Daniel Miller: Das wilde Netzwerk. Ein ethnologischer Blick auf Facebook


Tales from Facebook

– Soziale Beziehungen, traditionell im Fokus der Ethnologie, werden zunehmend im Internet geführt. Daniel Miller wirft einen empirischen Blick auf soziale Netzwerke online und erforscht Facebook – auf Trinidad. Von Kerstin Schoof

Die ersten Studien des britischen Ethnologen Daniel Miller beschäftigen sich mit materieller Kultur. „Stuff“, „The Comfort of Things“ und „A Theory of Shopping“ heißen seine Veröffentlichungen aus den 1990er Jahren, in denen er Menschen in ihrem Londoner Alltag begleitet und ihr Verhältnis zu den Dingen studiert. Bereits in seiner letzten Publikation „The Internet – An Ethnographic Approach“ wendet er sich dann gemeinsam mit dem Soziologen Don Slater virtuellen Welten zu und ergänzt die klassische Ethnographie um eine Komponente der „Netnography“, die die teilnehmende Beobachtung der Ethnologie unter digitalen Bedingungen neu definiert.

Daniel Miller

Öffentliche Ehen und Farmville

„Das wilde Netzwerk“ ist die gekürzte deutsche Version von Millers Studien zu Facebook auf Trinidad, die aus mehreren Fallbeispielen zur Nutzung des sozialen Netzwerks auf der karibischen Insel besteht. Miller trifft den Kleinunternehmer Marvin, dessen Ehe durch Facebook in die Brüche geht – oder deren Ende durch online angeheizte Eifersucht und scheinheilige Anteilnahme der „Freunde“  des Paares zumindest beschleunigt wird. Er porträtiert den ehemaligen Menschenrechtsanwalt Dr. Karamath, der durch seine Krankheit ans Haus gefesselt ist und über Facebook seine Kontakte zu politischen Aktivisten weiterhin pflegen kann. Die eigene Abneigung gegenüber des Facebook-Spiels Farmville überwindet Miller, als er den schüchternen Teenager Arvind trifft, der Farmville mit den Mitschülern seiner Berufsschulklasse spielt und durch seine Online-Kontakte auch in der Schule an Selbstbewusstsein gewinnt.

Millers Fallstudien porträtieren eine große Bandbreite an Facebook-Nutzern, deren Umgang mit dem Netzwerk völlig unterschiedlich ist. Ortsspezifische Besonderheiten in Trinidad mischen sich mit Beobachtungen, die jeder aus dem Bekanntenkreis kennt. Miller nutzt diese Ambivalenz, um eine Grundspannung der Ethnologie zu charakterisieren: zwischen dem „extremen Provinzialismus, zu der man nach einer bestimmten Zeit im Beobachtungsgebiet neigt“ und der gegenläufigen Tendenz, „viel über die Menschheit als Ganzes nachzudenken“. Die Fallbeispiele aus Trinidad werden konsequenterweise in einem zweiten Teil des Buches durch 15 Thesen über Facebook ergänzt und auf ihren verallgemeinerbaren Gehalt überprüft.

Das Revival der Gemeinschaft

Während so der Einfluss des Netzwerks auf unser Zeitgefühl und sich wandelnde Definitionen von Privatsphäre zur Sprache kommt, besteht Millers Grundthese zu Facebook in einem Revival der Gemeinschaft. „Mit Facebook enden zwei Jahrhunderte der Flucht aus Gemeinschaften“, behauptet der Autor und sieht das soziale Netzwerk als grundlegend konservativ in seiner Funktion der Einbindung von Individuen in ihre sozialen Kontakte und deren dauerhafter Bewahrung. So könne Facebook aufgrund seiner Virtualität zahlreiche Nachteile traditioneller Gemeinschaften kompensieren, indem beispielsweise die Intensität einer Beziehung im Netz durch die Beteiligten stärker variierbar ist.

Es erinnere jedoch auch an die Schattenseiten von Gemeinschaften, die in den individualisiert erscheinenden modernen Gesellschaften oft als verlorene Paradiese verklärt werden: an soziale Kontrolle, starre Normen und Konformitätsdruck. Nicht umsonst ist Facebook auf Trinidad auch als „Fasbook“ bekannt –  das Buch von Neugier, Klatsch und Tratsch.

Kerstin Schoof

Daniel Miller: Das wilde Netzwerk. Ein ethnologischer Blick auf Facebook (Tales from Facebook 2011). Aus dem Englischen von Frank Jakubzik. Edition Unseld, Suhrkamp 2012. 218 Seiten. 15,00 Euro. Mehr zu Miller hier.