Geschrieben am 12. Oktober 2013 von für Bücher, Crimemag

Connie Willis: Die Jahre des Schwarzen Todes

Die Jahre des schwarzen Todes von Connie WillisPerlen vor die Säue

– Connie Willis hat mit ihrem Zeitreise-Roman „Die Jahre des Schwarzen Todes“ alles richtig gemacht. Und dennoch wird der 2011 in überarbeiteter Neuauflage erschienene Roman nicht gelesen. Zu Unrecht, findet Elly Bösl.

Lange Zeit war mir gar nicht bewusst, dass ich jemanden wie Connie Willis wirklich vorstellen müsse. Ich dachte, Sätze wie „,Die Jahre des Schwarzen Todes‘ sind in einer Neuauflage erschienen! Großartig, nicht?“ sollten eigentlich vollkommen ausreichend sein, um meine Sci-Fi-begeisterten Freunde und Bekannte dazu zu veranlassen, in den nächsten Buchladen zu stürmen und sich das Taschenbuch zu holen.

Weit gefehlt! Die häufigste Antwort, die ich erhielt, war ein eher verwirrtes „Was?“. Und dann musste ich doch ausholen und erklären, wer Connie Willis eigentlich ist und was genau „Die Jahre des Schwarzen Todes“ so einzigartig und wundervoll und fantastisch und zu einem der besten Romane aller Zeiten macht. Meist erntete ich spätestens bei Vokabeln wie „Zeitreise“ und „Mittelalter“ nur noch müde Blicke, und ich konnte förmlich die Vorstellungen sehen, die sich mein Gegenüber gerade machte – eine Mischung aus Diana Gabaldon und „Die Wanderhure“. Dabei hat „Die Jahre des Schwarzen Todes“ weder mit dem einen, noch mit dem anderen irgendetwas zu tun.

Oxford, in einer nicht mehr allzu fernen Zukunft: Zeitreisen sind möglich, aber teuer und extrem kompliziert. Die dazu benötigten Technologien sind in den Händen der Männer, die damit am besten umzugehen wissen: der Historiker. Die junge Studentin Kivrin will erstmals ins Mittelalter, genauer: ins Oxford des Jahres 1320, reisen, um Sitten und Gebräuche hautnah zu studieren und damit einen wertvollen Beitrag zur Forschung zu reisen. Professor James Dunworthy ist skeptisch, er hält das ehrgeizige Unternehmen für viel zu gefährlich. Kivrins Mentor, Professor Gilchrist, hingegen ermutigt die Studentin und kann sich auch gegen Dunworthy durchsetzen, der hinter Gilchrists Einsatz nur dessen Profilierungssucht vermutet und damit gar nicht Unrecht hat. Kivrin bereitet sich akribisch auf ihre Zeitreise vor, studiert Mittelenglisch, legt sich eine plausbile Hintergrundgeschichte zu, um ihr plötzliches Auftauchen zu erklären (und die Tatsache, dass sie als Frau alleine unterwegs ist). Sie lernt Mittellatein, die Gebräuche, kirchliche Riten, wird gegen alle möglichen Krankheiten geimpft und plagt sich mit mittelalterlicher Etikette. Aber natürlich geht dennoch alles schief, was schiefgehen kann: In Oxford bricht eine schwere Erkältungsepidemie aus, und ausgerechnet der Techniker, der dafür zuständig ist, Kivrin ins Jahr 1320 zu schicken, ist Patient Zero. Im Fieberwahn verrechnet er sich und schickt die junge Forscherin ins Jahr 1349 – dem Jahr, in dem in England die Pest ausbricht.

Glockenspiel um jeden Preis

Davon bekommen die Professoren zunächst jedoch nichts mit. Professor Dunworthy muss sich neben der grassierenden Seuche mit Vorweihnachtsstress, der kompletten Abriegelung Oxfords durch die Seuchenschutzbehörden und einer amerikanischen Delegation von Glockenspielern, die nichts und niemand davon abhalten kann, ihr Glockenspielkonzert zu geben, herumschlagen. Und natürlich mit seinem Rivalen Gilchrist, der alles andere als bereit ist, zuzugeben, dass hier ein Fehler vorliegen könnte.

Unterdessen landet Kivrin wie geplant im Mittelalter. Sie mimt eine junge Adelige, die ausgeraubt wurde, komplett mit Pferdefuhrwerk und allem. Der Plan sieht vor, dass sie von Bauern, Arbeitern, Kirchenmännern, kurz: von irgendjemandem gefunden werden soll. Doch es kommt niemand. Stundenlang liegt sie im Schnee und wartet vergebens. Schließlich muss sie ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen, doch auch sie hat mit den Auswirkungen der Oxforder Erkältung aus der Zukunft zu kämpfen. Sie kommt bei einer Adelsfamilie in einem kleinen Dorf unweit von Oxford unter – und versteht, trotz aller Vorbereitung, kein Wort. Die hygienischen Zustände sind entsetzlich, und Kivrin hat Angst um ihr Leben. Und als sie feststellt, in welchem Jahr sie sich befindet, und das Sterben um sie herum beginnt, wird diese Angst noch viel, viel größer …

Als 1993 „Die Jahre des Schwarzen Todes“ in den USA erschien, begann der Roman sofort, alle größeren Preise der Science Fiction abzuräumen: Nebula Award, Hugo Award und Locus Award gewann der Roman, für den BSFAA und den Arthur C. Clarke Award war er im selben Jahr nominiert. Nicht ungewöhnlich für Connie Willis, sie hat im Laufe ihrer Schriftsteller-Karriere elf Mal den Hugo Gernsback Award und neun Nebula Awards gewonnen, damit führt sie die Hitliste der Science Fiction-Autoren an. Und sie zeigt auch deutlich, dass sie diese Auszeichnungen wirklich verdient hat. Und damit ist es an der Zeit, die bereits erwähnten Vorurteile gegenüber einem Mittelalter-Zeitreise-Roman zu beseitigen.

Keine Wanderhuren, Päpstinnen und Hebammen

„Die Jahre des Schwarzen Todes“ hat nichts mit der eher romantischen Verklärung des Mittelalters zu tun, wie sie Wanderhuren, Hebammen, Päpstinnen und Wundärztinnen oft bemühen. Im Gegenteil: Kivrin erlebt zunächst einmal die komplette Isolation in der mittelalterlichen Gesellschaft, in die sie hineingerät. Sie kann die Menschen nicht verstehen, am ehesten noch die lateinischen Passagen während des Gottesdienstes. Das Mittelenglisch, das sie gelernt hat, ist so weit von dem, was tatsächlich gesprochen wird, entfernt, wie die Sonne vom Jupiter. Für mich war das der erste wirklich fette Bonuspunkt, den Connie Willis sich hier abgeholt hat, als jemand, der mit dem Mittelhochdeutschen und allen Tücken dabei nicht gänzlich unvertraut ist, belächle ich etwa Crichtons Helden, die sich scheinbar mühelos mit den Bewohnern der Vergangenheit verständigen können. Neben der Sprache (und der Pestepidemie) hat Kivrin noch eine Reihe anderer Probleme: Sie kann lesen und schreiben, was die Adeligen stutzig macht und sie glauben lässt, sie sei eine entlaufene Nonne. Ihre Kleidung ist viel zu fein gefertigt, trotzdem sie handgefertigt ist.

Die geschilderte Welt ist zudem so dreckig, auch die (reichen) Adeligen leben unter Umständen, die man heute nicht mal mehr in Entwicklungsländern vorfindet. Alles starrt nur so vor Dreck. Hygiene? Fehlanzeige! Da wird schonmal die eiternde Wunde am Knie des kleinen Mädchens mit demselben schmutzigen Tuch gesäubert, mit dem man vorher einem Pestkranken den Schweiß von der Stirn gewischt hat. Und inmitten all dessen eine junge Frau, die sich erst nach und nach mit den Menschen unterhalten kann, weil ihr Babelfisch – in diesem Fall ein implantierter Computer – nicht richtig funktioniert. Die außerdem aufpassen muss, nicht als Hexe verbrannt zu werden. Die keine Chance hat, das Leiden der Menschen irgendwie zu lindern, die schlichtweg nichts an den Zuständen ändern kann und – nächster fetter Pluspunkt – auch keine bekloppt-heroisch-romantischen Anstrengungen unternimmt, dies zu tun. Klar ist Kivrin bemüht, ihre eigene Haut zu retten, sie will auch etwas für die Menschen, die ihr nach und nach ans Herz wachsen, tun – aber sie kann nicht. Niemand lässt sie, keiner beachtet sie.

Kivrins weitaus größeres Problem ist allerdings, dass sie sich aufgrund der Grippeerkrankung aus der Zukunft nicht mehr an die Stelle erinnern kann, an der sie aus der Zukunft angekommen ist. Da sie jedoch genau dort wieder in einem bestimmten Zeitfenster wieder ins Oxford des 21. Jahrhunderts zurückgeholt wird, setzt sie alles daran, das kleine Waldstück zu finden. Ihre auswendig gelernten Karten sind nutzlos, die Wege verlaufen weitab ihres vermuteten Verlaufs. Und als Frau, die zudem einen Gedächtnisverlust simuliert, kann sie sich nicht einfach auf den Weg machen und das Terrain auf eigene Faust erkunden. Hierbei hilft ihr die Pest, wenn auch auf grausige Weise: Nach und nach werden ihre (männlichen und weiblichen) Bewacher ausgeschaltet, bis nur noch Kivrin und der Priester übrig sind, der sie auch gefunden hat und der ihr die Stelle zeigen kann. Doch der Abhol-Zeitpunkt ist längst verstrichen.

Doch selbst dann ist ihre Rettung alles andere als gesichert, denn Professor Gilchrist hegt die Befürchtung, dass die Epidemie durch einen Erreger, der irgendwie aus der Vergangenheit nach Oxford gebracht wurde, ausgelöst wurde, und lässt jede Benutzung des Zeitreise-Netzes verbieten. Professor Dunworthy kämpft dagegen an, damit Kivrin nicht für immer in der Vergangenheit verschollen bleibt.

Pest oder Cholera?

Absolut einmalig und umwerfend schildert Connie Willis die beiden Epidemien, mit denen die beiden Protagonisten Kivrin und Dunworthy konfrontiert sind. Beide, sowohl die Pest als auch der unbekannte Grippe-Erreger, legen Oxford komplett lahm und überfordern alle Autoritäten, sei das nun die Kirche oder irgendwelche Behörden. Die Menschen im Mittelalter verrecken ebenso qualvoll wie ihre Nachfahren, und das, obwohl letzteren die beste medizinische Versorgung in modernen Kliniken zuteilwird. Dabei geht Willis überaus geschickt vor, sie verknüpft die verschiedenen  Zeit- und Handlungsebenen mit einem Können, das man wirklich selten findet, nicht nur im Genre, sondern in der Literatur überhaupt. Jede Zeile, jedes Kapitel ist pures Vergnügen, wenn man gemeinsam mit den Protagonisten Schritt für Schritt dahinter kommt, womit sie es eigentlich zu tun haben. Dabei kommt, und hier sind wir bei Pluspunkt Nummer drei, auch der Humor niemals zu kurz. Mein Highlight dabei ist, neben den zahllosen Wortgefechten zwischen Dunworthy und Gilchrist, die amerikanischen Glockenspielerinnen, die sich von all dem gar nicht beirren lässt und munter weiter auf ihrem Weihnachtskonzert besteht, selbst dann noch, als die Truppe nach und nach von der Grippe dezimiert wird.

Die Seuchen selbst führen gegen Ende des Romans dann dazu, dass man jedes Hüsteln, jedes mögliche Anzeichen für eine Infektion genau beobachtet. Unwillkürlich beginnt man, sich regelmäßig die Lymphknoten zu tasten, jeden blauen Fleck zu untersuchen, jedes Niesen lässt einen zusammenzucken. Die Eindringlichkeit, mit der Willis sowohl das schildert, was die Pest aus dem menschlichen Körper macht, als auch die moderne Grippewelle, ist wirklich beeindruckend. War ich auch vor der Lektüre schon ein Hypochonder, war ich wochenlang nach der Lektüre geradezu unausstehlich penibel und pedantisch („Ist das ein Fleck? Wird er größer?!“). Leser mit einer Tendenz zur Hypochondrie seien an dieser Stelle gewarnt: Was vorher ein latent angelegter, irgendwie lustiger kleiner Tick war, kann sich nach knapp 800 Seiten zu einer handfesten Phobie auswachsen. Die Eindringlichkeit, mit der Connie Willis das Sterben im 13. Und 21. Jahrhundert beschreibt, die Aussichtslosigkeit des Kampfes der Ärzte (oder Priester und Zeitreisende) gegen die jeweilige Seuche ist wirklich beeindruckend und lässt einen nicht gerade schnell wieder los. Und wenn man „Die Jahre des Schwarzen Todes“ ausgelesen hat, fragt man sich unwillkürlich, warum eigentlich nicht mehr Leute dieses wunderbare Buch lesen, das einen mitnimmt in die Zukunft und die Vergangenheit. Und kann es etwas schöneres geben, als im nasskalten Herbst mit einem Schmöker über unheilbare Seuchen auf der Couch bei einer Tasse Tee zu sitzen? Ich meine eindeutig: Nein.

Elly Bösl

Connie Willis: Die Jahre des Schwarzen Todes (Doomsday Book, 1993). Roman. Deutsch von Walter Brumm. München: Wilhelm Heyne Verlag, 2011. 784 Seiten. 9,99 Euro. Verlagsinformationen zum Buch. Homepage der Autorin. Mehr zu Elly Bösl: hier.

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