Geschrieben am 13. März 2010 von für Bücher, Crimemag

Don Winslow: Frankie Machine

Westküstenmafia oder ein Killer im Winter seines Lebens

Don Winslow war für Jahre in Deutschland weg vom Markt. In den USA hingegen galt und gilt er als einer der Großen unter den Thrillerautoren. Jetzt sind glücklicherweise in letzter Zeit zwei Winslow-Romane in Deutschland erschienen, darunter auch Frankie Machine. Die Verfilmung von Michael Mann mit Robert de Niro in der Hauptrolle wird demnächst in die Kinos kommen. Grund genug für CLAUS KERKHOFF, den Roman auf seine Qualitäten abzuklopfen.

Manchmal ist es eine falsche Erinnerung oder eine simple Verwechslung, die eine Geschichte in Gang setzt. So etwas kann fatal sein, wenn man zudem einen Gegner unterschätzt. Das müssen die beiden Killer erfahren, die Frank Macchiano eine Falle stellen. Der ist bereits im Winter seines Lebens, 62 Jahre alt und seit vielen Jahren aus dem Geschäft.

Aber er war einmal Frankie Machine, einer der besten, wenn nicht der beste Auftragsmörder der Westküsten-Mafia. Damals war er gleichermaßen respektiert und gefürchtet für seine Professionalität und Effizienz. Seine Reflexe sind vielleicht ein wenig eingerostet, aber gelernt ist gelernt. Am Ende büßen die beiden Mörder für ihre Fehleinschätzung mit dem Leben. Und Frankie Machine weiß, dass er in den größten Schwierigkeiten steckt. Warum wollte ihn la mafia töten? Was hat Detroit gegen ihn? Gibt es eine alte Geschichte, über die er zu viel weiß? Nur welche? Frankie muss schnell dahinterkommen und ihm bleibt nur wenig Zeit. Wem kann er noch trauen? Welcher Freund wird ihm jetzt noch beistehen? Wer wird zum Verräter?

Killer auf dem Altenteil

Von seiner Vergangenheit als Auftragsmörder wissen nur wenige seiner heutigen Freunde und Bekannte. Für die meisten ist Frank Macchiano einfach der freundliche Besitzer eines Angelladens auf dem Pier von San Diego; einer, der sich mit seinen Freunden trifft, der hart arbeitet und vier Jobs gleichzeitig hat. Frank muss den Unterhalt für seine Ex-Frau zahlen und das teure Studium seiner geliebten Tochter auch. Trotzdem genießt er das Leben, wozu nicht unerheblich seine Freundin, ein ehemaliges Showgirl, das jetzt eine Boutique besitzt, beiträgt. Bevor er sich auf Spurensuche in seine dunkle Vergangenheit macht, muss er für seine Liebsten sorgen. Und dann muss Frankie Machine beweisen, dass er noch immer einer der Besten ist.

Ein Killer, der von seiner Vergangenheit eingeholt wird und einen letzten Job machen muss, um zu überleben, ist eine Standardsituation der Kriminalliteratur. Don Winslow liefert aber immerhin eine interessante Variation.

In immer wieder eingeschobenen episodenhaften Rückblenden beschreibt Winslow einen Mann, dessen Herkunft und Sozialisation ihn die Laufbahn eines Mörders einschlagen lassen. Anfangs macht er nur kleine Jobs, spielt Chauffeur und imponiert einem Mafia-Boss durch seine Loyalität. Im Krieg lernte er dann als Soldat das Töten von der Pike auf. Nach seiner Rückkehr übernimmt er den ersten Mordauftrag. Er achtet stets darauf, keine Spuren zu hinterlassen. Er meidet Situationen, in denen er gezwungen wäre, Unbeteiligte zu töten. Die Vermeidung von Kollateralschäden ist das Resultat der rationalen Einsicht, dass ein toter Krimineller die Polizei nicht unbedingt anspornt, den Mordfall aufzuklären, aber sehr wohl ein Mord an Unschuldigen.

Töten ist für Frankie Machine ein Handwerk, dabei strebt er nach Perfektion. Don Winslow beschreibt diese stille Gewalt eher beiläufig, aber die Brutalität des Tuns erscheint durch dieses Stilmittel viel krasser, als es eine detaillierte Beschreibung hätte leisten können.

West Coast Mafia

Zudem hat der Roman eine historische Dimension. Winslow zeichnet den Aufstieg von Frankie Machine in den 60er- und 70er-Jahren nach, als Mafia und Politik eine immer noch inzestuösere Beziehung eingehen. Politiker lassen sich von der Mafia schmieren und werden zu deren politischen Erfüllungsgehilfen. Die Macht der Mafia ist so gewaltig, dass bekanntlich sogar amerikanische Präsidenten und Regierungen käuflich wurden. Winslow beschreibt sehr kenntnisreich, wie organisierte Kriminalität und Regierungshandeln im beiderseitigen Interesse koordiniert werden.

In einem solchen Umfeld wird Frankie Machine als ein Krimineller sichtbar, der sich an einen Kodex, an Regeln von Anstand und Ehre gebunden fühlt. Er gehört zur „Old School“. Seine Verfolger von heute hingegen haben die alten Regeln außer Kraft gesetzt. So wird der Wettlauf zwischen Frankie Machine und den Häschern auch zu einem Kampf zwischen der alten und neuen Schule des Organisierten Verbrechens.

In der guten alten Zeit gab es keine Sippenhaft, niemand tötete die Angehörigen eines Opfers. Doch die Zeiten haben sich geändert. Als Frankies Tochter entführt und sein Leben gegen das ihre eingefordert wird („Meinetwegen. Bringt mich um. Aber lasst meine Tochter in Ruhe. Doch das werden sie nicht, weil die Mafiosi von den Politikern versaut worden sind.“), ist der alte Killer bereit, sich zu opfern. Aber rettet dieses Opfer das Leben seiner Tochter?

Die gute, alte Mafia

Winslow spielt mit den gängigen Klischees und Mustern, die wir von la cosa nostra & Co. haben mögen. Damit ironisiert er die Verklärung der „guten alten Zeit“, die Frankie Machine der Gegenwart entgegen hält.

Der untergründige, subtile Humor, die Ironisierung seiner Figuren, ohne sie lächerlich zu machen, die lakonische Erzählweise und die historische Perspektive machen die besondere Qualitäten von Frankie Machine aus, und so zeigt der Shamus-Preisträger Don Winslow seine große Klasse.

Claus Kerkhoff

Don Winslow: Frankie Machine (The Winter of Frankie Machine, 2006). Roman.
Aus dem Englischen von Chris Hirte.
Frankfurt a. M., Suhrkamp 2009. 365 Seiten. 8,95 Euro.