Geschrieben am 17. Mai 2010 von für Bücher, Litmag

Dietmar Dath: Deutschland macht dicht

Wo sind wir bloß reingeraten?

Vielschreiber Dietmar Dath legt ein Bilderbuch über die Finanzkrise vor und lässt dabei die Sehnsucht nach älteren Texten aufkommen. Von Tina Manske

Wenn man die Möglichkeit bekommt, sich die Finanzkrise erzählen zu lassen, dann doch am liebsten von Dietmar Dath, der es schon mit seinen bisherigen gefühlten 300 Büchern immer wieder geschafft hat, schöne Revolutionsgeschichten zu präsentieren, Geschichten, die von einer tiefen Liebe für die darin handelnden Menschen und ihre Ernsthaftigkeit geprägt sind. Deutschland macht dicht, Daths neuestes Buch, ist nun erstaunlicherweise das erste, in dem eben das nicht hinhaut. Erstaunlicherweise deshalb, weil die Ausgangsposition so vielversprechend klingt.

Schauplatz ist die Finanzmetropole Frankfurt, wo sich plötzlich Ungeheures zuträgt – Deutschland plombiert sich, die Regierung macht das Land zu, Orte und Zeit werden durch die Abschottung extrem verdichtet, während das Geld weich und faul wird und giftig. Die Teenager Hendrik und Rosalie sind mittendrin in dieser Chose, ein bisschen verliebt ineinander und werden nun dazu gezwungen, nicht nur ihre eigene Haut, sondern gleich die ganze Welt zu retten. Dazu treten noch eine ganze Menge anderer Personen, von denen man einige recht eindeutig als tatsächliche öffentliche Personen oder Institutionen (zum Beispiel „Erhabene Zeitung“ = FAZ) entschlüsseln kann.

Zu einfach

Das alles ist mit der typischen Dath’schen Mischung aus Naivität und Wissenschaftsmanie beschrieben, und natürlich kann es sich der Autor wieder nicht verkneifen, möglichst alle aktuell herrschenden Diskurse mit einzuflechten. Christopher Tauber (piwi) hat das Buch mit Illustrationen versehen, die den Märchencharakter der Geschichte betonen. Das ist unterhaltsam, doch da die gesamte Geschichte auf einer Abschottung aufbaut, fragt man sich schon zu Beginn: Warum sollte der Kapitalismus sich ausgerechnet abgrenzen, wo er sich doch in Wahrheit möglichst universell verbreiten will (Globalisierung)?

Und so verfolgt man eher skeptisch, wie Dath es sich alles ein wenig zu einfach macht. Mehr als ulkig, ja geradezu doof wird’s aber am Ende, als Jesus als Wiedergänger von Johnny Cash vulgo Cowboy-Jesus wiederkehrt, um die Pharisäer noch einmal aus dem Tempel zu treiben. Und was man davon halten kann, dass das Böse bei Dath den Namen „Sumsilatipak“ trägt, steht schon selbst im Buch drin, weshalb ich der Einfachheit halber kurz zitiere:

„Der Kommunist, dessen jahrelange Kreuzworträtsel-Löserei im feuchten Kellerloch sich jetzt bezahlt machte, schüttelte den Kopf, besiegte den Lachzwang und sagte: ‚Wirklich, wie im Kindergarten … da gibt es also ein Monster, um das Geld zu bewachen, und es heißt einfach ›Kapitalismus‹ rückwärts … wo bin ich hier bloß reingeraten?‘“

Anderes Ufer

Diese Frage stellt sich der sich an den Kopf fassende Leser allerdings schon einige zwanzig Seiten vorher. Die Revolution macht man nämlich nicht begreifbarer oder möglicher, indem man sie auf den kleinsten gemeinsamen Nenner für Infantilisten bringt und niedliche Bilder dazu malt. Wem dieses launige Märchen also zu heiß gestrickt ist, der führe sich zum Vergleich noch einmal Dietmar Daths schöne Geschichte Am blinden Ufer zu Gemüte, die zuerst im Jahr 2000 erschien und nun in überarbeiteter Auflage beim Verbrecher Verlag neu aufgelegt wurde. Bei dieser Erzählung rund um den Leuchtturmwärter Volker (!) greift Dath mit vollen Händen in die Science-Fiction-Kiste und wird doch niemals affektiert oder ungenau, obwohl auch hier mindestens zehn immer noch aktuelle Themen verhandelt werden. „Alle Geschichten, die ich je habe erzählen wollen, sollen beweisen, daß es Liebe und Freundschaft wirklich gibt“, schreibt Dath im Nachwort zur Neuausgabe. Und auch wenn ihm dieser Beweis, wie er selbst vermutet, noch nicht gelungen ist, so gibt Am blinden Ufer doch eine berührende Ahnung davon, dass er recht haben könnte.

Tina Manske

Dietmar Dath: Deutschland macht dicht. Suhrkamp 2010. Broschur. 201 Seiten. 17,80 Euro.

Dietmar Dath: Am blinden Ufer. Verbrecher Verlag 2010. Broschur. 336 Seiten. 14,00 Euro.