlössen einander aus, doch Marcus liefert, wenn nicht den schlagenden Gegenbeweis, dann doch einen Beleg dafür, dass uns Mythen nicht nur das Unbegreifliche auf den Begriff bringen, sondern auch uns die Wirklichkeit zugleich vertiefen und bewältigen helfen, wie es bloße Fakten nie vermöchten. Marcus erkannte, dass das Besondere an Johnson gerade jene Attribute sind, die wir ihm andichten, in seine Musik hineinhören: Johnson habe Verrat und Verzweiflung des amerikanischen Traums nicht minder beredt ausgedrückt als F. Scott Fitzgerald am Schluss von „Der Große Gatsby“.

Doch Marcus nimmt Johnson nicht weniger ernst, als Wald es tut, auch wenn die mythische Landschaft, die Marcus durchmisst, jene des Rock & Roll ist.

Das Problem eines Zugangs, der sich auf historische Darstellung und rezeptionssoziologische Analyse nicht nur beschränkt, sondern sie als einzig legitime Herangehensweise begreift, ist, dass eine ästhetische Kritik so unmöglich gemacht wird. Dagegen ließe sich freilich mit Wald einwenden, eine solche sei auch in den mystifizierenden Darstellungen mit ihrem Authentizitätskult nur vorgetäuscht worden.

Denn tatsächlich muss man anerkennen, dass der Mythos des Blues vielerorts so heruntergekommen ist wie eine verwitterte Gedenktafel am Highway 61. Das Lebendige, in die heutige Zeit Hineinragende am Blues ist nicht in den Museen zu finden. Vielleicht gibt Walds Schilderung der unersättlichen Neugierde der alten Bluesmusiker dem Mythos wieder etwas von der Freiheit zurück, die zu seiner Erneuerung nötig wäre.

Elijah Wald, Quelle: Homepage

Revision der Popgeschichte

Elijah Wald, der selbst viele Jahre als Musiker unterwegs war und sich heute als Musikjournalist und Dozent betätigt, pflegt eine Betrachtungsweise, die die Gesamtheit populärer Musik umfassen will. Eine Notwendigkeit hierzu sieht er besonders für jene Zeit, bevor der Rock & Roll zur kommerziell unangreifbaren Stilrichtung wurde und eine entsprechende Vermarktung erfuhr, deren Musikgeschichte jedoch von retrospektiven Genresetzungen parzelliert werde. Nicht nur dass, „Blues und Jazz [...] Teil ein und derselben Musikwelt waren“, wie Wald schreibt. „Ist es vielleicht an der Zeit“, fragt er weiter, „daran zu erinnern, dass die Bluesszene zu Johnsons Zeit Teil einer Welt der Popmusik war, zu der auch Fats Waller, Gene Autry und Bing Crosby gehörten? Wie würde die Bluesmusik eines ganzen Jahrhunderts aussehen, wenn wir, nur für einen Moment, versuchen, auf den Filter des Rock ’n’ Roll und unserer heutigen Vorlieben zu verzichten?“

Wald hat diese These in einem 2008 erschienenen Buch mit dem polemischen Titel „How The Beatles Destroyed Rock & Roll“ weiterentwickelt: Dass nämlich die Fokussierung auf diejenigen Gestalten, die die Geschichte als die wegweisenden Genies ihrer Zeit kanonisiert hat, die tatsächlich populären Musiker oft übergehe. Als Beispiel nennt Wald, dass er selbst über Jahre hinweg über die Musik der 20er Jahre geschrieben habe, ohne je auch nur eine Platte von Paul Whiteman zu hören. Doch Zeitgenossen, die vom „Jazz Age“ sprachen, hätten mit Jazz eben vor allem die Musik Whitemans und seiner Band gemeint. Diese wiederum diente Bing Crosby als Sprungbrett zum Starruhm – auch er ein Sänger, dessen Einfluss auf Elvis Presley und andere oft übersehen werde. So reißt Wald die Zäune ein, die schon die frühen Rockhistoriker zwischen Elvis Presley, Chuck Berry, Big Joe Turner und den Drifters einerseits und Pat Boone oder Perry Como andererseits zogen.

Wald, es wurde schon angesprochen, versteht es nicht immer, seine als Historiker gewonnenen Erkenntnisse auch als Kritiker zu rechtfertigen. Doch die historischen Argumente verdienen auch für sich genommen Beachtung. Denn manchmal sind die bloßen Fakten eben doch aufschlussreich genug. Zu Walds guten Einfällen gehört, im Anhang, wo sich in solchen Büchern sonst gerne eine ausufernde Diskografie befindet – also der durch die Vorlieben des Autors gefilterte Kanon –, Inventarlisten von Jukeboxen in Clarksdale um 1941 abgedruckt. Daneben hat er exzellentes Bildmaterial zusammengetragen, wozu insbesondere Werbeanzeigen für Schallplatten aus den 1920er und 30er Jahren zählen.

Die gute alte Zeit des echten Blues, von der weiße Fans gerne fabulieren, hat es nie gegeben – für Afroamerikaner im Süden ohnehin nicht, und erst recht nicht während der Wirtschaftskrise der 1930er Jahre. Doch bei allem Widerwillen gegen die denkmalschützerische Gebärde kommt auch Wald zu dem Schluss, der echte Blues sei irgendwann vor 1970 gestorben, als sich die neue Generation vom Gesang abgewendet habe. Seitdem habe die Musik an Eleganz und Esprit verloren, technische Virtuosität – die Ästhetik von Progressive Rock und Heavy Metal – sei als entscheidendes Kriterium an seine Stelle getreten. So bleibt trotz allen Einwänden doch der Blick zurück auf eine Vergangenheit, auf die sich die Sehnsucht nach Verlorenem projizieren lässt.

Dazu gehört auch die Frage, was aus Robert Johnson geworden wäre, hätte ihn nicht ein eifersüchtiger Ehemann vergiftet und wäre er stattdessen wie geplant beim Konzert „From Spirituals to Swing“ in der Carnegie Hall aufgetreten. Diese Frage hat schon Robert Palmer gestellt, der in seinem Buch „Deep Blues“ (1981). mutmaßt, Johnson hätte womöglich schon als ein Jahrzehnt vor Muddy Waters dessen Leistung vollbracht, den Delta-Blues an ein breites Publikum heranzutragen. Wald hält dagegen, Johnson habe schon 1938 eher eine randständige Spielart des Blues vertreten. Wichtiger aber sei, sich zu vergegenwärtigen, dass Johnson am Anfang seines Schaffens stand – man müsse sich nur vorstellen, Ray Charles sei 1954 gestorben, um den potentiellen Verlust zu ermessen.

Joe Paul Kroll

Elijah Wald: Vom Mississippi zum Mainstream. Robert Johnson und die Erfindung des Blues. Übersetzt von Michael Hein. Rogner & Bernhard 2012. 432 Seiten mit zahlreichen Abbildungen. 19,95 Euro. Zur Homepage von Elijah Wald.