Posted On 23. November 2011 By In Bücher, Litmag With 301 Views

Edouard Glissant/Patrick Chamoiseau: Brief an Barack Obama

Hohes Lied auf die Weltwerdung

Èdouard Glissant und Patrick Chamoiseau lassen Mauern fallen und packen ihr Plädoyer für die „Schönheit der Welt“ in ein schmales Büchlein, das gerade in diesen Zeiten auf der Verkaufstheke jeder Buchhandlung ausliegen sollte. Von Carl Wilhelm Macke

Jetzt ist wieder die hohe Zeit der Sicherheitstechniker. Jungnazis ziehen brandschatzend, raubend und mordend durch Deutschland und schon preisen die Handwerker des Sicherheitsstaats ihre Dienstleistungen an. Einige Schrauben im Verfassungsschutz müssten dringend wieder angezogen werden. Die Qualifikation der V-Leute lässt zu wünschen übrig. Die Beobachtungstechnik muss erneuert werden. Alle Bedenken gegen die Vorratsdatenspeicherung müssen fallen. Ein Verbot der NPD sollte mal wieder in Erwägung gezogen werden. Und so weiter und so fort. Man redet, talkt und poltert, als sei das Weltbild, der Rassismus, die Dummheit und das Gewaltbekenntnis herummarodierender Jung- und Altnazis nicht schon längst bestens bekannt. Es reicht, die Seite netz-gegen-nazis anzuklicken, um sich über die Ausbreitung des braunen Sumpfes auf der deutschen Landkarte zu informieren. Natürlich ist es notwendig, sich und andere vor Mördern zu schützen. Und über ein gesetzliches Verbot der NPD kann man streiten – aber ist durch einige politchirurgische Eingriffe der nationale und/oder rassistische Wahn aus den Köpfen von (immer mehr?) Menschen zu beseitigen?

Edouard Glissant

Wer des Lesens mächtig ist, was man bei den Nazis nicht unbedingt weiß, bei den Politikern und Pädagogen aber immer unterstellen sollte, sei aus aktuellem Anlass auf ein im Umfang sehr schmales Büchlein hingewiesen. Es ist in einem kleinen, gut sortierten Nischenverlag erschienen. Sowohl der Wunderhorn Verlag als auch die Autoren Èdouard Glissant und Patrick Chamoiseau verdienen es, gerade in diesen Tagen ganz vorn auf den Verkaufstresen der Buchhandlungen platziert zu werden. Der leider in diesem Jahr verstorbene Glissant wie auch Chamoiseau stammen von der Karibikinsel Martinique und beide haben sie Frankreich als ihren Lebensmittelpunkt gewählt. Ihre „Heimat“ aber ist keine Geringere als die Welt. Jede Form von Nationalismus, von ideologisch, schlimmer noch, rassistisch begründeter Abschottung gegenüber der „Vielheit der Welt und ihrer Kulturen“ ist ihnen zutiefst zuwider. Ja, sie verstehen sogar die „Politik der Vielheit“ als eine Poetik. Ob man dazu aber sofort Barack Obama zu einem großen Vertreter dieser Poetik erklären muss, wie es in dem ersten Essay „Brief an Barack Obama“ immer wieder aufscheint, ist diskussionswürdig. Diese im Ton manchmal überzogene Eloge auf Obama, den „ersten amerikanischen Präsidenten mit kreolischen Wurzeln“ liest sich heute, Jahre nach ihrer Formulierung und ernüchtert durch die nicht immer glanzvolle Politik von Obama, doch etwas anders und kritischer. In dem zweiten, nur wenige Seiten umfassenden Essay „Wenn die Mauern fallen“ möchte man jedoch fast jeden Satz unterstreichen.

Identitätsmauern

Schon mit dem ersten sind wir mittendrin in der aufgeheizten aktuellen Debatte um die Konsequenzen der Globalisierung und „Entwurzelung“ von Identitäten und Kulturen. „Der Reichtum der Identität liegt darin, daß sie sich offenbar kontinuierlich entwickelt und wächst, dies gilt sowohl für die kollektive als auch für die persönliche Identität“. Glissant und Chamoiseau sehen den Fall der zwischen den verschiedenen nationalen, ethnischen, kulturellen Identitäten errichteten Mauern als eine Bereicherung und nicht als eine Bedrohung des Lebens an. Deutsche Nationalisten in Springerstiefeln oder folkloristisch kostümierte Anhänger der italienischen Lega Nord wissen nicht, auf welchen Reichtum sie verzichten, wenn sie ihre Identitäten schreiend oder auch mordend gegen die Anderen, die Fremden verteidigen. „Die als Mauer errichtete Identität kann Sicherheit verleihen. Sie kann einer rassistischen, fremdenfeindlichen oder populistischen Politik dienen bis hin zur geistigen Lähmung.“

Patrick Chamoiseau 2009, Foto: Ji-Elle

Aber bei aller fast schon hymnischen Laudatio auf die Schönheit einer von Identitätsmauern und nationalen Grenzen befreiten Welt, wissen auch die beiden Autoren um die Bedeutung nationaler Kulturen. „Keine Gemeinschaft auf der Welt, ob sie privilegiert oder verarmt ist, könnte auf das verzichten, was sie als ihre nationale Bestimmung ansieht, die im übrigen hervorragende geistige Leistungen und Erfindungen hervorgebracht oder viele Opfer von ihr gefordert hat.“

Nur wenn wir diesen Reichtum der eigenen Identität entdecken, sind wir dem Prozess der „Mondialität im 21. Jahrhundert“ gewachsen.  Mag sein, dass dieses Hohe Lied auf die „Weltwerdung“ manchmal allzu poetisch, allzu fremd gegenüber den Realitäten einer Welt ist, in der nun mal die Poesie wenig und die Finanzpolitik sehr viel zählen. Trotzdem spürt man sich nach der Lektüre dieses Bandes irgendwie von dem Weltoptimismus und der Menschenfreundlichkeit der beiden karibischen Poeten angesteckt. Dass diese Botschaft von Fremdenhass vollgedröhnte Nazis erreicht, ist unwahrscheinlich. Allen anderen aber, die Techniker des Sicherheitsstaats eingeschlossen, sei die Lektüre, dieses Plädoyers für die „Schönheit der Welt“ sehr empfohlen.

Carl Wilhelm Macke

Edouard [[Glissant]]/ Patrick [[Chamoiseau]]: Brief an Barack Obama. Aus dem Französischen von Beate Thill. Heidelberg: Wunderhorn Verlag 2011. 64 Seiten. 12,00 Euro.

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