Dan Wells: Ich bin kein Serienkiller


Diagnose: Monster

Unheimliche Morde in einer Kleinstadt und ein Jugendlicher, der sich für einen angehenden Serienmörder hält. Was im ersten Moment wirkt wie ein halbwegs typischer Gemetzelthriller mit Anklängen an Jeff Lindsays Dexter-Morgan-Bücher, entpuppt sich als Crossover aus Horror-, Serienkiller- und Entwicklungsroman. Das lässt Kirsten Reimers etwas unschlüssig zurück.

In Clayton, einer Kleinstadt im Mittleren Westen der USA, geschehen mehrere unheimliche Morde, sehr blutig und ohne erkennbare Motivation. Der 15-jährige John vermutet dahinter einen Serienmörder – schließlich kennt er sich damit aus: Der Junge ist geradezu besessen von diesem Thema, hält er sich doch selbst für einen angehenden Killer. Als Beleg dafür dient ihm unter anderem Macdonalds Triade, die vollständig auf ihn zutrifft: Bettnässen, Pyromanie, Tierquälerei. Diese drei Merkmale treten bei 95 Prozent aller Serienmörder auf. Aber es gibt noch weitere Hinweise, auf die sich John bei seiner Selbstdiagnose stützt: Sein voller Name lautet zum Beispiel John Wayne Cleaver – man mag ihm noch so oft erklären, dass sein Vater ein großer Filmfan ist und ihn nach dem Schauspieler benannt hat, der Junge sieht als seinen Namenspaten weit eher den Serienmörder John Wayne Gacy. Außerdem heißt sein Vater Sam – und John beharrt, dass er damit der „Son of Sam“ sei wie jener Killer im New York der späten 60er Jahre. Und zu guter Letzt lautet sein Nachname Cleaver und bedeutet also Hackmesser

Die Metzelmorde faszinieren den Jungen, denn vielleicht ist da eine verwandte Seele am Werk, zu der er Kontakt aufnehmen kann. Bald schon ist es ihm tatsächlich möglich, die Identität des Täters festzumachen – doch es handelt sich dabei nicht um den vermuteten Serienmörder, sondern um einen Dämon. John wird klar, dass nur er in der Lage ist, den Täter zu stoppen. Doch dafür muss er das Monster, das er in sich trägt und das er bislang mit ausgeklügelten und strengen Regeln im Zaum hält, von der Leine lassen.

Pubertät und Mordgelüste

Serial Killer gegen Dämon. Das klingt wie Godzilla gegen King Kong. Ist aber nicht ganz so trashig. Bei aller Übernatürlichkeit bleibt der Roman im Realen angesiedelt. Und so richtig unheimlich wird es auch nicht. Was unter anderem an dem eigentlich recht sympathischen Dämon liegt. Es wird zudem nicht ganz deutlich, warum John unbedingt ein Serienmörder sein muss, um den Dämon zu stellen. Johns Probleme mit sich selbst wirken über weite Strecken wie der literarisch aufbereitete Kampf mit den Veränderungen, die die Pubertät mit sich bringt.

Im Laufe der Zeit häufen sich allerdings Verhaltensweisen, die darauf hindeuten, dass John nicht ganz so ist wie andere Kinder – wenn er zum Beispiel seinen Schwarm, die Nachbarstochter Brooke, mit wachsender Obsessivität beobachtet und beginnt, sie in Gedanken „es“ zu nennen, und an anderer Stelle erklärt, dass Serienmörder in ihren Opfern keine Menschen, sondern Objekte sehen. Außerdem kann John keine tieferen Gefühle empfinden. Ganz anders dagegen sein Gegenspieler, der in seiner Menschlichkeit sehr warmherzig wirkt.

Verwischt am vagen Ziel vorbei

Der Junge, der gern töten würde, es aber nicht darf, um in der Gemeinschaft weiterleben zu können – und der Dämon, der nicht töten will, es aber muss, um in der Gemeinschaft zu überleben. Das ist ganz ansprechend aus der Perspektive des Jugendlichen – aber in den Worten eines Erwachsenen – geschildert und nimmt sich selbst angenehmerweise nicht übermäßig ernst. Eine zarte ironische Distanz liegt allem zugrunde, vor allem wenn der potenzielle Serienmörder sich selbst mit einem gewissen Erstaunen beobachtet und sehr rational über das reflektiert, was er gerade tut und denkt. Bis auf wenige Ausrutscher („William Tell“) ist das Buch auch recht gut übersetzt.

Aber insgesamt hinterlässt es einen eher vagen und verwischten Eindruck. Dazu trägt unter anderem der irreführende Titel (auch schon im Original: I Am Not a Serial Killer) sowie die auffällig aufwendige Ausstattung bei: Cover im Prägedruck, dickes Volumenpapier, Vorsatzblätter vor den Kapiteln und ein unregelmäßiger Beschnitt. Vielleicht soll das persönlicher und tagebuchiger wirken. Aber es handelt sich ja gerade nicht um die geheimen Aufzeichnungen eines Menschen, der darlegen will, dass er kein Serienmörder ist. Im Gegenteil: John ist von seiner inneren Berufung überzeugt, er will sie nur nicht ausleben. Und deutlich zentraler als die Serienmörderfrage ist die Dämonenhatz. So entsprechen sich am Ende unfreiwillig und am Ziel vorbeiführend Inhalt und Form, denn auch inhaltlich tappt der Roman zwischen seinen drei Eckpunkten Horror-, Serienmörder- und Coming-of-Age-Geschichte unentschieden hin und her.

Kirsten Reimers

Dan Wells: Ich bin kein Serienkiller (I Am Not a Serial Killer, 2009). Thriller.
Deutsch von Jürgen Langowski.
München/Zürich: Piper 2009. 378 Seiten. 12,95 Euro.

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